Interview
«Kunst findet immer statt»: Der Trimbacher Wilhelm Kufferath von Kendenich arbeitet auch in der Pandemie

Der Trimbacher Künstler Wilhelm Kufferath von Kendenich (81) spricht über seine Arbeit in Zeiten der Pandemie und des Lockdowns.

Lorenz Degen
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Wilhelm Kufferath von Kendenich ist ein präziser Beobachter der Gegenwart.

Wilhelm Kufferath von Kendenich ist ein präziser Beobachter der Gegenwart.

Bruno Kissling

Wilhelm Kufferath von Kendenich hat sein Haus in Trimbach seit Mitte März 2020 nur noch sporadisch verlassen. Der Rückzug auf die eigenen vier Wände hat seine künstlerischen Arbeit jedoch nicht versiegen lassen, im Gegenteil, wie der bekannte Künstler im Gespräch ausführt.

Herr Kufferath, wie ergeht es einem Künstler wie Ihnen im derzeitigen Lockdown?

Wilhelm Kufferath: Mein derzeitiges Leben ist ein ganz zurückgezogenes Leben; ich halte mich ganz streng und gewissenhaft an die derzeit gültigen Regeln, weil meine Frau und ich doch noch ein paar Jährchen weitermachen möchten. Ich muss dank meiner Altersrente nicht von meinen künstlerischen Arbeiten leben. So weit das Grundsätzliche.

Welche Vor- und Nachteile bringt die derzeitige Situation mit sich?

Ich kann hier natürlich nur für mich sprechen; ich habe derzeit zu wenig Kontakte mit Kollegen, um ein deutliches Bild über die Auswirkungen der derzeitigen Umstände auf ihr Schaffen zu gewinnen. Jeder oder jede künstlerisch oder schriftstellerisch Tätige wird deine Frage anders beantworten.
Der Vorteil: Es gibt deutlich weniger Ablenkung von der Aussenwelt und dadurch mehr Zeit für das, was ich immer schon mal tun wollte. Der Nachteil: Die persönlichen Kontakte fallen weitgehend weg und damit so manche Anregung für die eigenen Arbeiten. Und noch eine andere Einschränkung. Für meine Objekte brauche ich Materialien: Holz, Metall, Schrauben, Kleber, Farben, manchmal einen speziellen Schraubenzieher oder Fräser und Ähnliches mehr. Ich suche die notwendigen Dinge in den Fachgeschäften, diskutiere die eine oder andere Anwendung, und manchmal suche ich bei den Firmen, die gebrauchtes und nicht mehr brauchbares Material entgegennehmen. Bei diesen Aktionen fühle ich mich eingeschränkt. Eben weil ich in meinem Alter besonders vorsichtig sein muss und will. Und für diejenigen, die von ihrer Kunst leben müssen, dazu Ausstellungen, Werbung, Publikationen, Vorträge, kurz die Öffentlichkeit brauchen, ist die Situation verheerend.

Eine sehr schwierige Lage. Wie kann man Kunst produzieren, wenn keine Kunst mehr stattfindet?

Ist das wirklich so, dass keine Kunst mehr stattfindet? Ist es nicht vielmehr so, dass in einem Künstler oder Denker unentwegt und immer solches stattfindet, nämlich in seiner Seele und in seinem Verstand. Er befindet sich, selbst noch im Schlaf, wie auf einem Absprungbrett zu neuen Ufern: Die Schwerpunkte verschieben sich, seine Ansichten und Sichtweisen wandeln sich, oft unbemerkt, neue Kombinationen tun sich auf. Es ist eine Zeit des ständigen Vorbereitens zur nächsten, zur neuesten Arbeit, zum neuesten Projekt. Alles, was uns umgibt, gibt sich jedem Blick anders; das schon Gesehene zeigt sich bei jedem Hinschauen wieder anders. Es gibt nichts um uns herum, das den Künstler und den Denker nicht zu Neuem anzustossen vermöchte. Das Bewusste und das Unbewusste arbeiten ständig miteinander und führen zu neuen Ideen, die jetzt oder später bearbeitet und verarbeitet werden. In diesem Sinne findet Kunst immer statt, auch wenn keine Kunst mehr stattfindet, keine Ausstellungen, keine Vorträge.

Wie geht es einem Künstler wie Ihnen, der nicht mehr aus dem Haus gehen kann?

Ich bin schon immer ein «inhäusiger» Mensch gewesen. Daher macht es mir nichts aus, wenn ich mich nicht mehr frei bewegen kann. Ich gewinne Zeit zum Lesen, zum Nachdenken, Orgelspielen und Musikhören und mir Neues einfallen zu lassen, indem ich davon auch am hellen Tag träume.

Welche Arbeiten beschäftigen Sie zurzeit?

Zurzeit arbeite ich an vier weiteren Holz-Tableaus, auf welchen je ein Thema gestaltet ist. Also zum Beispiel der Begriff des Fallens, der Begriff des Schwungs, der Begriff der Ausgeglichenheit. Ich habe grosse Freude daran, einen abstrakten Begriff in der Form eines Objektes darzustellen.

Suche nach der gültigen Form: Ein Werk von Wilhelm Kufferath.

Suche nach der gültigen Form: Ein Werk von Wilhelm Kufferath.

Bruno Kissling

Gibt es bestimmte politische Fragestellungen, die für Sie wichtig sind?

Ich würde fast sagen, das Jahr 2020 und der Beginn des Jahres 2021 zwingen einen dazu, über die demokratische Staatsordnung in all ihren Facetten nachzudenken. Was ist die wichtigste Aufgabe der Demokratie? Was ist das Heiligste der Demokratie? Wie kann man die Menschen mit den Grundlagen des demokratischen Systems noch besser vertraut machen? Was ist zu vermeiden, was ist zu fördern?

Wie sehen Sie die gegenwärtige Weltlage?

Als Einzelner kann man nicht die ganze Welt und ihren Zustand übersehen. Aber, was wir deutlich erkennen können, ist die Warnung, dass wir so nicht weitermachen können, ohne den Lebensraum für viele Menschen, Tiere und Pflanzen für die Zukunft zu zerstören und damit auch das Leben für uns Menschen unmöglich zu machen. Vielleicht wird eine Welt ohne jedes Leben die Folge sein, vielleicht auch entwickelt sich auf unserer verwüsteten Erde ganz anderes «besseres» Leben.
Der wichtigste Schritt wäre, unsere Ansprüche den Erfordernissen anzupassen und vor allem zu verringern und einen Ausgleich zwischen den so unterschiedlichen Lebensbedingungen auf der Welt zu verwirklichen. Es gibt sehr viele Fragezeichen, ob das unserer anspruchsvollen Spezies überhaupt gelingen kann. Man sagt, die Hoffnung stirbt zuletzt. Mir aber scheint, die Hoffnung stirbt vorher. Danach das Lebewesen.