Interview
«Mein Vorbild für Trimbach ist Kanada» – Rückblick mit Gemeindepräsident Martin Bühler

Gemeindepräsident Martin Bühler blickt zurück auf das Jubiläumsjahr und benennt die Themenschwerpunkte der Zukunft.

Lorenz Degen
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Gemeindepräsident Martin Bühler sucht sesshafte Einwohnerinnen und Einwohner.

Gemeindepräsident Martin Bühler sucht sesshafte Einwohnerinnen und Einwohner.

Bruno Kissling

In Trimbach war in diesem Jahr viel los. Das Jubiläum der ersten urkundlichen Erwähnung vor 775 Jahren wurde mit musikalischen Darbietungen, Ausstellungen und einem Festakt gebührend gefeiert. Für Gemeindepräsident Martin Bühler sind Gegenwart und Zukunft aber genauso wichtig.

Herr Gemeindepräsident, wie haben Sie das Festjahr «775 Jahre Trimbach» erlebt?
Martin Bühler: Es war ein gutes Jahr für Trimbach. Ich bin sehr zufrieden. Für viele Leute war das Festjahr ein positives Lebenssignal der Gemeinde. Das Fest hat uns zeigt: Wir sind gut unterwegs und am Puls der Bevölkerung. Ich habe in diesem Jahr viele persönliche Gespräche geführt. Ich kenne viele Einwohnerinnen und Einwohner von Trimbach, aber ich lernte auch neue Leute kennen. Der Kontakt ist in Trimbach schnell hergestellt. Über zwei Bekannte kennt man sich sicher! (lacht)

In diesem Jahr wurde der erste Wein seit 400 Jahren hergestellt. Wie schmeckt Ihnen der
«Trimbacher»?
Es ist toll, dass die Familie von Felten dieses Wagnis in Angriff genommen hat. Man kann keinen einen Spitzenwein erwarten, aber ich finde, der Jahrgang 2019 ist ein guter Landwein geworden.

Was nimmt Trimbach mit aus diesem Jahr?
Wir haben viele Interviews geführt mit Trimbacherinnen und Trimbachern. Wir wollen wissen: «Wie erleben Sie Trimbach?» Spannendes kam heraus. Trimbach wird erlebt als Gemeinschaft, die hilfsbereit ist, wo schnell Kontakt entsteht, die multikulturell und städtisch ist, und gleichzeitig viel Natur bietet. Das nehmen wir mit als Branding, wie wir Trimbach in Zukunft entwickeln wollen. Wir wollen kein pauschales Logo wie «Das schönste Dorf am Jurasüdfuss», sondern eine Botschaft, die auf Trimbach passt. Olten sucht beispielsweise «den cleveren Pendler». Das finde ich einen guten Spruch. Zu Trimbach würde er aber nicht passen. Wir suchen eher «den engagierten Nachbarn».

Wird es in zwei Jahren ein Fest «777 Jahre Trimbach» geben?
Ja, das ist geplant. Wir sind beim Vorbereiten. Das wird allerdings ein ganz anderes Fest. 775 Jahre Trimbach war ein Rückblick in die Vergangenheit. 777 Jahre wird das Fest der Zukunft.

Zur Person

Martin Bühler ist in einer politischen Familie in Olten aufgewachsen und war schon als Jugendlicher aktiv in der Politik tätig. Umwelt- und Friedensthemen haben ihn dazu bewegt. Der heute 51-Jährige hatte nach der Matura ein Studium in Germanistik, Geschichte und Philosophie an der Universität Basel begonnen. Ende der 1990er-Jahre schloss er die Ausbildung zum diplomierten Mitarbeiter im Freiheitsentzug ab und war dann als Leiter Betreuung und stellvertretender Heimleiter im Wohnheim Bethlehem in Wangen bei Olten tätig. Danach arbeitete er für die Gewerkschaft Syna, Terre des Hommes, Insieme und Syndicom. Seit rund 15 Jahren wohnt er in Trimbach, wo seine Eltern aufgewachsen sind. Als seine zwei Töchter ein gewisses Alter erreicht hatten, entschied er sich wieder für die Politik. Seit 2017 ist der Sozialdemokrat Gemeindepräsident von Trimbach. (jfr)

Wo steht Trimbach heute, am Jahreswechsel 2019/2020?
Punkto Infrastruktur verbessern wir uns laufend, da haben wir Zeichen gesetzt wie mit dem Ersatzneubau des Kindergartens. Es gibt eine Arbeitsgruppe für das Gerbrunnenschulhaus. Wir fragen uns: «Wie bauen das Schulhaus der Zukunft? Muss eine Schule zwangsläufig aus einem langen, dunklen Gang bestehen, mit Zimmern rechts und links für 25 Kinder? Wie sieht das Schulzimmer der Zukunft aus?» Diesen Fragen gehen wir nach. Da wollen wir auch die Familien einbeziehen. Auch die Frage der Schulstandorte gehört dazu. Brauchen wir drei oder vier Schulstandorte? Wir haben eine gute Schule. Bauland ist vorhanden.

Wie sieht es steuertechnisch in Trimbach aus?
Steuerlich sind wir nicht der Hit, aber im Vergleich zu den anderen Gemeinden können wir mithalten. Wir suchen gezielt nach neuen Einwohnern. 700 Einwohner kommen pro Jahr, 700 zügeln weg. Unser Ziel ist es, 20 bis 30 neue Einwohner pro Jahr zu haben, die dauerhaft bleiben und sich an der Gemeinde beteiligen. Unser Ziel ist die Förderung der Leute, die wertvoll sind für Trimbach. Die Gentrifizierung geht stets zu Lasten von Vorortsgemeinden wie Trimbach. Städte verteuern sich. Gut Verdienende können sich die teuren Wohnungen in der Stadt leisten. Die einkommensschwächeren Schichten wandern in die
Vorortsgemeinden ab. Ich wohne selbst in einer Blocksiedlung mit günstigen Wohnungen in Trimbach und erlebe dies hautnah.

Was kommt auf Trimbach im Jahr 2020 zu?
Da ist zum Beispiel das Projekt Rankwog, wo es um Quartierentwicklung geht. Statt einfach einen Spielplatz zu bauen haben wir mehr Geld ausgegeben für den Aufbau einer begleiteten Spielgruppe. Denn die Spielregeln sind das Problem, nicht der Spielplatz. Wir haben das Quartier sozialpädagogisch begleitet und Interviews mit vielen Quartierbewohnern geführt. Die Auswertung ist gemacht. Nun sind wir daran, Massnahmen zu entwickeln. Mit diesem Instrument wollen wir weiterarbeiten.

Wie geht es weiter mit der Sozialregion Olten?
Die Arbeit der Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter ist gut, es wird korrekt gearbeitet. Wir in Trimbach leiden jedoch finanziell unter der Sozialregion. Innert 10 Jahren hat die Anzahl der Dossiers um über 80 Prozent zugenommen, sich also quasi verdoppelt. Es braucht ein Bewusstsein, dass das Geld vom Steuerzahler kommt und eine übergeordnete Strategie nötig ist. Die Sozialregion Olten verwaltet die soziale Bedürftigkeit. Die fehlende Strategie führt dazu, dass ein Problem gelöst, und gleichzeitig ein neues geschaffen wird. Es ärgert mich, Sätze zu hören wie «Da kann man nichts machen.» Ich glaube daran, dass es Spielräume gibt. Man müsste zum Beispiel auf schlechte Wohnungsbesitzer losgehen die das Elend ausnützen. Werden Wohnungen zu Rattenlöchern, so schaden sie damit dem ganzen Quartier.

Wie geht es weiter mit dem Wernli-Areal?
Übernächstes Jahr wird ein neues Projekt entstehen, denn im Frühling 2021 zügelt die Hug-Wernli Produktion ganz nach Malters. Die neuen Investoren, Architekt Thommen und die Marco Dätwyler-Gruppe schreiben nächstes Jahr einen Architekturwettbewerb aus. Die Gemeinde ist dabei involviert. Das ist für mich sehr wichtig. Dadurch wird etwas Gutes für die Gemeinde entstehen. Es ist ein Bauen für die Leute von hier. Es soll kein seelenloses Areal mit Wohncontainern entstehen, sondern ein Gewinn für alle werden.

Wo steht Trimbach in zehn Jahren?
Trimbach ist eine eigenständige Gemeinde mit multikultureller Weltoffenheit, mit Solidarität unter den Bewohnern. Es ist mir bewusst: «Multikulti» ist nicht nur lustig. Aber als Wert wollen wir ihn erhalten. Viele, die sich hier engagieren, waren vor zwei bis drei Generationen Ausländer. Die Leitkultur ist unsere Schweizer Kultur. Aber Trimbach versteht es, Fremdes gut zu integrieren, und das Gute am Fremden zum Gemeinsamen zu machen. Mein Vorbild ist Kanada. Ein multikulturelles Mosaik.

Hinweis
Neujahrsapéro der Gemeinde Trimbach am 2. Januar 2020 um 10.30 Uhr im Mühlemattsaal mit Neujahrsansprache von Martin Bühler.