Blackout
Ohne die Kernkraft: Der Lostorfer Hans Rudolf Lutz warnt vor einem «Blackout»

Hans Rudolf Lutz aus Lostorf warnt vor einem «Blackout», wenn sich die Schweiz nicht zu einer Kehrtwende entschliesse.

Lorenz Degen
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Hans Rudolf Lutz befürwortet den Bau von "Gösgen 2", einem weiteren Kernkraftwerk im Niederamt.

Hans Rudolf Lutz befürwortet den Bau von "Gösgen 2", einem weiteren Kernkraftwerk im Niederamt.

Foto: Bruno Kissling

Herr Lutz, kürzlich wurde an einer Baselbieter Schule ein «Blackout», also ein kompletter Stromausfall, simuliert. Was halten Sie von einer solchen Übung?

Hans Rudolf Lutz: Grundsätzlich finde ich es gut, dass eine solche Übung durchgeführt wird. Die Strom-Versorgungssicherheit der Schweiz und weiterer Länder Europas nimmt leider, besonders im Winter, bedrohlich ab. Ein grosser Teil der Bevölkerung und vor allem auch Kinder und Jugendliche können sich nicht vorstellen, wie gross unsere Abhängigkeit vom Strom ist. Man muss allerdings zwei verschiedene Blackouts unterscheiden.

Welche sind das?

Zum einen gibt es kurze Blackouts, die von einem kurzen Moment bis zu mehreren Stunden dauern. Diese sind, was technische Anlagen betrifft, weitaus weniger problematisch als die langen Strommangellagen von mehreren Tagen, ja gar Wochen. Da tauen dann zum Beispiel Gefrierschränke mit Gemüse oder Fleisch auf, und zwar nicht nur in Haushalten, sondern auch in Lebensmittelgeschäften oder Lagern. Das kann für die Versorgung kritisch werden. Handys und Heizungen fallen aus, der elektrisch betriebene Verkehr bricht zusammen und so weiter.

Welche Strategien sehen Sie, um einen Blackout zu verhindern?

In der Schweiz laufen derzeit vier Kernkraftwerke. Diese werden nacheinander abgeschaltet: Beznau I im Jahr 2029, Beznau II 2032, Gösgen im 2039 und Leibstadt 2044. Zusammen mit der Wasserkraft und wenigen Importen haben wir also bis 2029 eine gute Grundlast-Versorgung. Anders in Deutschland. Dort gibt es eine nicht zu kleine Wahrscheinlichkeit, dass es in einem Winter der nächsten Jahre zu einem Blackout kommt, weil dort auch die noch verbleibenden sechs Kernkraftwerke bis Ende 2022 abgestellt werden. Fotovoltaik und Wind sind nicht in der Lage, das Netz zuverlässig zu stabilisieren. Die Schweiz wäre davon aufgrund der Vernetzung und der Importe auch betroffen.

Führt uns also die Energiewende in eine Stromlücke?

Ja, die Energiewende setzt unsere wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und unseren Lebensstandard aufs Spiel. Wir brauchen ja immer mehr Strom. Unsere Bevölkerung wächst, dazu kommen elektrisch betriebene Wärmepumpen statt Ölheizungen, und auch die Elektromobilität soll stark ausgebaut werden. Gleichzeitig sollen die Kernkraftwerke wegfallen. Das wird zu einer Stromlücke führen, wenn wir nichts unternehmen. Eine Verdopplung der Fotovoltaik bringt in der Nacht nichts, und auch tagsüber bei Hochnebel oder wenn es beispielsweise schneit wie im Januar wird kein oder wenig Strom produziert.

Wie werden sich die Energiepreise in Zukunft entwickeln?

Wenn die Pläne, die subventionierte Fotovoltaik massiv auszubauen, umgesetzt werden, entstehen absurde Situationen am Markt. Das Privileg der uneingeschränkten Netzeinspeisung der erneuerbaren Energien hat zur Folge, dass die Elektrizität nichts mehr wert ist, weil es ein Überangebot gibt. Dann muss man sie exportieren und dem Abnehmer sogar noch etwas dafür bezahlen! Das passiert umgekehrt zum Beispiel mit Windenergie aus Deutschland, für deren Import unsere Elektrizitätsgesellschaften Geld erhalten. Schöne neue Energiewende-Welt!

Welche anderen Entwicklungen beobachten Sie weltweit?

Schauen wir nach China: Dort sind 120 neue Kohlekraftwerke im Bau, die, wenn alle im Betrieb sind, pro Jahr 800 Millionen Tonnen CO2 ausstossen werden! Und diese Anlagen laufen dann 30 bis 50 Jahre lang. Die jetzt vorgeschlagenen Massnahmen zur Reduktion des Schweizer Jahresausstosses von 40 Millionen Tonnen können, wenn’s hochkommt, acht Millionen Tonnen erreichen. Also etwa ein Prozent der zusätzlichen chinesischen Abgaben. Indien mit seinen australischen Kohleverträgen und eine Reihe anderer Länder, die auch weiterhin Kohlekraftwerke erstellen, lassen unsere CO2-Reduktionsbemühungen noch unbedeutender erscheinen! Wenn sich die Schweiz als energetische Musterschülerin profilieren will, ist das also lächerlich? Völlig lächerlich. Unsere Gletscher schmelzen doch nicht wegen «unseres» CO2, sondern wegen der Emissionen in China, Indien, den USA, Russland und in vielen anderen Ländern. Das Beispiel China zeigt, wie völlig nutzlos der teure Schweizer CO2-Minderungsbeitrag sein wird. Viel gescheiter wäre es, jetzt sofort den Energiewende-Unsinn zu stoppen und mit der Planung neuer, noch sicherer Kernkraftwerke zu beginnen.

Welche Szenarien sehen Sie denn für die kommende Schweizer Stromversorgung?

Es gibt deren vier:

1. Wir importieren Strom aus Deutschland und Frankreich, so wie auch heute jeden Tag, allerdings in weitaus geringerem Ausmass. Das kann man auf www.electricitymap.org genau verfolgen. Das Importieren ist jedoch keine sichere Methode, da Deutschland zunehmend über immer weniger elektrische Energie verfügen wird. Auch Frankreich kommt bei einer Kältewelle an sein Limit.

2. Wir bauen Gaskraftwerke. Die Leitungen, um Gas herbeizuschaffen, sind vorhanden. Allerdings ist Gas alles andere als umweltfreundlich. «Biogas» suggeriert zwar eine natürliche Ressource, aber da fallen bei der Elektrizitätsproduktion 200 Gramm CO2 pro Kilowattstunde an. Beim Ersatz von Kernkraftwerken durch Gaskraftwerke sind die Ziele des Pariser Klimaabkommens nicht zu erreichen.

3. Wir verlängern die Betriebsdauer der Kernkraftwerke. Sie wurde vom Bundesrat bereits auf 60 Jahre erhöht, was ein sehr kluger Entscheid war. In den USA gibt es allerdings bereits Anlagen mit 80 Jahren erlaubter Betriebsdauer. Neue, sogenannte «III+ Kernkraftwerke» sind auch auf 80 Betriebsjahre ausgelegt. In Bahrain werden derzeit vier solche Typen gebaut.

4. Wir ändern das Gesetz, welches den Bau neuer Kernkraftwerke in der Schweiz verbietet. Das braucht nur eine Motion, die dann von beiden Räten überwiesen werden muss. Damit könnte man die Kernkraftwerke Gösgen 2, Mühleberg 2 und Beznau 3, die sich vor dem Verbot bereits in fortgeschrittenem Projektstadium befanden, weiter planen und auch bauen.


Was ist mit dem Standort Graben?

Wir haben in der Schweiz noch mehrere Standorte, die sich für ein Kernkraftwerk eignen würden, Graben ist einer davon. Dann war seinerzeit auch ein Kernkraftwerk bei Genf und eines im Rheintal geplant. Diese Planungen waren aber nicht so weit gediehen wie die drei oben erwähnten Projekte. Diese sollten realisiert werden. Mit den neuen Kühltürmen würde auch fast kein Dampf mehr sichtbar sein.

Verfügen wir denn in der Schweiz noch über das nötige Know-how?

Wir haben heute einen viel grösseren Kenntnisstand als damals, als ich angefangen hatte. Ich musste nach Deutschland zum Demonstrationskraftwerk Gundremmingen 1, um mich dort mit der Materie vertraut zu machen. In der Schweiz gab es nur wenige Leute auf dem Gebiet der Kernenergienutzung. Dieses Wissen ist jetzt aber vorhanden, und es wird weiter gepflegt. An der ETH gibt es noch immer eine Professur für Reaktorphysik und -technologie. Schaut man in die Welt, dann kommt man zum Schluss: Die Zukunft gehört der Kernenergie. Oder wie es auf dem Grundstein des Zwilag, dem Zwischenlager radioaktive Abfälle in Würenlingen, heisst: «Die Kernenergie hat ihre Zukunft noch vor sich.»

Apropos Zwilag:

Wie ist das mit dem radioaktiven Abfall? Es wird immer wieder behauptet, der Abfall sei ein unlösbares Problem; das stimmt meines Erachtens nicht. Das Problem ist gelöst. Es gibt drei Phasen: Zunächst werden die abgebrannten Brennelemente in einem Pool beim Reaktor gelagert, während etwa vier Jahren. Danach kommen die Brennelemente in Behältern zur langfristigen Zwischenlagerung ins Zwilag bei Würenlingen. In der dritten Phase kommen wir dann zur geologischen Tiefenlagerung in dafür geeigneten Gesteinsformationen. Finnland ist das erste Land, welches damit begonnen hat. Bei uns wird das nach meinem Kenntnisstand Anfang der 2040er-Jahre der Fall sein.


Was halten Sie von der sogenannten «Klimajugend»?

Diese jungen Leute werden von Ideologen verführt und haben keinen blassen Dunst vom Thema Energie und Energieversorgung. Da wird nicht mit Fakten gearbeitet, sondern mit religiösen Glaubensansichten hantiert. Für sie ist die Kernenergie des Teufels. Dabei ist die Kernenergie klimaneutral. Wie bei Windkraftanlagen rechnet man bei Kernenergiestrom mit einer Belastung von zwölf Gramm pro Kilowattstunde. Zum Vergleich: Bei Gaskraftwerken sind es 490 Gramm! Was denken Sie über die Zukunft? Ich bin überzeugt, dass die deutsche und schweizerische Energiewende kein machbares Zukunftsmodell für eine sichere, CO2-freie Stromversorgung ist. Die Kernenergie wird bei uns eine Renaissance erleben, und wir werden zu einem Modell einschwenken, wie es zum Beispiel die Finnen oder neuerdings auch die Holländer vormachen.

Hans Rudolf Lutz befürwortet den Bau von "Gösgen 2", einem weiteren Kernkraftwerk im Niederamt.

Hans Rudolf Lutz befürwortet den Bau von "Gösgen 2", einem weiteren Kernkraftwerk im Niederamt.

Foto: Bruno Kissling

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