Eine Umziehkabine gibt es bei Bea Ulrich nicht. In ihrer Modeboutique «The Big Blue» in Lostorf sollen sich die Kundinnen wie zu Hause fühlen. Dank dem Interieur des ehemaligen Bauernhauses mit seinen niedrigen Decken, den Holzbalken und dem wuchtigen Kachelofen glaubt man sich tatsächlich eher in einer wohligen Stube denn in einem Laden.

Für ein exklusives Einkaufserlebnis kann frau bei Ulrich einen Termin buchen – auch ausserhalb der offiziellen Öffnungszeiten. «Manch eine Kundin bevorzugt es, am Samstag oder spätabends nach der Arbeit vorbeizukommen», erzählt sie. Da für die Kundin ein eigenes Zeitfenster reserviert sei, könne sie sich viel Zeit für eine ausführliche und individuelle Beratung nehmen.

Ihr sei es wichtig, für jede Kundin das passende Kleidungsstück zu finden. Deshalb bemüht sich die 52-Jährige stets darum, den Geschmack und die Vorlieben ihrer Kundschaft kennenzulernen: «Ich will meinen Kundinnen nicht einfach ein schönes teures Kleid andrehen, damit es nachher ungetragen im Schrank hängt. Mir ist lieber, sie kaufen ein einfaches T-Shirt oder eine Jeans, die sie dann tatsächlich im Alltag anziehen können», erklärt die Geschäftsführerin ihre Philosophie. Sie legt deshalb Wert darauf, auf die Persönlichkeit ihrer Kundinnen einzugehen: An einem Umstyling liegt ihr nichts. Die Mode müsse sich nach der Person richten und nicht umgekehrt, ist sie überzeugt.

Rückkehr ins Dorf

Mit ihrer Strategie scheint die Boutique-Besitzerin nicht schlecht zu fahren, existiert ihr Laden doch seit 21 Jahren. In die Welt der Mode ist sie früh eingetaucht. Sie hat ihre Lehre in Olten im Kleidergeschäft Schild absolviert und danach in verschiedenen grossen Städten wie Zürich und Genf gearbeitet.

In St. Moritz durfte sie in einer exklusiven Boutique auch eine internationale Kundschaft bedienen. Nach diesen vielfältigen Erfahrungen wurde der damaligen Verkäuferin allmählich klar, was sie in ihrem Leben wollte und was nicht. So beschloss sie, sich aus dem städtischen Umfeld zurückzuziehen und ihr eigenes Geschäft zu eröffnen – und zwar in Lostorf. Hier ist sie aufgewachsen, hier betrieben ihre Eltern lange Zeit eine Garage und eine Tankstelle, hier bot sich ihr die Möglichkeit, im Erdgeschoss des Elternhauses ihre Boutique einzurichten. Das Sortiment besteht aus Damenkleidern, Schuhen und Accessoires wie Gürtel, Taschen und Schmuck.

Eine Zeit lang führte die Lostorferin parallel dazu die Tankstelle weiter, was zu amüsanten Missverständnissen geführt habe: «Viele glaubten, ich würde einen Tankstellen-Shop betreiben und Snacks verkaufen», erzählt sie lachend. Heute erinnert nur noch das Vordach an die ehemalige Tankstelle.

Beziehungen pflegen

Die Rückkehrerin konnte sich noch nicht von Beginn weg auf eine lokale Kundschaft abstützen. Zunächst waren es vor allem Kundinnen aus Zürich und Umgebung, die Ulrich noch von früher kannten, die den Laden in Lostorf aufsuchten. Dank Mund-zu-Mund-Werbung seien aber laufend neue Kundinnen dazugekommen, auch aus der Region. Ihr sei die Kontaktpflege besonders wichtig. Regelmässig versende sie ein Mitteilungsblatt, in dem neu eingegangene Ware oder Rabatte angekündigt werden, oder informiere ihre Stammkundinnen via Whatsapp.

Zufriedenheit als Erfolgsgeheimnis

Im letzten Jahr hat Ulrich das 20-jährige Bestehen ihrer Modeboutique gefeiert. Das Geheimnis ihres Erfolges? «Es gibt keines! Man muss im Leben lediglich lernen, auf das zu sehen, was man hat, anstatt zu beklagen, was einem fehlt», ist sie überzeugt. Sie sei zufrieden mit dem, was sie erreicht habe. Der Verführung, ihren Laden an einen anderen Standort zu verlegen oder einen Ableger zu eröffnen, habe sie widerstanden. In Städten und grösseren Ortschaften herrsche in der Modebranche eine harte Konkurrenz. Die Verkaufszahlen stünden stets im Vordergrund – darunter leide die Beziehung zu den Kunden.

Ulrich dagegen ist froh darüber, dass sie sich auf dem Land der Anonymität und dem Druck, einen möglichst grossen Umsatz zu erzielen, entziehen kann. Das Schönste an ihrem Beruf sei nämlich die Begegnung mit anderen Menschen, wie sie betont: «Ich schätze es, meine Kundinnen persönlich und individuell zu beraten. Das braucht zwar viel Zeit, aber die nehme ich mir gerne!»