Aus Niederämter Sicht
Mehr Anerkennung statt Professionalisierung

Adriana Gubler
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Bald stehen Gemeinderatswahlen an. (Symbolbild)

Bald stehen Gemeinderatswahlen an. (Symbolbild)

Ernst Weingartner

In den mittelgrossen und grösseren Gemeinden des Kantons rüsten sich die Ortsparteien für den bevorstehenden Gemeinderatswahlkampf. Sie werden mit gut gefüllten Kandidatenlisten ins Feld ziehen und der Bevölkerung eine echte Auswahl bieten. In kleineren Gemeinden dagegen bangen wir darum, überhaupt genügend Personal für die nächste Amtsperiode zu finden.

Der Run auf die Exekutivämter hält sich stark in Grenzen. Wer antritt, wird meist still gewählt. Warum sollte man sich auch neben Job, Familie und reich befrachtetem Sozial- und Vereinsleben noch mit einem Amt in der Kommunalpolitik herumschlagen?

Das Bestreben, etwas fürs Gemeinwohl zu tun, ist eine ehrbare und unabdingliche Grundvoraussetzung, in vielen Fällen wohl aber nicht Antrieb genug. Hingegen kann man die Arbeit in einer kommunalen Behörde als Investition in die persönliche Weiterentwicklung oder Form der praxisorientierten Weiterbildung sehen.

Man lernt, sich schnell in neue Themengebiete einzuarbeiten, pragmatische und mehrheitsfähige Lösungen zu finden, Kompromisse einzugehen, schwierige Gespräche zu führen und dabei den richtigen Ton anzuschlagen. Und man lernt einzustecken.

Es reicht aber nicht, wenn nur wir Exekutiv- und Behördenmitglieder davon überzeugt sind, dass uns unser Amt weiterbringt. Erfahrungen in der Gemeindepolitik sollten in Wirtschaft und Gesellschaft einen höheren Stellenwert haben. Es gab Zeiten, da war der berufliche Erfolg stark abhängig von der militärischen Laufbahn. Je höher der Dienstgrad, desto steiler die Karriere. Noch heute können Führungserfahrungen in der Armee im Rekrutierungsprozess von Vorteil sein. Warum also sollte nicht auch die Führungserfahrung in der Kommunalpolitik eine entsprechende Anerkennung finden?

Arbeitgeber sollten es nicht als Gefahr sehen, wenn sich Mitarbeitende in der Politik engagieren wollen. Im Gegenteil, Unternehmen sollten ihre Mitarbeitenden darin bestärken. Angestellte bringen schliesslich die Erfahrungen und Kompetenzen, die sie in einem politischen Amt erwerben, gewinnbringend in ihrem Job ein. Erst recht, wenn sie diese Erfahrungen in einem völlig fremden Aufgabengebiet sammeln – das fördert interdisziplinäres Denken.

Mit einfachen Mitteln könnten Arbeitgeber die Vereinbarkeit von Beruf und Politik fördern. Offenheit gegenüber einer zusätzlichen Verpflichtung der Mitarbeitenden bildet dabei die Basis. Flexible Arbeitszeiten und Homeoffice sind mögliche Instrumente zur Förderung der Milizarbeit. Eine Honorierung in Form von bezahlten freien Tagen für das Amt würde zusätzliche Anreize schaffen. Es gibt schliesslich auch Unternehmen, die eine Weiterbildung an die Arbeitszeit anrechnen lassen.

Es ist kein Geheimnis, dass die Arbeit in den Gemeinderäten immer komplexer wird. Wir können dem Trend mit einer kostenintensiven Professionalisierung der Gemeindeverwaltungen begegnen, wie es Gemeinden vor allem in der Ostschweiz oder im Kanton Luzern machen. Oder wir anerkennen und fördern verstärkt den Einsatz der Kommunalpolitiker und bewahren unser erfolgreiches, bürgernahes Milizsystem. In diesem Sinne hoffe ich auf viele spannende kommunale Wahlkämpfe in den nächsten Monaten.

Adriana Gubler aus Kienberg ist seit 2017 Gemeindepräsidentin (FDP)

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