Aus Niederämter Sicht
Kennen wir uns?

Urs Huber, Obergösgen
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Als ich als junger Mann in den Obergösger Gemeinderat gewählt wurde, habe ich manchmal so geblufft: Ich kenne 90% der Obergösger Bevölkerung oder weiss zumindest, wer das ist. Gut, vielleicht waren es auch nur 80%. Heute darf man das ja fast gar nicht mehr sagen, sonst würde es schnell mal heissen: In was für einem Kaff lebst du denn?

Heute stimmt es so auch nicht mehr, ich kenne viele Bewohnerinnen und Bewohner nicht mehr direkt. Na gut, ich wohne ja auch halt nicht so zentral im Dorf. Ich hatte schon als Kind den weitestmöglich Schulweg von der Gemeindegrenze zu Dulliken ins Dorf, in die Schule und da wohne ich immer noch oder wieder.

Aber das ist nicht der Grund dafür, dass ich viele Einwohnerinnen und Einwohner nicht mehr persönlich kenne. Unser Dorf hat sich gewandelt, und unsere Zeit hat sich gewandelt. Der Radius unserer Beziehungen ist in den letzten 30 Jahren unendlich grösser geworden, die Distanz zwischen Arbeitsplatz und Wohnort wurde immer grösser und die allgemeine Hektik auch. Soziale Kontakte finden heute immer mehr über sozialen Medien statt, also virtuell und nicht unbedingt real. (Wobei ich oft denke, asozial wäre die korrektere Bezeichnung, wenn man sieht, was da auf Facebook und Co. so abgeht.) Auch ich habe Bekannte, die habe ich schon ewig nicht mehr gesehen, aber ich könnte wohl fast jeden Schritt nacherzählen, den sie gemacht haben.

Früher hatten Freunde Krach und redeten dann kein Wort mehr miteinander, heute kappen sie bei Facebook die «Freundschaft» und geben auf Whatsapp einfach keine Antworten mehr.

Ist das gut oder schlecht? Die Enge eines Dorfes ist vielleicht weg, aber die Weite der Welt kann auch ganz schön einsam sein. Für ein lebendiges Dorf kann es sehr problematisch werden. Fast alle Dörfer haben ein eigentliches Dorfzentrum, einen Platz verloren, wo man sich treffen konnte. Plätze gibt es schon, meist schöner gestaltet als früher, aber ein Platz ohne Menschen, was ist das? Treffpunkte sind allenfalls noch Läden, aber auch die wandern ab. Vereine haben grösste Probleme, die Mitmacher in einem Dorf werden immer weniger.

Eigentlich verbindet nur noch die Schule, wenn man ehrlich ist. In der Stadt hat es mehr Menschen, mehr Treffpunkte, aber ich denke, hier führt die Entwicklung zu mehr «Bubbles». Also Menschen, die sich immer mehr einfach nur in ihrer eigenen Blase bewegen. Und es dann auch überhaupt nicht verstehen können, wenn z.B. bei Abstimmungen die Mehrheit anders denkt und abstimmt. Ist auch verständlich, man kennt ja oft nur noch Leute, die die gleichen Interessen haben wie man selber.

In dieser Situation ist die Coronazeit ein Negativ-Beschleuniger. Nicht nur Plätze bleiben leer, Einkaufsmöglichkeiten und Beizen auch, Kultur und Veranstaltungen verstummen, und auch bei der Arbeit sehen sich viele nicht mehr real.

Daher meine Bitte und Hoffnung an uns alle:

Zuerst diese Zeit überstehen, alle mitnehmen, niemanden fallen lassen! Wir sind ein reiches Land, wir können das, wenn wir wollen.

Und danach bitte nicht in unseren frisch eingerichteten «Höhlen» zu Hause bleiben! Geht wieder raus, geniesst bewusst die Begegnung, das Zusammensein, die Gemeinschaft, das wirkliche Leben, erweitern wir unseren Freundeskreis!

Wir sind keine Höhlenbewohner mehr. Damals war jeder, der daherkam, eine potenzielle Gefahr. Ich wünsche mir, dass wir nach Corona ins Leben zurückgehen mit der Idee: Jede, die daherkommt, ist eine potenzielle neue Freundschaft!