Am 3. Dezember sind Sie überraschend während der Gemeindeversammlung zurückgetreten. Was ist seither passiert?

Max Ernst: Offiziell fand letzten Dienstag eine Sitzung statt: In dieser teilten die Gemeindeschreiberin und der Vizepräsident mit, dass sie alle drei auf Ende Jahr auch zurücktreten.

Welche Bilanz ziehen Sie nach 13 Jahren als Gemeindepräsident?

Ich bin der Meinung, dass wir unsere Kleingemeinde gut vorwärtsgebracht haben, die Finanzen sind in Ordnung, nachdem beim Amtsantritt das Damoklesschwert der kantonalen Aufsicht aus finanziellen Gründen sehr nahe war. Lange Zeit ist es uns gelungen, die alten Fehden zu neutralisieren. Dass diese jetzt wieder aufgebrochen sind, macht mich traurig. Es sind vor allem Neid und Missgunst dem aktuellen Gemeinderat gegenüber. Dieser Umstand hindert viele Leute, die Gemeindeversammlungen zu besuchen, weil sie diese Auseinandersetzungen nicht mögen. 

Welche Projekte wurden während Ihrer Amtszeit umgesetzt?

Zunächst einmal haben wir die Finanzen in Ordnung gebracht. Darunter fallen der Verkauf der Elektra an die Industriellen Betriebe Aarau und im Zuge dessen eine sichere fachmännische Versorgung. Geld floss in die Gemeindekasse, nämlich Bares und Vermögen der Elektra Rohr. Des Weiteren haben wir das Schulhaus an die FitzGerald Bilingual Dayschool in Schönenwerd vermietet und rigorose Sparmassnahmen innerhalb der Gemeinde getroffen (günstige Strassensanierungen). – Weiter gingen wir einen Kooperationsvertrag mit der Spitex Schönenwerd/Niedergösgen/Eppenberg-Wöschnau ein. Die diversen Reglemente waren beschlossen, aber nicht umgesetzt, so hatten wir in den ersten beiden Amtsjahren enorm viel aufzuräumen. Zudem wurde eine Homepage aufgebaut. Weiter trafen wir den Entscheid, der Sozialregion Unteres Niederamt (Srun) beizutreten, weil unsere Kleingemeinde dort volles Mitspracherecht hat. Ferner haben wir die Einwohnerkontrolle an Niedergösgen übergeben, seither ist sie professionell geführt, und alles wird termingerecht erledigt, was vorher absolut nicht der Fall war. Darüber hinaus haben wir die Marketingmassnahme «Bauen in Rohr» lanciert, welche den Landeigentümern hilft, ihr Bauland zu veräussern. Bisher wurden zwei Bauplätze verkauft, was keine Selbstverständlichkeit ist bei einer Gemeinde, die über keine eigene Schule mehr verfügt. Und schliesslich wurde die Wasserversorgung auf den neusten Stand gebracht. 

Welche Probleme müssen in der laufenden Amtsperiode vordringlich angepackt werden, auch zusammen mit anderen Gemeinden?

Die Gemeinde muss attraktiv bleiben; finanziell die guten Steuerzahler pflegen, nur Notwendiges durchführen und einen attraktiven ÖV gewährleisten; hier lässt sich die fehlende Schule ein Stück weit ausgleichen. Ferner muss die Zusammenarbeit mit Nachbargemeinden, zum Beispiel via die Gemeindepräsidentenkonferenz Niederamt (GPN) gefördert werden.

Wie werten Sie die Zusammenarbeit mit dem Gemeinderat in Ihrer Amtszeit?

Während der ersten drei Amtsperioden konnten wir sehr gut zusammenarbeiten und vorwärtskommen. Die sachliche Lösungsfindung stand immer im Vordergrund. Deshalb konnten wir die Kleingemeinde ganz ordentlich entwickeln. In dieser Amtsperiode wurde das leider alles verunmöglicht, weil das Zusammenspiel mit der Rechnungsprüfungskommission (RPK) nicht mehr und den zwei neuen Gemeinderatsmitgliedern überhaupt nicht funktionierte.

Wie beurteilen Sie die Öffentlichkeitsarbeit der Gemeinde Rohr sowohl nach innen wie auch nach aussen?

Auch hier haben wir das Notwendige gemacht, vor allem eine einfache Homepage aufgebaut. Die Ankündigungen der Gemeindeversammlungen oder anderer Anlässe erfolgten immer per Flugblatt. Dank der tollen Unterstützung der Tagespresse konnten die Informationen stets sachlich und für uns einfach vermittelt werden.

Welches waren Ihre schönsten Momente?

Das schönste war für mich, wie wir beide, mein Mann und ich, bei den Gemeindepräsidien und den anderen Gemeindebehörden sowie bei der kantonalen Verwaltung bis hin zu den Regierungsräten aufgenommen wurden. Es entstanden echte Freundschaften, die ohne die Tätigkeit als Gemeindepräsident kaum zustande gekommen wären. Etliche wunderschöne Feste auswärts und bei uns zu Hause gehörten auch dazu. Dank diesen Beziehungen konnten wir für die Gemeinde immer wieder gute Lösungen finden; so wurde zum Beispiel der Busfahrplan an den Schulstundenplan angepasst. Auch innerhalb der Gemeinde Rohr entwickelten sich für mich wichtige und wertvolle Freundschaften.

Gab es auch dunklere Augenblicke?

Die Zusammenarbeit mit der Baukommission verlief nicht optimal: Es wurde viel geplant, aber nicht rechtzeitig ausgeführt. Beispielsweise nahm das Geländer zur Kapelle drei Jahre bis zur Realisierung in Anspruch. Zudem stand immer wieder nicht unbedingt Notwendiges in der Planung, teilweise entstanden so auch Interessenkonflikte. Dafür wurde Notwendiges immer wieder verschoben. Die Folge war, dass der Gemeinderat die Verantwortung für die Strassen auf sich nahm, was aber auch an der letzten Gemeindeversammlung wieder indirekt bemängelt wurde. Zudem verglich die RPK in letzter Zeit unsere Gemeinde mit einer Grossstadt und machte immer neue Vorschriften, welche unseren Rat lähmten, statt dass diese die Gemeinde vorwärtsbringen konnte. Des Weiteren hat der Gemeinderat seit dieser Amtsperiode zwei neue Mitglieder. Seitdem wurde ständig herumgenörgelt statt vorwärts geschaut. So brauchten wir manchmal für die Genehmigung des Protokolls über eine Stunde. Auch die Gemeindeschreiberin hat sehr unter diesem Umstand gelitten. Darüber hinaus wurden Dinge, die die zwei angesprochenen Gemeinderatsmitglieder im Rat nicht durchbrachten, an der Gemeindeversammlung vorgebracht und umgekehrt, obwohl der Inhalt nicht Teil der jeweiligen Traktanden war. Letztendlich ist das Vertrauen in eine Zusammenarbeit mit den beiden neuen Räten so stark gestört, dass ich meine Arbeitskraft nicht mehr zur Verfügung stelle.

Wo sehen Sie die Gemeinde Rohr in zehn Jahren, hauptsächlich auch im Hinblick auf die Siedlungspolitik oder eine allfällige Fusion mit der Gemeinde Stüsslingen?

Wenn kein geeigneter Gemeindepräsident und kein geeigneter Vize-Gemeindepräsident gefunden werden können, ist eine Fusion das Sinnvollste. Ob uns eine andere Gemeinde aufnimmt, ist die andere Frage. Zudem werden Anschuldigungen, wie sie an unserer Gemeindeversammlung immer wieder vorkommen, dann kaum mehr toleriert. Von mir aus müsste die Gemeinde moderat wachsen, leider werden das wohl die kantonalen Vorschriften und die Bundesvorschriften kaum ermöglichen.

Was möchten Sie Ihrem Nachfolger oder Ihrer Nachfolgerin mit auf den Weg geben?

Stets das Wohl der Gesamtgemeinde im Auge halten und Einzelinteressen nach Möglichkeit ausblenden.

Wie werden Sie die Zeit nach Ihrem Rücktritt verbringen?

Ich freue mich auf mehr Zeit mit meinem Mann und unseren Freunden, dazu habe ich einen anspruchsvollen Beruf, den ich gerne ausübe, sowie ganz viele Hobbies.