Schönenwerd
Neuer Glanz für das Bally-Kosthaus – und neue Bewohner

Der Architekt Martin Eitelbuss baut das ehemalige Bally-Kosthaus in Schönenwerd um. Die Sanierung ist bald abgeschlossen, daneben sollen noch weitere Gebäude entstehen. Dies tut er auch für sich und seine Familie.

Raphael Karpf
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Sanierung Ballyhouse Schönenwerd 2019
17 Bilder
Diesen Sommer wird die Gesamtsanierung des Gebäudes abgeschlossen.
Der Blick auf Niedergösgen von der Dachterrasse aus.
Unter dem Dach entstehen insgesamt fünf Wohnungen. Momentan wird noch gebaut.
Martin Eitelbuss. Architekt und Eigentümer.
Der Ausblick auf den Bally-Park.
Auf diesem Gelände soll der Museums-Komplex entstehen. Noch befindet sich der Gestaltungsplan in der Vorprüfung.

Sanierung Ballyhouse Schönenwerd 2019

Bruno Kissling

Eindrücklich erhebt es sich über den Park. Das ehemalige Kosthaus der Firma Bally. Wer mit dem Zug am Areal entlangfährt, dem sticht es sofort ins Auge. Das war beim Bau auch so geplant. Das Gebäude war ein Prestigeobjekt der Schuhunternehmer (siehe unten). 100 Jahre und mehrere Besitzerwechsel später wird das Gebäude zum Prestigeobjekt von jemand anderem. Vom Architekten Martin Eitelbuss nämlich. Bald 70-jährig, weisse Mähne, hemdsärmelig. Ungezwungen führt er durch die Baustelle. Mit den Arbeitern ist er per Du.

2012 hat sein Architekturbüro das Gebäude gekauft. Seither wird das Kosthaus umgebaut, diesen Sommer wird man fertig werden. Der Umbau sei bitter nötig gewesen, meint Eitelbuss: «Das war ganz schlimm, was mein Vorgänger hier gemacht hat.» Sein Vorgänger, damit ist die Waldheim AG gemeint. Diese hatte im Kosthaus Menschen mit psychischen Problemen betreut.

Ohne jegliches Bewusstsein für die Geschichte des Ortes habe diese am Gebäude herumgepfuscht. «Wir mussten viele alte Sünden bereinigen», nervt sich Eitelbuss. Unter ihm soll alles anders werden: «Das Kosthaus-Areal soll wieder zum Verbindungsstück zwischen dem Bally-Industrieareal und dem Bally-Park werden», wurde bei der Präsentation des Projekts vor einigen Jahren plakativ angekündigt. Und Eitelbuss scheint es ernst zu meinen. Im Kosthaus brachte er die Lifestyle adventure GmbH unter. Seither werden Events durchgeführt: Konzerte, Messen oder Hochzeiten etwa. «Uns war wichtig, dass das Haus weiterhin teilweise öffentlich genutzt werden kann», begründet er den Schritt.

Familie vereinen

Neben dem Kosthaus sind zwei Neubauten geplant. An der Aare ein Mehrfamilienhaus, in Richtung Bahngleise ein Komplex. Dort sollen die Ballyana-Stiftung und das Bally-Schuhmuseum Platz bekommen. Auch eine Tiefgarage ist vorgesehen. Der Gestaltungsplan dafür befindet sich momentan beim Kanton in der Vorprüfung. Geht alles gut, will Eitelbuss Anfang nächstes Jahr die Baugesuche einreichen.

Bleibt die Frage: Wieso das Ganze? Hat Schönenwerd einen spendablen Bally-Fan gefunden? Mit der Firma Bally habe er eigentlich nichts am Hut, meint Eitelbuss. Er sei lange auf der Suche nach einem passenden Areal gewesen, das er umbauen könne. In Schönenwerd ist er schliesslich fündig geworden. Unter dem Dach des Kosthauses entstehen insgesamt fünf Wohnungen. Dort wird er mitsamt Familie einziehen. Gigantische Loftwohnungen mit Dachterrasse. Direkt an der Aare, den Bally-Park unmittelbar vor der Haustür. «Fantastisch» und «wunderbar», so beschreibt Eitelbuss den Ort. Über Geld mag er nicht reden. «Das ist teuer, logisch. Das sieht jeder. Aber es ist ja auch für die nächsten hundert Jahre.»

Krönender Abschluss

«Das ist es wert.» Dieser Satz ist für Eitelbuss beinahe schon ein Motto. In seiner Laufbahn hat er sich darauf spezialisiert, alte Gebäude umzubauen. «Ich wollte immer besondere Sachen machen.» Ein wenig Trotz schwingt in seiner Stimme mit. «Die Leute sagen immer: ‹Das lohnt sich gar nicht. Reiss solch alte Gebäude doch lieber ab und bau sie neu, das kommt billiger.›» Doch davon hält er nichts. Klar sei dieser Weg billiger und einfacher, gibt er zu.

Doch: «Etwas Altes nicht abzureissen, sondern daraus etwas Gescheites zu machen, das ist die grosse Herausforderung.» So gehe es auch darum, zu beweisen: «Es geht auch anders.»
Sein Geld verdiente Eitelbuss mehrheitlich im Ausland. Fast auf der ganzen Welt habe er schon gebaut. Nun will der bald 70-Jährige langsam kürzertreten. Der Umbau wird sein letztes Projekt sein. Sein krönender Abschluss, wie er schmunzelnd meint.

Das Kosthaus: ein Prestigeobjekt für die Bally – ein Zückerli für die Arbeiterschaft

Als das Kosthaus entstand, versank Europa gerade im Chaos. Rund um die Schweiz tobte der 1. Weltkrieg. Sozialistisches und kommunistisches Gedankengut machte die Runde. Auch in der Schweiz. Im November 1918 gipfelten die Unruhen im Landesstreik.

So weit so bekannt. Was aus diesen turbulenten Streik-Tagen weniger bekannt ist: «In Schönenwerd auf dem Bally-Areal passierte gar nichts», erklärt Philipp Abegg. Er ist Präsident der Ballyana-Stiftung, die sich für den Erhalt der Bally-Geschichte einsetzt. Das habe auch mit dem Kosthaus zu tun, das damals gerade gebaut wurde, interpretiert Abegg die Ereignisse. Denn: «Die Familie Bally hatte die Mittel und war Willens, sehr viel für ihre Arbeiterschaft zu tun.» So entstanden etwa Unterkünfte, eine Bibliothek wurde eingerichtet, sogar eine Mitarbeiterzeitschrift wurde gedruckt.

Und eben auch das Kosthaus entstand. Primär, um die wachsende Belegschaft zu ernähren. Doch wurde dafür nicht einfach eine Baracke hingestellt. Nein. Der führende Architekt dieser Zeit, Karl Moser, kreierte für die Schuhfirma einen Prachtsbau. «Es ging wohl auch darum, zu zeigen: ‹Wir sorgen für unsere Arbeiter, wir brauchen keine Sozialisten›», meint Abegg. Die Firma hatte offenbar ihre Lektion gelernt. Denn bereits um die Jahrhundertwende kam es bei Bally zu Streiks und Massenentlassungen. «Man wollte mit allen Mitteln verhindern, dass sich diese Ereignisse wiederholen.» Mit Erfolg. 1919 wurde das Kosthaus eingeweiht.

Das ist 100 Jahre her. Von der Traditionsfirma Bally, die das Niederamt wie sonst kaum ein Unternehmen geprägt hat, ist in der ursprünglichen Form kaum mehr etwas übrig. Gleich mehrmals wechselte das Unternehmen den Besitzer. Momentan befindet es sich in chinesischen Händen. Die ehemaligen Produktionsgebäude auf dem Bally Areal wurden allesamt verscherbelt. Gleich erging es dem ehemaligen Kosthaus. Zuletzt wechselte es 2012 den Besitzer. Damals ging es an das heutige Architekturbüro STPC-Eitelbuss & Partners AG. Zum 100-jährigen Jubiläum ist im August ein Fest geplant. (rka)