Solothurner Obergericht

Mittäter im Dulliker Mord von 1993 will Freispruch

Berufung im Mordprozess Dulliken

Berufung im Mordprozess Dulliken

Das Obergericht Solothurn hat sich am Mittwoch mit dem mehr als 20 Jahre zurückliegenden Raubmord an einem damals 80-jährigen Witwer in Dulliken befasst. Das Gericht verzichtete auf eine Befragung des Mittäters.

Es war Staatsanwalt Raphael Stüdi anzumerken, dass er diesen Fall vor dem Obergericht unbedingt gewinnen wollte. Im Jahr 2008 hatte er den Mord an einem 80-jährigen Witwer an der Aegertenstrasse in Dulliken von einem Vorgänger übernommen. Das damals schon 15 Jahre zurückliegende Verbrechen sollte ihm noch viel Arbeit bescheren. «Seit dem Jahr 2011 ist praktisch kein Tag vergangen, an dem ich mich nicht mit diesem Fall beschäftigt habe», sagte Stüdi dem Gericht.
Anonymer Zeuge – mit Folgen

2011 meldete sich nämlich plötzlich ein Zeuge, der gehört haben wollte, wer bei dem Raubmord am 31. Juli 1993 dabei gewesen sei. Er war bereit, mit dem Staatsanwalt zu reden, wollte aber – wohl aus Angst vor Rache – auf gar keinen Fall in das Verfahren verwickelt werden. So sicherte ihm Stüdi Anonymität zu. Dieser Zeuge brachte die Strafverfolger auf die heisse Spur.

Die Staatsanwaltschaft zog nun alle Register. Sie setzte verdeckte Ermittler auf den heute 52-jährigen Beschuldigten an, der bis dahin mit Frau und zwei Söhnen und bescheidener Erwerbsarbeit unbehelligt in der Region gelebt hatte. Mit der Zeit fasste der Mann Vertrauen und verriet dem Ermittler, dass er mal bei einem Raubüberfall «Scheisse gebaut» habe. Bei einer fingierten Verkehrskontrolle nahm ihm die Polizei DNA ab – und siehe da: Sie stimmte mit zwei Haaren aus dem Schlafzimmer überein, wo Einbrecher das Opfer im Bett so brutal geknebelt hatten, dass es erstickte. Der Coup der Ermittler kam nicht zu spät: Mord verjährt erst nach 30 Jahren.

Stüdi brachte den Fall zur Anklage und hatte damit Erfolg: Am 1. Mai 2014 verurteilte das Amtsgericht Olten-Gösgen den einen Verdächtigen wegen Gehilfenschaft zu Mord zu acht Jahren Freiheitsstrafe. Ein klassischer Indizienprozess, denn der Beschuldigte selbst gab nur zu, dass er mit einem Komplizen ein vermutetes Geldversteck mit 50 000 Franken in der Wohnung habe ausheben wollen – mit dem Tod des Rentners habe er aber nichts zu tun. 

«Das bringed Si nid wäg!»

Am Mittwoch kam der Dulliker Mordfall vor Obergericht, weil der Verurteilte und dann auch die Staatsanwaltschaft Berufung eingelegt hatten. Und Staatsanwalt Raphael Stüdi kämpfte. Die 22 Bundesordner Akten neben sich am Boden aufgereiht, deckte er die Oberrichter Hans-Peter Marti, Marcel Kamber und Daniel Kiefer in einem konzentrierten, fünfviertelstündigen Plädoyer mit den zahlreichen Beweiselementen aus seinem Untersuchungsergebnis ein.

Der Ankläger redete sich ins Feuer, blieb dabei stets nahe am präzisen Tathergang und mäkelte am Urteil des Amtsgerichts Olten-Gösgen, das nicht selten von der Wahrheit abgewichen sei. «Das bringed Si nid wäg!», lautete mehrmals sein Ceterum censeo unter den wichtigsten Indizien. Einen Schuldspruch wegen Mittäterschaft am Mord (und nicht nur Gehilfenschaft) verlangte er vom Obergericht, und eine Freiheitsstrafe von 15 (statt 8) Jahren.

«Teilnahmerechte verletzt»

Ganz anders sah es der amtliche Verteidiger, Rechtsanwalt Urs Tschaggelar (Grenchen). Die scheinbar aussichtslose Indizienlage versuchte er in allen Einzelheiten zu zerpflücken; so wirkte sein dreistündiges Plädoyer teilweise langfädig. Vor allem zu Beginn und am Schluss aber argumentierte Tschaggelar zupackend und mit Herzblut für den Beschuldigten. Massiv kritisierte er die Anonymität des Zeugen, der das Verfahren neu ins Rollen gebracht hatte: Bis heute wüssten er und sein Mandant nicht, wer die anfänglichen Beschuldigungen erhoben habe, und er habe auch keine Einsicht in das Protokoll dieser Aussagen erhalten: «Das ist einer der extremsten Fälle, wo die Teilnahmerechte des Beschuldigten verletzt wurden» – Staatsanwalt Stüdi hatte in seinem Vortrag die «Teilnahmerechte» (so nennt sie die Strafprozessordnung in Art. 147) abschätzig als sein persönliches «Unwort des Jahres» bezeichnet. Auch das Vorgehen der verdeckten Ermittler fand Tschaggelar inakzeptabel, unfair und stossend. 

In der Beweiskette sah der Verteidiger erhebliche Lücken. Für ihn ist der Beschuldigte ein unbedarfter Mitläufer des misslungenen Diebstahlversuchs, dessen treibende Kraft der Onkel des zweiten Verdächtigen war. Dieser Onkel habe seinem 19-jährigen Neffen die Aufgabe gestellt, das vermutete Geld aus der Wohnung des Witwers zu holen, und ihm den damals 30-jährigen Beschuldigten als «nützlichen Idioten» zur Seite gestellt. Dieser hatte sich als Angehöriger der Roma-Minderheit erst zwei Jahre zuvor als Deserteur der serbischen Armee aus dem Kosovokrieg abgesetzt und in der Schweiz Asyl beantragt.

Genugtuung und Entschädigung

Seinem Mandanten auch nur einen Eventualvorsatz zu einem Mord zu unterstellen, sei absurd, meinte Tschaggelar unter Berufung auf seine Menschenkenntnis aus 30 Jahren Anwaltserfahrung. Er beantragte für ihn einen Freispruch und dazu 156 600 Franken Genugtuung und 112 000 Franken Entschädigung.

Die Oberrichter kommen also nicht darum herum, sich zwischen der gegensätzlichen Beweiswürdigung von Anklage und Verteidigung zu entscheiden. Wenig Hilfe boten ihnen dabei ein Sicherheitsexperte und ein Rechtsmediziner, die nicht ausschliessen konnten, dass die tödliche Knebelung auch von einem Täter allein ausgeführt worden sein könnte.

Das Obergericht will seinen Spruch am Donnerstag in einer Woche verkünden.

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