Obergösgen
Kritik am Grossprojekt: Wird das Filetstück zu billig vergeben?

Mit dem Gestaltungsplan Steinengasse plant Obergösgen einen grossen Schritt zu einem Bevölkerungswachstum von heute 2200 auf gegen 2500 Einwohner. Ein Einsprecher übt nun Kritik am Plan und an der Haltung des Gemeinderats.

Christian von Arx
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Die von der Oase-Gruppe angrenzend an den heutigen Obergösger Dorfkern geplante Überbauung Steinengasse mit 17 Baukörpern; rechts die als Alters- und Pflegeheim vorgesehenen Gebäude an der Lostorferstrasse. Visualisierung

Die von der Oase-Gruppe angrenzend an den heutigen Obergösger Dorfkern geplante Überbauung Steinengasse mit 17 Baukörpern; rechts die als Alters- und Pflegeheim vorgesehenen Gebäude an der Lostorferstrasse. Visualisierung

zvg

Ein neues, altersgemischtes Quartier für 200 bis 300 Einwohner: Das soll der Gestaltungsplan Steinengasse Obergösgen bringen. Für den Gemeinderat ist das Vorhaben der Oase-Gruppe auf dem Areal hinter dem Dorfkern ein epochales Projekt. Aber es gibt auch Opposition. Während der Auflagefristen im Sommer/ Herbst – die Auflage wurde wegen eines Formfehlers wiederholt – gingen 22 Einsprachen ein, vorwiegend von Anwohnern der umliegenden Quartiere.

Am 28. November hat der Gemeinderat die Begehren grösstenteils abgewiesen. Entgegengekommen ist er den Einsprechern bei der Gebäudehöhe: Diese wird um 0,50 Meter auf 9,10 Meter reduziert. Attikageschosse werden ausgeschlossen.

«Monotoner Renditebau»

Einer der Anwohner, denen das nicht genügt, ist Lars Bolliger, Architekt und beruflich als Leiter Bau, Planung, Umwelt der Gemeinde Aarburg tätig. «Der Gemeinderat gibt das Filetstück des Obergösger Baugebiets zu billig weg, monotoner Renditebau wird als hochwertige Planung verkauft», kritisiert er pointiert.

Der neue Gestaltungsplan bringe eine beinahe doppelt so hohe Ausnützung des Areals. «Das schafft für die Investoren einen Mehrwert von 6,7 Millionen Franken», hat Bolliger ausgerechnet. Zwar kenne der Kanton Solothurn bisher kein gesetzliches Instrument, um einen Planungsmehrwert abzuschöpfen. «Aber der Gemeinderat müsste dafür sorgen, dass etwas Zählbares herausschaut für die Gemeinde. Er hat mit der Nutzungsplanung alles in der Hand.» Zum Beispiel könnte er den Investoren die Ausdolung und Renaturierung des Bachs auf dem Areal, die Einrichtung einer Kindertagesstätte oder die Anlage eines Dorfplatzes auferlegen.

«Muss Obergösgen einfach froh sein, wenn überhaupt jemand investiert?», fragt Bolliger rhetorisch. Mit ihren rund 22 000 m2 sei die Steinengasse eines der attraktivsten Bauareale im ganzen Niederamt. Dafür müsse das Ziel lauten: «Gute Steuerzahler, oder solche, die dem Dorf auf andere Weise etwas bringen. Aber das muss der Gemeinderat aktiv steuern und konkret verlangen.»

«Wie Olten SüdWest»

Lars Bolliger kritisiert die durchgehend dreigeschossige Bauhöhe. Sie wirke wie eine Mauer und trenne die Ortsteile, statt diese zu verbinden. «Nahe am Dorfkern könnte viergeschossig gebaut werden, nach aussen dafür tiefer.» Die Bewohner würden nur die Fassade des nächsten Hauses sehen. «Durchblicke gibt es keine.» Die Aussenflächen seien zu wenig gestaltet. Bolliger fordert mehr öffentlich nutzbare und gestaltete Flächen und Wege, kein blosses «Abstandsgrün» zwischen den Gebäuden.

Insgesamt fühlt sich der Architekt an Olten SüdWest erinnert. Aus seiner Sicht wäre es Pflicht des Gemeinderats gewesen, für ein so gewichtiges Projekt einen Architekturwettbewerb auf Kosten des Investors durchzuführen und sich von einem renommierten, unabhängigen Planungsbüro beraten zu lassen.

Beurteilung der Bauqualität

Den Ruf nach einer fachlichen Begutachtung der Bauqualität hat der Gemeinderat in seinem Einspracheentscheid aufgenommen, indem er die Sonderbauvorschriften ergänzte: Bei jedem Baubewilligungsverfahren muss auf Kosten der Gesuchsteller ein Fachgutachten zur Einhaltung der qualitativen Anforderungen eingeholt werden.

Das lässt Bolliger aber nicht gelten, weil der Gemeinderat von dieser Regelung absehen kann, «wenn die Einhaltung der qualitativen Anforderungen auf eine andere Weise nachgewiesen wird». «Damit wird das Fachgutachten ausgehebelt», meint Bolliger.

Kritiker in der Planungskommission

Bolligers Sicht deckt sich mit der Kritik, die Ernst Winz, ebenfalls Architekt, schon vor Monaten im «Gösger Blitz» der SP Obergösgen am Projekt Steinengasse veröffentlicht hatte. Pikant: Winz, der ebenfalls zu den Einsprechern zählt, ist Mitglied der Obergösger Planungskommission und zudem Verfasser des aktuell gültigen Gestaltungsplans Steinengasse.

Ob Lars Bolliger gegen den Einspracheentscheid Beschwerde führen wird, lässt er noch offen; vorderhand hat er eine Fristverlängerung beantragt. Zu seiner Motivation erklärt er: «Als Einwohner und Steuerzahler muss man da genau hinschauen. Wenn das Projekt nicht funktioniert, hat Obergösgen ein finanzielles und soziostrukturelles Problem.» Dass er nicht nur das Projekt als solches kritisiert, sondern auch das Handeln der Behörden, macht er deutlich mit der Bemerkung: «Der Gemeinderat hat seine Pflicht als Interessenvertreter der Einwohner ungenügend wahrgenommen.»

Gemeindepräsident Christoph Kunz: «Schade wäre ein Rückzug»

Das Projekt Steinengasse bringt eine zukunftsweisende Siedlungsstruktur für das Wohnen in jedem Alter», nimmt Obergösgens Gemeindepräsident Christoph Kunz auf Anfrage zur Kritik Stellung. «Der Gemeinderat stellt sich hinter das Projekt, weil er darin grosse Vorzüge für das Dorf sieht.» Das Projekt sei über drei Jahre hinweg von Gemeinde, Kanton und Planverfassern gemeinsam entwickelt worden: «Unsere Planungskommission wirkte mit, das Amt für Raumplanung hat das Projekt permanent begleitet.» Die beteiligten Architekten und Planer stufe der Gemeinderat als hochkarätig ein. «Wir und der Kanton sind überzeugt, dass das Projekt eine hohe Qualität aufweist. Wir haben eine Informationsveranstaltung zur Mitwirkung durchgeführt und erhielten durchwegs positive Rückmeldungen. Einige Einwohner haben sich bereits nach einer Reservation erkundigt.»

Das verdichtete Bauen entspreche der Stossrichtung des Kantonalen Richtplans, fährt Kunz fort. Zwar werde das Areal neu von der zwei- zur dreigeschossigen Wohnzone, aber: «Bisher waren Attikageschosse möglich, neu nicht mehr. Die geplante Gebäudehöhe entspricht somit der bereits heute gültigen Vorschrift. Die Flachdachvariante wurde bewusst einem Satteldach vorgezogen, um die wahrnehmbare Gebäudehöhe zu verringern.» Kunz betont, der bisherige Gestaltungsplan wäre die Gemeinde vorerst teurer zu stehen gekommen: «Dort hätte die Gemeinde in die vom Souverän bewilligte Vorleistung gehen müssen, neu gehen die Kosten vollumfänglich zulasten des Investors.» Für die Bauqualität seien die realisierten Bauten der Architekten Otto+Partner (Liestal) die Referenz. Im Einspracheentscheid habe der Gemeinderat das Anliegen aufgenommen, die Bauqualität durch Fachgutachten beurteilen zu lassen. «Jegliche Verzögerungen gefährden die vom Kanton befristet zugesagten Pflegeplätze für das ganze Siedlungsprojekt. Über Jahre konnte auf dem Steinengasse-Areal mit dem aktuell gültigen Gestaltungsplan kein Bauvorhaben realisiert werden. Schade wäre, wenn sich die Investoren durch Verzögerungen zurückziehen müssten», fügt Kunz bei. (cva)