Er könnte einen Durchbruch ermöglichen. Er könnte die Forschung vorantreiben. Er könnte den Unterschied machen. Vielleicht. Zuerst muss der 224 Tonnen schwere Transformator aber seinen Zielort erreichen: die Europäische Organisation für Kernforschung in Genf – kurz: Cern.

Der Koloss, von allen liebevoll Trafo genannt, muss dafür Hunderte Kilometer zurücklegen. Produziert wurde er in den Niederlanden. Die international tätige Firma SGB-SMIT konnte vor zwei Jahren den Auftrag ergattern und den riesigen Trafo für das Cern zusammenbauen. Er soll als zusätzlicher Transformator die Leistung des Teilchenbeschleunigers erhöhen.

Mit dem Schiff reiste der Trafo nach Muttenz BL. Im Auhafen wurde er am vergangenen Freitag vom Waadtländer Transportunternehmen Friderici AG in Empfang genommen. Vorsichtig hatten die Arbeiter die wertvolle Fracht auf den Schwertransporter verladen. Der Trafo schwebt rund einen halben Meter über dem Boden zwischen dem zweiteiligen Anhänger. Mit einem Tag Verspätung setzt sich das etwa 15-köpfige Team des Familienunternehmens Friderici am Dienstagabend um 22 Uhr unter Beobachtung einiger Schaulustiger in Bewegung. Die erste Etappe beginnt.

Schwertransport: Zeitraffer des Abladens im Muttenzer Auhafen.

Zeitraffer des Abladens im Muttenzer Auhafen.

    

«Das ist keineswegs Alltag»

«Fünf Nächte lang wird der Schwertransporter unterwegs sein, bis er kommende Woche in Genf eintrifft», erklärt Roland Hasler, Geschäftsführer der Schweizer Niederlassung der Firma SGB-SMIT in Schönenwerd. Für die erste Nacht ist die Strecke bis Grenchen eingeplant. Der Transformator für das Cern ist für seine Firma «keineswegs Alltag». So lässt auch er es sich nicht nehmen und begleitet den Trafo zusammen mit seiner Frau bis auf den Oberen Hauenstein hinauf.

Abfahrt des Schwertransporters vom Muttenzer Auhafen.

Abfahrt des Schwertransporters vom Muttenzer Auhafen.

   

Behutsam steuern der vorderste Lastwagenführer sowie die beiden Lenker auf dem Anhänger den Trafo über die unzähligen Kreisel und Kreuzungen. Die Kolonne ist mit Scheinwerfern ausgestattet. Es blinkt und blendet. Der Vollmond hat in dieser Nacht keine Chance gegen die grellen Lichter des Schwertransporters.

Ankunft auf dem Oberen Hauenstein. Kurze Pause für alle Arbeiter.

Eines von insgesamt vier Begleitfahrzeugen fährt voraus. Verkehrsschilder und Poller müssen abmontiert werden, damit der Trafo – mit seinen 4,2 Metern Breite und 4,5 Metern Höhe ist er nicht gerade schlank – durch die Strassen passt. Als sich ein Poller am Rand eines Kreisels im bernischen Niederbipp nicht wegschrauben lässt, geraten die beiden Schwertransport-Profis ins Schwitzen. Doch: Es muss weitergehen. Denn der Schwertransporter ist bereits im Anmarsch — und er kommt trotz Poller um die Kurve. Die Arbeiter im hintersten Fahrzeug, dem Schlusslicht der Kolonne, stellen anschliessend alles wieder auf. Als wäre nichts geschehen.

Vollprofis am Werk

Ueli Meier von der Senn AG in Oftringen begleitet mit seinem gelb-blinkenden Ausnahmetransport-Fahrzeug mit grossem Ausrufezeichen auf dem Dach den «Convoi exceptionnel». Er ist für die Verkehrssicherung zuständig. Das heisst: Er hält entgegenkommende Autos auf, indem er sie mit seinem blinkenden Stab zur Seite scheucht. Gerade zu später Stunde reagieren die Autofahrer nicht wirklich erfreut. Etwas widerwillig lassen sie die 80 Meter lange Kolonne passieren.

Ausnahmetransport-Begleitfahrzeug von Ueli Meier von der Senn AG

Früher übernahm die Polizei diese Aufgabe. Seit eineinhalb Jahren muss sie aber nicht mehr in allen Kantonen antraben: «Ich mache das seit März 2018», sagt Meier, der sich als Erster in der Firma Senn AG als Ausnahmetransportbegleiter ausbilden liess. Früher war er Lastwagen- und Schwertransportfahrer – «dort, wo es mich gerade gebraucht hatte» –, heute organisiert und begleitet er die Ausnahmetransporte. Diese Nachteinsätze mag er. Schliesslich holen sie ihn mal aus dem Büro raus. Und Meier ist ein Vollprofi, der seinen Job kaum jemals vergisst: «Auch wenn ich privat mit dem Auto unterwegs bin, schaue ich jede Tafel, jede Kurve und jede Kreuzung genau an. Und denke: Hm, hier könnte es eng werden.»

Schwertransport: Umfahren des Kreisels oberhalb der Ikea in Pratteln.

Umfahren des Kreisels oberhalb der Ikea in Pratteln.

   

Erste Etappe geschafft

Mal war der Schwertransporter im Schritttempo unterwegs, mal konnte er auf bis zu 40 Kilometer pro Stunde beschleunigen. Der grell blinkende Schwertransporter schlängelte sich in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch durch Pratteln, schrammte an der ehemaligen Ziegelhofbrauerei in Liestal vorbei, fuhr schnurgerade in Richtung Bubendorf, kurvte durch das Waldenburgertal, schaffte den Aufstieg über den Oberen Hauenstein, rollte hinunter durch den Dorfkern von Balsthal, fand den Weg nach Solothurn und erreichte schliesslich das Etappenziel Grenchen um 5.30 Uhr morgens. Die erste Etappe ist geschafft. Vier weitere stehen bevor. Kommende Woche wird der Trafo in Genf eintreffen. Die Ingenieure von SGB-SMIT kümmern sich anschliessend um dessen Inbetriebnahme. In gut drei Wochen kann der Trafo dann Wunder vollbringen. Oder zumindest den Forschern des Cern dabei helfen.