Warum gibt es in Stüsslingen einen Radwender, wo ist auf dem Hauenstein der Herzengrund, und was ist in Gunzgen das Ghöl? Die Antworten kennen oft nur wenige ältere Einheimische. Was heute noch an Wissen erreichbar ist, sammelt seit 1989 die Forschungsstelle Solothurnisches Orts- und Flurnamenbuch, heute geleitet von Jacqueline Reber. Nach dem ersten Band über die Gemeinde- und Bezirksnamen des Kantons (2003) und einem zweiten über die Amtei Dorneck-Thierstein (2010) liegt jetzt der 3. Band über die Flur- und Siedlungsnamen der Amtei Olten-Gösgen vor.

Kern des gewaltigen Werks ist das alphabetische Verzeichnis von 9000 Namen aus allen 26 Gemeinden der Amtei, vom Aaracker in Trimbach bis zur Zwüschenwassermatt in Kappel. So weit bekannt, sind die genauen Koordinaten angegeben. Die Erklärung, was die Namen bedeuten, ist wohl das, was die meisten Leser von dem Buch erwarten. Die grösste Arbeit bestand darin, jeden Namen aus mindestens einer Quelle zu belegen; allein die Liste der ungedruckten und gedruckten Quellen umfasst 18 Seiten. Bei älteren Namen bietet der Band Reihen von schriftlichen Erwähnungen bis zurück ins Mittelalter. Oft geht einem erst dabei ein Licht auf, woher der Name eigentlich kommt. Besonders wertvoll sind die Angaben zur «richtigen», das heisst der am Ort üblichen Aussprache.

Rund die Hälfte der verzeichneten Namen – etwa 4500 – sind heute noch im Gelände lokalisierbar. Für jede Gemeinde enthält das Buch deshalb eine Karte, in der diese Namen mit einer Nummer eingetragen sind. Das Verzeichnis dazu findet sich sowohl nach Nummern wie auch alphabetisch geordnet.

Die höchste Anzahl Flurnamen in der Amtei hat Lostorf mit 314, noch vor der Stadt Olten mit 300. Je zwischen 200 und 300 Flurnamen weisen Hägendorf, Erlinsbach, Wangen, Kappel und Trimbach auf. Weniger also 100 sind es nur in Boningen und Eppenberg-Wöschnau. Im Lexikonteil finden sich zusätzlich die 4500 «abgegangenen» Namen, deren genaue Lage nicht mehr bestimmbar ist.

In diesem Werk stecken viele Jahre wissenschaftlicher Arbeit, aber was dieses Buch als historisches Gedächtnis leistet, kann nicht hoch genug geschätzt werden. Es wird für Generationen eine Fundgrube bleiben. Und das für Leser mit ganz unterschiedlichen Absichten und Interessen. Leicht zu lesen ist dieses wissenschaftliche Werk mit seinem ausgeklügelten Artikelaufbau und den vielen Abkürzungen nicht. Ein nützlicher Helfer ist der als herausnehmbare Karte beigelegte Musterartikel. Einmal eingetaucht, wird der Leser nicht nur mit trockener Information, sondern mit witzigen Fundstücken belohnt. Wer weiss schon Bescheid über den Predigerplatz in Niedergösgen, das Mörderhölzli in Däniken oder die Hexenmatt in Hägendorf?

In dem Werk findet man den besten Stand des Wissens zu bekannten und teilweise unklaren Flurnamen wie etwa Belchen, Froburg/Frohburg (die Autorinnen äussern sich differenziert zur Frage der Schreibweise), Schafmatt, Säli oder Salhöhe. Das Werk liefert die in den letzten Jahren von verschiedenen Mitarbeitern der Forschungsstelle neu erarbeiteten, überzeugenden Namensdeutungen etwa für Born, Chäsloch, Chnoblauch, Fustlig, Rötzmatt; sogar für den Ortsnamen Gretzenbach ist gegenüber Band 1 von 2003 eine neue Deutung dazugekommen. Die Autoren bleiben stets vorsichtig: Bei Unsicherheit stellen sie lieber mögliche Deutungen nebeneinander oder machen klar, dass sie keine sichere Erklärung haben.

Band 4 in Arbeit

In einem Wälzer solchen Umfangs finden sich im Detail auch Unzulänglichkeiten. So wird beim Familiennamen Bally das Ende der Schuhfabrik in Schönenwerd mit 1977 statt 2000 angegeben; zudem war nicht Franz Ulrich Bally der Gründer der Schuhfabrik, sondern dessen Enkel Carl Franz. Ein peinlicher Lapsus ist die Erklärung der «Hugi» Dulliken mit «Auto Hug AG»; in Wirklichkeit ist die Hugi die Schuhfabrik Hug & Co. (in Betrieb von 1933 bis 1978).

Zur ehemaligen Italienersiedlung Tripolis in Trimbach liefert das Buch nur einen Beleg von 2008; interessanter wären Belege aus der Bauzeit des Hauenstein-Basistunnels vor 100 Jahren gewesen. Ähnlich beim Franzos: Für die felsige Aareinsel in der Chlos wird zwar eine Erklärung geliefert – der Bau einer Notbrücke in der Franzosenzeit (1798–1803) –, aber gerne hätte man erfahren, seit wann dieser Stein so genannt wird. Und ein letztes Beispiel: Der Schulgarten in Schönenwerd, eine Matte auf dem Felssporn hinter der Stiftskirche, wird als «zur Schule gehörender Garten» gedeutet. Aber stellen die ältesten Belege von 1628 und 1308 mit den Formen «schuogarten» und «area domus sue» diese Deutung nicht infrage?

Auch nach Publikation dieses monumentalen Grundlagenwerks hört die Forschung nicht auf. Im Gegenteil: Hoffentlich nützen Wissenschafter wie Laien die Datenbasis, um sich weiter um die Rätsel der Flurnamen in der Region Olten-Gösgen zu kümmern. Denn deren gibt es noch genug. Inzwischen ist bereits Band 4 mit den Flur- und Siedlungsnamen der Amtei Thal-Gäu in Arbeit.

Jacqueline Reber (Hrsg.): Die Flur- und Siedlungsnamen der Amtei Olten-Gösgen. Schwabe Verlag, Basel, 2014. 1124 Seiten, 32 Abbildungen, 26 Karten. Gebunden.
168 Franken. ISBN 978-3-7965-3329-7.