NamenDamen
«Rue im Saau!»

Was hat es mit dem Namen Gsal auf dem Hauenstein auf sich? Philippe Hofmann hat sich auf die Suche des Ursprungs gemacht.

Philippe Hofmann
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Schon vor rund 500 Jahren erstmals erwähnt: Das Gsal in der Gemeinde Hauenstein-Ifenthal, nahe der Kantonsgrenze zu Läufelfingen BL.

Schon vor rund 500 Jahren erstmals erwähnt: Das Gsal in der Gemeinde Hauenstein-Ifenthal, nahe der Kantonsgrenze zu Läufelfingen BL.

BRUNO_KISSLING;Bruno Kissling;

Und nochmals, im besten Hauensteinerdialekt: «Sisch ändlech Rue im Saau!» donnerte Gisiger Fridu* nach, als der Bitterli Bruno und der Füeg Christian noch immer laferten. Stille war im Saal des «Löwen», nun konnte der alte Weidgangstreit nochmals aufgerollt und hoffentlich auch gelöst werden.

Gisiger Fridu ergriff erneut das Wort und forderte Füeg Christian auf, den Vorgang nochmals zu erzählen und wies dabei den Bitterli Bruno scharf zurecht, dieses Mal sein Maul zu halten.

«Es war so», begann Füeg Christian, er habe wie immer am Morgen nach dem Melken seine sechs Kühe aus dem Stall gelassen, die sich dann im Gsal an den saftigen Gräsern verköstigten.

Da Kühe nun mal nicht lesen können und auch nicht wissen, wo das Gsal endet, das Gsalmätteli beginnt und geschweige denn die Gsalweid und die Gsalmatt liegen – nämlich bereits im baselbieterischen Läufelfingen – sei dies halt so und lasse sich auch nicht ändern. Man solle also kein grosses Aufsehen darum machen, Weidfrevel sei dies allemal nicht. Und hätte der Bitterli Bruno letzten Winter die grosse Weide beim Tränkebrunnen nicht gefällt; er wüsste heute besser, wo die Grenze läge.

Aus Sal wurde Ge-Sal

Aber verlassen wir an dieser Stelle den «Löwen»-Saal und widmen uns der Gsal-Thematik. Das Wort Sal bezeichnete in älterer Sprache die «rechtliche Übergabe eines Grundstücks»; als Flurname wird Sal daher oft als Herrengut gedeutet. Im Falle vom Gsal ist eigentliches Sal um ein Ge-Präfix erweitert worden.

Ge-sal müsste es eigentlich heissen, aber das Wort läuft leichter von den Lippen, wenn man das inlautende e auslässt, wodurch die Form Gsal entstand. Dieses Ge-Präfix dient zur Bezeichnung von Kollektivem, etwas, das an einer Stelle vermehrt vorkommt. Wir treffen es auch in Ge-hölz, mundartlich Ghölz, oder Ge-müse, mundartlich Gmües, an.

Das Hauensteiner Gsal ist im Urbar der Herrschaft Gösgen von 1528 ein erstes Mal bereits in der Schreibung Gsal überliefert. Spätere Belege zeigen die Schreibungen Jm Saal (1569), Vff der Sal (1600), im Gsal (1751), Gesal (1826) und Xaal (1872) , bevor sich heutiges Gsal, mundartlich Gsaau, etablierte. Heute existiert in der Gemeinde die Gsalstrasse. Im benachbarten Läufelfingen ist der Name bereits 1485 im Berein (Verzeichnis über Besitzrechte) der Schlösser Farnsburg und Waldenburg in der Schreibung Jm Sal belegt.

Im Mittelalter stand das Wort Sal für den Mittelpunkt einer Grundherrschaft, bestehend aus dem Haus des Herren, Wirtschaftsgebäuden und natürlich dem zugehörigen Boden, dem Salland, in Flurnamen auch oft Selland geschrieben. Die Lostorfer Flur Seleten, 1528 als «Jn Selendenn ob dem frid hag» belegt, dürfte solches Land bezeichnen.

In vielen Gemeinden vorhanden

Das Element Sal war und ist verbreitet: Für Kienberg werden 1355 im Oltner Urkundenbuch «vierzehen juchart akker ligend im Sal» beschrieben, letztmals 1864 als Sal belegt. Noch heute geläufig sind die Namen Saalhööf (1827 Saal Hoof), Saalhöhe (1878 Saalhöhe), Salacker (1877 Salaker) und Salmatt (1544 von einer matten litt im Saal).

Für Stüsslingen findet sich 1528 im Urbar der Herrschaft Gösgen «Jm Sal», ebenfalls 1864 als Saal letztmals belegt, oder für Gretzenbach erneut im Urbar der Herrschaft Gösgen «j Juchartten stosst hinab an das Sal», letztmals aber bereits 1598 in der Form «Einhalbe Jucharten Jm Sal» bzw. «Ein grose Jucharten vff dem Arenfelld im Sal» im Schönenwerder Urbar des Stifts St. Leodegar erwähnt.

Zurück auf den Hauenstein: Lag also hier in dieser Geländemulde zwischen Kesselberg und Läufelfinger Muren ein einst eigenständiger Gutshof, möglicherweise eine froburgische Schenkung?

Oder bezieht sich der Name doch nur, wie der Füeg Christian bemerkte, auf die gefällte Weide, die im Schweizerdeutschen Sal(e) heisst, also eine Salweide, Weide (lateinisch salix) meint, hergeleitet aus mittelhochdeutsch salhe, salch, saliche, und althochdeutsch salaha?

Auch an die Weiden ist zu denken

Weiden sind Wasserzeiger. Sie bevorzugen feuchte Böden und finden sich oft in Quell- oder Bachnähe. Auf dem Gsalhof findet sich heute eine gefasste Quelle mit einer Fördermenge von 50 Litern pro Minute. Am gegenüberliegenden Südhang findet sich zwar keine Quelle, jedoch der Flurname Buen (1485 im Berein der Schlösser Farnsburg und Waldenburg in der Form «ob sich an das holtz wider büchen» belegt), der auf einen einstigen ausgeprägten Buchenbestand hinweist. Buchen meiden Böden mit starker Trockenheit.

Dass das Buen nicht trocken war und ist, zeigt uns der angrenzende Flurname Schmalzmatt, dessen Bestimmungswort Schmalz auf fruchtbaren Grasboden verweist. Gutes Land also, nicht zu nass, nicht zu trocken, und wohl einst im Besitz einer bedeutenden Grundherrschaft, wie es der Reisen, gleich jenseits der Grenze in Läufelfingen war. Aber das ist eine andere Geschichte und jetzt ist Ruhe im Saal, bevor sich Bitterli Bruno und Füeg Christian nochmals in die Haare geraten.

Sämtliche Personen und deren Namen sind frei erfunden. Personen, die sich darin wiederzuerkennen glauben, haben sich dies selbst zuzuschreiben.

Die NamenDamen

In dieser Kolumne ist einmal im Monat von speziellen Flurnamen der Amteien Olten-Gösgen und Thal-Gäu die Rede. Während des Mutterschaftsurlaubs der beiden regelmässigen Autorinnen Jacqueline Reber und Beatrice Hofmann-Wiggenhauser werden die «NamenDamen» von drei Nordwestschweizer Namensforschern vertreten.