Kaschmira, die beste Kuh des Winznauer Agri-Teams, tritt in die Melkmaschine. Die Maschine hat ihren letzten Besuch registriert und kennt ihre durchschnittliche Milchleistung. Daraus wird errechnet, wie viel Milch die Kuh im Euter trägt. Erst nach sieben Stunden oder bei über zehn Litern im Euter wird die Kuh zugelassen. Bei Kaschmira ist dies der Fall. Ein mit Kamera ausgestatteter Arm sucht nach den Zitzen des Euters und koordiniert die Reinigung und das Anhängen der vier Melkelemente.

Am Display des vollautomatischen DeLaval-Melkroboters können diverse Informationen abgerufen werden. Ist das Euterviertel leer, wird das Melkelement abgehängt. Kaschmira wirkt gelassen und routiniert. Während des Melkens darf sie eine aufgrund ihrer Leistung berechnete Menge an Kraftfutter fressen. Erst dieses Jahr wurde sie für ihre Lebensleistung von 100 000 Kilogramm Milch ausgezeichnet, welche sie in zehn Jahren gab. Die Jahresdurchschnittsmenge von 10 000 Kilogramm macht sie von den 75 Kühen im Winznauer Stall zur leistungsfähigsten.

Mit App den Überblick

Seit Mai letzten Jahres gehört der Melkroboter zum Stallbetrieb vom Agri-Team Winznau dazu, bestehend aus den Gebrüdern Remo und Patrick Grob sowie Jörg Näf. Weiter gehören ein Mistschieber und ein Fütterungsroboter zur Stallausstattung. Gelassen heben die Kühe die Beine, als der Schieber über den Boden fährt. 20 Mal täglich mischt und verteilt der Fütterungsroboter täglich frisches Futter anhand der Leistung: Kühe mit niedriger Produktionsmenge erhalten hauptsächlich Grassilage vom Hof, mit Mineralien und Salz ergänzt. Solche mit hoher Leistung werden zusätzlich mit Kraftfutter wie Mais und Soja gefüttert.

Dieser Betrieb entspricht vielleicht nicht dem klassischen Bild, das sich der Konsument von handgemolkenen, auf der Weide grasenden Kühen ausmalt. Für die Landwirte schafft er allerdings mehr Zeit für andere Aufgaben, beispielsweise für das zweite Standbein der Gebrüder Grob, die Waldenergie AG. Dieses Unternehmen bereitet Brennholz und Pellets auf und ist im Naturstrassenbau tätig. Damit sie dennoch über das Geschehen im Stall informiert sind, sendet der Melkroboter die wichtigsten Infos auf die Smartphone-App von DeLaval. «Wir sehen hier, wenn eine Kuh schon sehr lange nicht mehr beim Melkroboter war. Dann müssen wir vorbeischauen, ob alles in Ordnung ist», erklärt Patrick Grob.

Infektion wird schneller erkannt

Obwohl die Vollautomatik etwas eigenartig anmuten kann, betont Patrick Grob die Vorteile für das Tierwohl. «Gerade Kühe mit einer hohen Leistung haben an ihrem Euter schwer zu tragen, wenn sie nur zweimal täglich gemolken werden. Anders beim Melkroboter.» Als einen weiteren grossen Vorteil nennt er, dass eine Mastitis, also die unter Milchkühen weit verbreitete Euterinfektion, schon im ersten Stadium erkannt wird, wo die Behandlung mit entzündungshemmender Salbe noch ausreicht. «Wer von Hand melkt, bemerkt eine Euterentzündung erst später und muss Antibiotika verabreichen.» 

Zudem ermöglicht der Fütterungsroboter eine durch das Jahr konstante Futterzusammensetzung. Dies werde den Kühen mit hoher Jahresleistung gerecht, die sehr anfällig für Veränderungen sind, erklärt Grob. Im Gegensatz dazu schwankt die Futterqualität von Tieren mit Weideauslauf sehr stark, abhängig von der Jahreszeit. Hinzu kommt der grosse Vorteil, dass die Produktionsmenge bei Laufstallhaltung im Jahresverlauf konstant bleibt.

Grob betont aber, dass sie bei ihren Kühen nicht auf Höchstleistungen setzen. «Es ist natürlich schön, eine Kuh wie Kaschmira zu haben. Wir legen aber mehr Wert darauf, dass uns unsere Kühe für viele Jahre erhalten bleiben. Und wir sie nicht nach drei oder vier Jahren austauschen müssen, wie das in anderen Betrieben der Fall ist.»

Entscheidung genau kalkuliert

Doch warum überhaupt entschloss sich das Trio, in die Milchproduktion zu investieren? Patrick Grob lacht: «Angesichts der Situation auf dem Milchmarkt ist das eine berechtigte Frage.» Er und Bruder Remo beschlossen, eine Maschinenhalle weiter oben im Dorf zum Milchkuhstall umzufunktionieren, da sich die Anwohner beim alten Standort über Geruch, Lärm und Staub beklagt hatten.

Dafür schlossen sie sich mit dem Winznauer Milchbauern Jörg Näf zusammen. Mit dem Umbau begannen sie im Herbst 2013, der offizielle Zusammenschluss der beiden Milchbetriebe erfolgte auf den 1. Januar dieses Jahres. «Wenn ein Betrieb unserer Grösse nicht weiter bestehen kann, wer dann?», fragten sie sich. Dafür kalkulierten sie genau, wie teuer der Umbau der Halle sein durfte, damit sich ein Betrieb bei einem Milchpreis von 50 Rappen pro Kilo noch lohnt. Das Ergebnis lag weit unter dem vom Architekten berechneten Wert. Dank einer Photovoltaikanlage auf dem Dach, welche rund 100 Winznauer Haushalte mit Strom versorgt, sowie enormer Eigenleistung von mehr als 3000 Stunden gelang es, diesen Wert zu erreichen.

Der Milchpreis lag damals noch bei über 60 Rappen pro Kilogramm, ein Sinken war bereits absehbar. Nun ist der Preis deutlich schneller eingebrochen als erwartet. Im März berechnete Patrick Grob einen ausbezahlten Preis der Abnehmerin Emmi von 52,5 Rappen pro Kilo. Auf dem Papier verrechnet und nach aussen kommuniziert sind 56 Rappen, «allerdings ohne diverse Abzüge, beispielsweise saisonal bedingte und Verbandsbeiträge», so Grob. Gewinn aus der Milchproduktion ziehen sie momentan nicht. Auf Bio umzusteigen sei aufgrund des tiefen Biomilchpreises verglichen mit dem Zusatzaufwand keine Option.

Nun wollen sie den automatischen Betrieb der Bevölkerung am Tag der offenen Tür näherbringen. Ein vollautomatischer Stall ist etwas Aussergewöhnliches, was viele Leute noch nicht kennen. Doch Urs Schmid von DeLaval bestätigt, dass das Konzept auf dem Vormarsch ist. Rund 30 Maschinen installiert das schwedische Unternehmen jährlich in der Schweiz.