Der Geruch der Hanfpflanzen ist intensiv. Nach einem Besuch im Gewächshaus der Swiss CBD Brokers im Gewerbegebiet in Oensingen hängt er einem noch mehrere Stunden lang in der Nase. «Wenn ich nach dem Arbeiten vergesse, mein T-Shirt zu wechseln und in ein Restaurant gehe, werde ich schon auch mal schräg angeschaut», erzählt Karl Baumgartner.

«Keine Angst, hier ist alles legal», beschwichtigt der Niedergösger die Besucher. Im Untergeschoss des Lagerhauses wird CBD produziert: eine kaum psychoaktive Substanz aus den weiblichen Hanfpflanzen. In der Schweiz werden CBD-Produkte wie Zigaretten, Öl oder Salben legal in kleinen Shops, bei den grossen Detailhändlern oder online verkauft.

«Wenn ich 55 bin, gehe ich lastwägelen»

Der 60-Jährige arbeitet seit eineinhalb Monaten für die junge Firma. Baumgartner ist eigentlich gelernter Bäcker und Konditor. Mehrere Jahre lang führte er in Winznau die Bäckerei «Baumi Beck». «Ich sagte mir immer: Wenn ich 55 Jahre alt bin, gehe ich lastwägelen.»

Als Baumgartner im Alter von 50 Jahren an einem Burn-out erkrankte, entschied er sich, schon früher «umzusatteln», wie er sagt. Fast zehn Jahre lang fuhr er schliesslich für ein regionales Transportunternehmen in der ganzen Schweiz herum. Im Sommer dieses Jahres verlor er dann seinen Job.

Neue Stelle dank Einstiegspraktikum

Über einen Bekannten erfuhr er von der CBD-Produktionsfirma in Oensingen: «Ich fragte meinen Betreuer auf dem RAV, ob ich dort ein Praktikum machen könnte», erzählt Baumgartner. Er spricht vom «Einstiegspraktikum ü50», das Mitte 2018 vom Kanton Solothurn lanciert wurde. Es ist eine Massnahme gegen die Arbeitslosigkeit älterer Stellensuchender, wie der Kanton beschreibt. So könnten Personen über 50 Jahren einfacher eine Stelle finden.

Bei Karl Baumgartner hat das geklappt: «Es ist ein Glücksfall für mich. Ohne das Praktikum hätte ich hier nie eine Stelle bekommen.» Mittlerweile will sein Chef aber nicht mehr auf ihn verzichten. Im Februar 2019 zieht die Firma nach Kleindöttingen AG in eine grössere Lokalität. Und Baumgartner darf mit, als Vollzeitangestellter und Zuständiger für den Bereich Logistik.

Gärtner ohne grünen Daumen

Wenn der 60-Jährige von seinem Arbeitsalltag erzählt, merkt man: Dieser Mann hat in diesem Job seine neue Leidenschaft gefunden. «Da ich keine Frau und keine Kinder habe, kann ich mich dem hier voll und ganz widmen.» Er arbeite auch schon mal am Sonntag. Denn schliesslich gehe es hier um zarte Lebewesen, «die muss man hegen und pflegen».

Früher seien Zimmerpflanzen bei ihm immer verwelkt: «Ich habe eigentlich überhaupt keinen grünen Daumen», sagt Baumgartner, während er den Besuchern die zehn Räume mit insgesamt rund 6000 Hanfpflanzen zeigt.

«Faszinierende Arbeit» mit Hanfpflanzen

Jetzt hat er zwei kerngesunde und putzmuntere Kakteen zuhause und kümmert sich sieben Tage pro Woche um die CBD-Gewächse. Baumgartner: «Ich finde die Arbeit mit ihnen faszinierend.» Man müsse sich auf so viele Dinge achten: Wie viel Licht und Wasser sie brauchen, wie warm die Luft sein muss, wann sie bereit sind zur Ernte, wie Schädlinge bekämpft werden können.

Baumgartner wurde innerhalb eineinhalb Monaten zum CBD-Experten: «Dieser Job liegt mir. Vielleicht auch, weil er an der Grenze zur Legalität liegt. Das reizt mich, wenn ich ehrlich bin.» Das neuerworbene Wissen nutzt er, um Bekannte, die CBD-Produkten skeptisch gegenüber stehen, aufzuklären.

Und seine Erfahrung als Selbstständigerwerbender und als Lastwagen-Chauffeur bringt er ins Unternehmen ein: «Ich versuche immer wieder, Ordnung reinzubringen.» So liegt es in seinem Aufgabenbereich, die Lagerbestände zu kontrollieren, die Transporte zu koordinieren oder Bestellungen zu machen. Baumgartner: «Ich bin sehr glücklich mit diesem Job und kann mir gut vorstellen, auch noch länger als bis zur Pensionierung hier zu arbeiten.»