Nachgefragt

Philipp Hadorn nach Mühleberg-Abschaltung: «Jetzt müssen wir insbesondere in Photovoltaik investieren»

Philipp Hadorn, Co-Präsident des Vereins «Nie Wieder Atomkraftwerke» (NWA) Regionalgruppe Solothurn.

Philipp Hadorn, Co-Präsident des Vereins «Nie Wieder Atomkraftwerke» (NWA) Regionalgruppe Solothurn.

Alt Nationalrat Philipp Hadorn ist seit 2009 Co-Präsident des Vereins «Nie Wieder Atomkraftwerke (NWA) Regionalgruppe Solothurn». Die Abschaltung des Kernkraftwerks Mühleberg ist für ihn erst ein Anfang.

Interview: Judith Frei

Herr Hadorn, das Kernkraftwerk Mühleberg wurde am Freitag, 20.Dezember 2019 vom Netz genommen. Wie haben Sie diesen Tag erlebt?
Philipp Hadorn: Ich habe an der letzten Mahnwache vor dem Hauptsitz der Mühleberg-Betreiberin BKW in Bern teilgenommen. Es war eine feierliche Stimmung, aber wir waren nur in halber Feierlaune. Denn wir haben immer noch Atomkraftwerke am Netz, die wir unbedingt abschalten müssen. Am Abend war ich dann in der Reitschule am «Nachglühfest». Ich fand es befremdlich, wie die Betreiberin, diesen Tag begangen hat: Der bedauernde Tonfall und die leise Hoffnung, dass in Zukunft wieder eine neue Generation AKW’s gebaut wird, fand ich unpassend.

Haben Sie das Gefühl, dass der Widerstand gegen Atomkraft dazu beigetragen hat, dass Mühleberg nicht mehr am Netz ist?
Die Abschaltung war schliesslich eine betriebswirtschaftliche Entscheidung, da Atom-Strom nicht mehr rentiert. Der Widerstand gegen diese Art von Stromproduktion hat aber bestimmt dazu geführt, dass dieser Schritt gemacht wurde. Als Mühleberg gebaut wurde, war dies noch anders. Durch Katastrophen wie Fukushima ist auch die breite Masse der Meinung, dass AKW’s zu gefährlich sind.

Wird die Abschaltung einen Einfluss auf den Betrieb des AKW’s Gösgen haben?

Mühleberg ist das erste Atomkraftwerk, das man abschaltet und rückbaut. Das Wissen und die Erfahrung, die jetzt gesammelt werden, werden uns auch in Zukunft helfen, wenn Gösgen abgeschaltet wird. Ich denke schon, dass Mühleberg eine gewisse «Strahlkraft» hat. (lacht)

Hans-Rudolf Lutz spricht von einer «lächerlichen Panikmache gegen Atommüll» ?
Ich finde es noch heute erstaunlich, dass die AKW’s gebaut werden konnten, ohne dass es klar war, was mit dem Abfall geschehen sollte. Ich bin eher ein nüchterner Mensch und Panikmache ist nicht mein Stil. Hier handelt es sich aber um ein Problemenkomplex, der im schlimmsten Fall fatale Folgen hat. Diese Risiko ist untragbar, übrigens auch unversicherbar.

Teilen Sie diese Einschätzung von Lutz, dass es bei einem Ausstieg zu einem «Blackout» kommt?
Das ist meiner Ansicht nach nun Panikmache. Natürlich würden wir ein Problem haben, wenn morgen alle AKW‘s abgeschaltet werden. Aber die heutige Technik ist auf gutem Kurs. Jetzt müssen wir kurzfristig insbesondere bei der Photovoltaik investieren. Ausserdem muss es ein Umdenken bei den Endverbrauchern geben: Unsere Wohlstandsgesellschaft muss unbedingt weniger Strom verbrauchen, wozu Technologieeffizienz entscheidend beitragen kann.

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