Das Schwarz-Weiss-Foto zeigt eine junge Frau, die gelassen in die Kamera lächelt. Sie trägt ein Kopftuch. Ein Blick auf die Rückseite des Fotos zeigt: Die 31-jährige Ayse Ertekin hat Wirtschaft studiert und arbeitet in einer führenden Position bei einer Firma für Gerätetechnik in Rothrist AG. Die Stellensuche war für sie — sie trägt ein Kopftuch — schwierig, aber im Beruf hat sie keine Probleme mehr damit, steht geschrieben.

Das Foto der jungen Türkin war eines von rund 30, die am vergangenen Sonntag an der Wand der Turnhalle 57 in Gretzenbach hingen. Anlass war der Workshop der Kulturen, der von «Meeting Point» zum zweiten Mal im Rahmen der Aktionswoche «Solothurn gegen Rassismus» organisiert wurde.

«Wir haben alle Vorurteile»

Der Gretzenbacher Treff wurde mit dem Ziel gegründet, die Asylsuchenden vom Gretzenbacher Täli mit der Schweizer Bevölkerung zusammenzubringen. «Wir haben alle Vorurteile, egal, wie wir politisch eingestellt sind», sagte Barbara Capaul, die den Tag zusammen mit Odette Bolliger leitete.

Die rund 200 Besucher konnten die Fotos anschauen und raten, welchen Beruf die jeweilige Person hatte. Darunter waren ein afghanischer Schneider, eine eritreische Hausfrau und ein freischaffender Schweizer Künstler. Damit nahm der Nachmittag das Thema der Aktionswoche auf, nämlich Diskriminierung am Arbeitsplatz. Alle Fotos wurden im «Meeting Point» aufgenommen.

Workshop der Kulturen in Gretzenbach 2019

Workshop der Kulturen in Gretzenbach 2019

Am Workshop der Kulturen zu SO-Rassismus in Gretzenbach waren Tanz, Musik und Essen angesagt - Einwohner aus Gretzenbach und Umgebung - Flüchtlinge und Einheimische - zeigten sich gegenseitig auch in diesem Jahr ein Stück ihrer Kultur.

Persönliche Begegnungen als Ziel

Die anderen Angebote legten den Schwerpunkt auf die persönlichen Begegnungen. Während der Workshops wurde gemeinsam gekocht, getanzt, getrommelt und gespielt. Neu kam in diesem Jahr ein Kalligrafiekurs dazu, für den sich vor allem die Kinder begeisterten.

«Meine Handschrift ist sonst eigentlich nicht so schön», lachte Fränzi Meister aus Gretzenbach, die mit ihren kleinen Kindern teilnahm. «Ich probiere gerne Neues aus», erklärte sie. Noch lieber wäre sie an den Kochworkshop gegangen, aber dafür reichte die Geduld der Kinder nicht.

«Schweizer sind manchmal etwas zurückhaltender»

Die beiden Organisatorinnen betonten, dass sich der Anlass an alle Interessierten ungeachtet ihrer Herkunft richtete. «Andere Kulturen gehen sehr offen untereinander um, die Schweizer sind manchmal etwas zurückhaltender», stellte Bolliger fest.

Sowohl das wöchentliche Treffen im «Meeting Point» wie auch der Workshop der Kulturen sollen dazu beitragen, dass Vorurteile abgebaut werden und neue Begegnungen entstehen können.

Auch Essen ist Kultur

Für neue Begegnungen eigne sich gemeinsames Kochen gut, fand Pema Sonam. «Es ist eine gute Plattform, sich gegenseitig die Kultur zu zeigen», erklärte die Tibeterin. Sie behielt den Überblick über die Helfer, die gemeinsam Then-thuk kochten — ein tibetisches Nomadenessen aus Gemüse und Rindfleisch.

«Wir können uns dadurch besser kennenlernen», stellte die Oltnerin fest. An anderen Kochinseln duftete es bereits nach Injera, eritreischem Fladenbrot mit Linsen- und Fleischfüllungen, afghanischem Bolani aus Kartoffeln und Gemüse sowie Tessiner Minestrone.

Tanzen und Trommeln gegen Rassismus

Eine andere Art, Menschen zusammenzubringen, ist das Tanzen. Für je eine Stunde konnten die Teilnehmer kroatische oder kubanische Tänze oder aber brasilianisches Capoeira ausprobieren. Tena Lovric vom Kroatischen Volkstanzverein Solothurn forderte die Teilnehmer auf, sich dem Kreis der 30 Tänzern in traditioneller Tracht anzuschliessen.

Auch beim Perkussionsworkshop war Mitmachen gefragt. Dort ging es zwar etwas chaotisch zu und her, da laufend Leute den Kreis verliessen und neue dazustiessen. Die Freude war den Teilnehmern aber anzumerken. «Es ist schwierig, aber schön», fand Teilnehmer Yahya Jobang und rieb sich die Hände, die nach langem Trommeln schmerzten.

«Wir wollen die Leute spielen lassen, ohne dass es zu lehrerhaft wird», berichtete der Künstler Oliviero Gorza, der zusammen mit Hafiz Hamnawa — er ist professioneller Tabla-Spieler aus Afghanistan — und dem Schlagzeuglehrer Peter Bryner den Workshop leitete. «Die Welt ist für alle da und wir müssen lernen, besser zueinander zu schauen», erklärte er seine Motivation für sein Engagement. Der Nachmittag wurde mit dem Essen aus den Kochworkshops und mehreren Konzerten abgerundet.