In der Bekaa-Ebene im Libanon sind in den letzten Jahren hunderte sogenannte «Informal Tented Settlements» entstanden. In direkter Nachbarschaft von Syrien leben hier Menschen aus verschiedenen Ländern mit verschiedenen Religionen in Flüchtlingslagern zusammen. Ein Schmelztiegel sondergleichen.

Daher rührt auch die Faszination von Christina Brun. Sie, frischgebackene Kulturpreisträgerin des Kantons Solothurn, arbeitet hier an einem Kunstprojekt. Elf Frauen lernen, ihre eigene und die Geschichte um sie herum zu erzählen. In Wort und Bild. Sechs syrische und fünf libanesische Christinnen und Musliminnen aus allen Teilen der Bekaa-Ebene arbeiten zusammen. Ein Schmelztiegel im Kleinen.

Ähnliches Projekt in Palästina

Doch warum gerade im Libanon? «Mein früheres Engagement in Palästina war extrem spannend und es war mir klar, dass ich noch weitere arabische Länder besuchen möchte», sagt Christina Brun. Zudem sei es unglaublich spannend, zu sehen, wie in diesem kleinen Land 18 unterschiedliche Religionsgruppen zusammenleben.

Die Probleme seien ganz anders als in Palästina. Das Projekt dort war jedoch dem im Libanon ganz ähnlich. Brun zeigte Kindern, wie sie ihre Geschichten erzählen können. «Ich wollte nun aber etwas mit Erwachsenen machen.» Der besondere Reiz an der Arbeit mit Frauen im Libanon: «Die Frauen haben einen schweren Stand in der Gesellschaft. Sind oft häuslicher Gewalt ausgesetzt und werden unterdrückt.» Ziel sei es, den Frauen ihre Stimme wieder zu vergegenwärtigen. Und sie ihnen somit auch ein Stück weit wieder zurückzugeben.

Ob das denn auch klappt? «Die Fortschritte sind unglaublich. Die Frauen treten ganz anders auf als noch zu Beginn und sie, getrauen sich mehr.» Eine junge Frau erzählte Brun, dass sie mit der Kamera als Journalistin wahrgenommen wurde und man ihr alles zeigen wollte. Das Ansehen veränderte sich, ein erster Erfolg also. Weitere sollen folgen. Vornehmlich nicht im Libanon, den sie Ende Mai verlassen muss. Das Touristenvisum läuft aus. Dem Nahen Osten will sie aber treu bleiben, zuerst reist sie nach Jordanien. Auch dort will sie Kommunikation in den Mittelpunkt ihrer Tätigkeit stellen.

Kommunikation ist der Bodensatz in der Arbeit von Brun. Immer wieder kommt sie in der Erklärung ihrer Arbeit auf diesen Begriff zurück. Sieht sie ihre Arbeit überhaupt als Kunst, denn schliesslich wurde sie unter diesem Aspekt vom Kanton mit einem Preis bedacht? «Ich würde mich nicht als klassische Künstlerin bezeichnen. Aber Kunst hat zum Ziel und zum Zweck zu informieren, zu kommunizieren und etwas darzustellen. Und genau dies mache ich, wenn auch auf einem anderen Weg.»

Humanitäre Ansätze

Das Preisgeld des Kantons soll im übertragenen Sinne ebenso zu Kunst werden. Kunst halt, wie sie die 24-Jährige lebt. Es sei zwar noch nicht alles spruchreif, aber ein Teil ihres geplanten Projektes soll die Kommunikation zwischen Israel und Palästina zum Thema haben. Sie bleibt sich also treu. Naiv klingt sie dabei jedoch nicht. Es sei ihr klar, dass sie nicht die Probleme der Welt lösen könne. «Meine Arbeit macht mir unglaublichen Spass. Jeden Tag darf ich etwas neues lernen und manchmal darf ich im Kleinen etwas bewirken», lässt Brun wissen.

Ihre bisherigen Projekte verraten ein gewisses Flair für humanitäre Ideen. «Es ist ein unglaubliches Glück in der Schweiz geboren zu werden. Dieses Ausmass an Freiheit und etwa auch Bildung ist wohl auf der Welt unvergleichlich.» Ein riesiger Kontrast zum Libanon also? Ja, aber sie sei überrascht gewesen, ihr Bild vom Libanon sei im Vorfeld schlechter gewesen.

Deshalb sei das Ziel auch, in einer kleinen Eventreihe den Zedernstaat und die Begegnungen mit den Frauen im Speziellen und der Bevölkerung im Allgemeinen auch hierzulande vorzustellen. «Wir können uns eine gehörige Scheibe von den Leuten hier abschneiden», sagt Brun und fährt fort, «Die Unterstützung im sozialen Umfeld ist viel höher als in der Schweiz.» Etwas, was in der Schweiz vielleicht wieder vermehrt aufgebaut werden müsste, in Anbetracht dessen, dass das schweizerische Sozialsystem nicht alles tragen könne in Zukunft, wagt Christina Brun eine Prognose.

Zudem sei das Bild, das vom Libanon in den westlichen Medien gezeichnet wird grundsätzlich negativ. «Es gibt aber nicht nur Krieg im Nahen Osten.» Ein kleiner Lichtblick in all den Wirren der gebeutelten Region ist eine Ausstellung, die in der nächsten Woche stattfindet. Die elf Frauen stellen in Chtaura, in der Bekaa-Ebene ihre Arbeiten aus. Elf Stimmen also, die ihre eigene Geschichte erzählen. Kommunikation als Kunst.