Gretzenbach
Pfarrer zum Jubiläum: «Die Kirche verbindet Himmel und Erde»

Pfarrer Wieslaw Reglinski erzählt anlässlich des 350-Jahre-Jubiläums, was er an der Kirche St. Peter und Paul in Gretzenbach schätzt. Und er verrät, wie er es auch in Zukunft schaffen wird, dass die Kirchenbänke voll besetzt sein werden.

Judith Frei
Merken
Drucken
Teilen
Wieslaw Reglinski vermutet, dass die Gesellschaft in Zukunft vermehrt eine Art«Parkplatz-Kirche» erleben.

Wieslaw Reglinski vermutet, dass die Gesellschaft in Zukunft vermehrt eine Art«Parkplatz-Kirche» erleben.

Bruno Kissling

Was gefällt Ihnen an «Ihrer» Kirche in Gretzenbach am besten?
Wieslaw Reglinski: Die Vorstellung, dass sie schon so alt ist und schon für lange Zeit der Bevölkerung gedient hat. Sie wurde früher als «Leutkirche» bezeichnet im Vergleich zur Stiftskirche in Schönenwerd, das heisst sie war schon immer «menschennah». Ich mag jedoch eher die moderneren Kirchen, welche die Gemeinschaft ins Zentrum rücken. Dort ist der Altar näher bei den Menschen. Das gefällt mir sehr. Die Heiligensymbolik in den Kirchen spricht mich persönlich nicht an.

In welchem Zustand ist die St. Peter und Paul Kirche heute?
In den letzten Jahren wurde viel ins Gebäude investiert. Es wurde eine neue Heizung und Beleuchtung installiert. Die Wände wurden gereinigt und gestrichen, es kam eine neue Bestuhlung dazu. Die römisch-katholische Kirchgemeinde Gretzenbach-Däniken konnten diese Investitionen dank ausserordentlichen Einnahmen finanzieren. Einerseits hat sie Land an die SBB für den neuen Tunnel verkauft, andererseits hat die Einwohnergemeinde den Friedhof erworben.

Die Kirche Gretzenbach im Wandel

Strahlend weiss steht die St. Peter und Paul Kirche mitten in Gretzenbach. 350 Jahre alt ist. Ihre Vorgängerin, das «Gotzhus zuo Kilchberg», wird erstmals 1358 in einer Chronik erwähnt. Somit ist sie die älteste Kirchgemeinde im Niederamt.

Der ehemalige Pfarrer Andreas Jäggi wurde in den 1960er Jahre beauftragt, eine Geschichte über das Dorf Gretzenbach zu verfassen. Dieses Buch ist nicht nur ein Kind seiner Zeit, sondern zitiert viele Quellen. So erfährt man, dass das Gotteshaus Kilchberg im 17. Jahrhundert baufällig geworden ist. Der Stiftsprobst - der Leiter der Stiftskirche in Schönenwerd - ersuchte die «gnädigen Herren in Solothurn» eine neue Kirche zu bauen. Diese versprachen ihrerseits 1000 Gulden für die Erneuerung der Pfarrkirche. 1664 wurde dann «mit allem Eifer» der Bau begonnen. Jedoch gingen die Bauarbeiten nur schleppend voran. Denn das Geld fehlte und die Handwerker konnten nicht bezahlt werden. Der Stiftsprobst schrieb mehrere Briefe, um finanzielle Unterstützung zu bekommen.

Obwohl die Fenster noch nicht eingesetzt worden waren, fanden schon 1666 die ersten Gottesdienste im Gebäude statt. Es sei «zwar der herrschenden grossen Kälte wegen sehr beschwerlich», lamentiert der Stiftsprobst. Endlich konnte die Kirche 1669 geweiht werden.

Erst im 19. Jahrhundert wurde sie ausgebaut, erhielt die Glocken und den Turm. Die Malereien in der Kirche wurden gar erst 1909 angefertigt. Die Orgel kam fünf Jahre später. 1936 wurde die Turmuhr installiert. Schlussendlich wurde die Kirche 1945 unter Denkmalschutz gestellt. So steht die Kirche erst seit dem letzten Jahrhundert in dieser Form in Gretzenbach. (JFR)

Die Kirche als Bauwerk ist seit 350 Jahren die gleiche, die Menschen aber nicht. Wie hat sich die Pfarrei gewandelt?
Früher hatten wir mit der sogenannten Volkskirche zu tun. Man ging nicht nur zum Beten in die Kirche, sondern um sich zu treffen, um die zukünftige Frau oder Mann zu suchen. Es gab 100 Gründe, warum man in die Kirche ging. Heute sind wahrscheinlich nur noch zwei davon geblieben: Weil man sich mit Gott treffen will und weil man die Glaubensgemeinschaft erleben will.

Wie stellen Sie sichern, dass die Kirchenränge auch in Zukunft besetzt sind?
Heute kommen die Menschen freiwillig in die Kirche. Ohne äusseren, sozialen Druck. Das ist eine gute Entwicklung und das soll auch so bleiben. Ich mache mir keine grossen Sorge um die Mitgliederzahl und die Teilnehmenden am Gottesdienst. Ich denke, wir werden in Zukunft vermehrt eine Art «Parkplatz-Kirche» erleben.

Die Kirche war vor 1884 kleiner und hatte noch nicht ihren markanten Eingangsturm.

Die Kirche war vor 1884 kleiner und hatte noch nicht ihren markanten Eingangsturm.

zvg

Können Sie das erklären?
Es gibt Momente im Leben der Menschen, wo sie die Kirche brauchen und schätzen. Ein Kind wird geboren, eine Ehe geschlossen. Da kommen viele Menschen und «parkieren» kurz in der Kirche. Sobald sie das bekommen haben, was sie nötig hatten, fahren sie weiter. So wie bei einem Parkplatz. In diesem Fall jemanden zu überzeugen, länger auf dem Parkplatz zu bleiben, würde ja keinen Sinn machen.

Was muss die Kirche aber tun, damit sie nicht völlig den Anschluss an die heutige Gesellschaft verpasst?
Die Kirche verstehe ich als einen Ort, der Himmel und Erde verbindet. Es soll ein Ort sein, der Halt gibt. Zum Beispiel wenn jemand stirbt, dürfen Menschen glauben, dass das nicht das endgültige Ende ist. Dass es so etwas wie einen Himmel gibt. Oder das Nirwana, sie können es nennen, wie sie wollen. Der Mensch braucht noch diese andere, grössere Dimension, als nur das alltägliche, irdische. Dies sind Themen, die immer bewegen. Gestern, heute sowie auch morgen.

Ich verstehe die Kirche nicht als eine Dienstleistungsstelle für die Steuerzahler. Sie ist für alle Menschen da.

(Quelle: Wieslaw Reglinski)

Soll die Kirche also nicht an den weltlichen Entwicklungen teilnehmen?
Doch sicher. Wir haben zum Beispiel vor ein paar Jahren den Meeting-Point gegründet. Dabei ging es darum, zu zeigen, dass Flüchtende und Migranten uns nicht gleichgültig sind. So kamen sie auch in Kontakt mit der einheimischen Bevölkerung. Dies ist übrigens eine ökumenische Initiative. Am Anfang wurden den Flüchtenden zum Beispiel beim Ausfüllen von Formularen geholfen, heute ist es ein Treffpunkt für Menschen, die in der Region wohnen.

Dabei handelt es sich aber nicht nur um Christen?
Das werde ich häufig gefragt (schmunzelt). Ich glaube, es hat fast keinen Christen unter den Geflüchteten. Wir fragen nicht, deswegen kann ich Ihnen das nicht sagen. Ich verstehe die Kirche nicht als eine Dienstleistungsstelle für die Steuerzahler. Sie ist für alle Menschen da. Es geht darum, dass man den Menschen hilft. Egal, welcher Religion zugehörig, egal, welche Hautfarbe sie habe.

Die römisch-katholische Pfarrei Peter und Paul lädt am Sonntag, 23. Juni, zum 350-jährigen Jubiläum ein. Dabei wird um 10.15 Uhr der Gottesdienst mit Pfarrer Wieslaw Reglinski begangen. Im Anschluss gibt es ein Mittagessen unter den Linden mit musikalischer Unterhaltung.