Mein Olten
Mein Olten mutig visualisieren

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Irgendwie nicht so «amächelig»: die Winkel-Unterführung

Irgendwie nicht so «amächelig»: die Winkel-Unterführung

Bruno Kissling / Oltner Tagblatt

Ich möchte an Cinzia Schmuzigers «Mein Olten»-Beitrag von vor drei Wochen anknüpfen. Sie philosophierte reflektierend, motivierend und anstiftend über Mut. Was heisst es, sich mutig zu fühlen, mutig zu handeln, mutig zu visualisieren? Visualisieren ist meine Leidenschaft geworden. Sie gehört für mich als erster Schritt vor den Mut. Deswegen gebe ich hier eine kleine, mutige Visualisierungs-Anleitung anhand eines Unortes in der Stadt Olten. Im besten Fall soll sie den Mut entfachen, aus einem Unort ein Juwel zu machen.

Der Ort, der eigentlich kein Ort in irgendeiner Stadt sein sollte, befindet sich im Untergrund. Er wirkt verbindend. Gewisse Abschnitte des langen Tunnels sind ziemlich hässlich und so sind auch die komplizierten Besitzverhältnisse und die Forderungen an die Politik, für den Ort nun endlich Verantwortung zu übernehmen.

Die meisten Oltnerinnen und Oltner ziehen mit schnellen Schritten durch die Passage hindurch, jeweils ziemlich froh, diesen Ort hinter sich gelassen zu haben. Selbst beim Verlassen des Ortes werden einem Hürden in Form eines steilen Aufstiegs oder Treppen gelegt. Die ortskundige Leserschaft weiss inzwischen sicher, dass es sich hierbei um die Winkel-Unterführung handelt.

Jedes Mal, wenn ich die Winkel-Unterführung von der einen oder anderen Seite beschreite, überkommt mich ein Gefühl der Neugier: – Wen treffe ich heute beim Vorbeigehen wieder an? – Was wird Neues ausgestellt in den Schaufenstern? – Gibt es wieder ein neues Geschäft oder ein weiteres leeres Ladenlokal? – Welche Auslagen schmücken die Eingänge der Geschäfte? – Welche Schäden sind neu ersichtlich? – Kommen sogar Gäste frühmorgens torkelnd aus der Bar? Trotz der Bsetzisteine, den Schaufenstern, den Geschäften, den orangefarbenen Wand-Plättli, den Begegnungen finde ich den Ort nicht schön. Trotz oder wegen dieses Gefühlscocktails aus Neugier, Anspannung, Freude, Ekel, Unverständnis und Hoffnung möchte ich jedes Mal schnell auf der anderen Seite sein.

Und jetzt kommt’s zur Anleitung. Ich frage mich: Wie will ich mich fühlen, wenn ich diesen Ort beschreite? Ich möchte mich geborgen, getragen, inspiriert und beflügelt fühlen. Was möchte ich sehen, hören, riechen? Ich möchte mehr Platz haben, mehr Licht, mehr Grün. Es darf ruhig auch akustisch noch etwas passieren. Ich möchte unbedingt immer wieder an diesen Ort hingehen, weil er mystisch ist. Ich stelle mir vor, wie ich von der Alten Aarauerstrasse her kommend die Rampe hinabsteige und links eine Rutschbahn sehe, welche hinter den immergrünen Büschen teilweise zum Vorschein kommt.

Unten angekommen, öffnen sich breite Glas-Schiebetüren und es eröffnet sich eine helle, Shopping-Mall-artige Welt (weniger Gäupark, mehr Mall of Switzerland) mit warmen Farbtönen, hellen Bodenplatten, viel Grün, mit Geschäften, mit Leben. Es riecht gut – vielleicht nach Bäckerei – ich höre Vogelgezwitscher und Loungemusik aus den Lautsprechern. Wenn ich weitergehe, sehe ich den Innenhof der Winkel-Überbauung, der sich um eine Etage gesenkt hat und zum Lichthof wurde.

Auf der Piazza befinden sich ein Kaffee und eine Tanzschule. Auf dem Platz und in der Mall finden regelmässig Flashmobs statt. Dadurch, dass sich die Unterführung verbreitert hat, besteht ein direkter Zugang zum Hinterhof der SBB-Cargo-Liegenschaft, welcher als Ruhezone genutzt werden darf. Weiter vorne Richtung Aare befindet sich links ein offener Coworking-Space und durch die breite Glastür geht es ins Freie Richtung Aare.

Probiert es doch selber mal aus, wenn ihr durch die Unterführung geht. Es macht Spass, sich scheinbar Unmögliches zu visualisieren. Wenn das immer mehr Menschen tun und sich in das Gefühl versetzen, es sei schon geschehen – dann passiert es. Wir entfachen neue Kräfte. Wir kritisieren nicht mehr. Wir machen. Finden mutig Lösungen. Das funktioniert übrigens auch mit anderen Objekten und Plätzen. Ich wünsche euch viel Spass beim Visualisieren. Wir sehen uns dort!