Netree AG
«Jede und jeder muss agil bleiben»: Der Chef der Däniker Informatikfirma über die Digitalisierung

Roland Häfliger ist Geschäftsführer der Informatikfirma Netree AG in Däniken. In der Coronakrise gab es viel Arbeit für das im Jahr 2000 gegründete Unternehmen. Er sieht eine Beschleunigung im digitalen Wandel.

Interview: Lorenz Degen
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Sie führen die Netree AG im zwanzigsten Betriebsjahr (v.l.n.r.): Roland Häfliger, Geschäftsführer der Netree, mit den Firmen-Mitgründern Danilo Colussi und Daniel Bühlmann.

Sie führen die Netree AG im zwanzigsten Betriebsjahr (v.l.n.r.): Roland Häfliger, Geschäftsführer der Netree, mit den Firmen-Mitgründern Danilo Colussi und Daniel Bühlmann.

Bruno Kissling

Die Informatikbranche profitiere generell von der Umstellung auf Homeoffice, meint Roland Häfliger, doch stehen der Gesellschaft grosse Umwälzungen bevor, welche die Arbeitswelt massiv verändert werden. Zukünftig sei mehr selbstständiges Arbeiten gefordert. Roland Häfliger (51) ist verheiratet, Vater von zwei erwachsenen Kindern und wohnt in Schönenwerd.

Herr Häfliger, wie sieht die wirtschaftliche Situation für Sie derzeit aus?

Roland Häfliger: Unsere Branche ist sehr gefragt. Das vierte Quartal läuft generell immer gut, weil dann noch Budgets ausgeschöpft werden, was uns viel zu tun gibt. Dazu kommt die ganze Situation mit dem Homeschooling und dem Homeoffice. Für uns besteht die Herausforderung darin, den Kunden rechtzeitig das zu bringen, was sie möchten. Die Auftragslage ist für Netree sehr gut.

Hat sich die Coronakrise auch in Ihrer Firma bemerkbar gemacht?

Wir haben präventiv und sehr früh mit Homeoffice angefangen. Der physische Kontakt zu Kunden wurde minimiert, und nur mit Maske, zum Schutz der Kunden und unserer Mitarbeiter, sind Vor-Ort-Einsätze möglich. Dafür wurde deutlich mehr per Remote-Verbindung gearbeitet. Eine besondere Situation stellte sich bei den Lehrlingen, diese konnte man nicht einfach ins Homeoffice schicken. Da haben wir geschaut, dass sie mehrheitlich im Betrieb arbeiten konnten.

Wie sieht der Arbeitsmarkt für Lehrabgänger aus?

Der Markt für Informatikerinnen und Informatiker ist komplett ausgetrocknet. Eine Lehrabgängerin oder ein Lehrabgänger hat unglaublich viele Möglichkeiten. Sie können sich die Firmen weitgehend aussuchen. Für uns heisst das: Wir können unsere Stellen nicht immer wunschgemäss besetzen.

Liegt das auch am Standort Däniken?

Sicher hat es in unserer Umgebung gar nicht so viele qualifizierte Leute, wie Stellen auf unserer Branche vorhanden wären. Mit den ganz grossen Unternehmungen wie Swisscom, Microsoft oder Google können wir nicht mithalten, da ist das Einzugsgebiet auch mit Pendeln zu klein. Dafür legen wir grossen Wert auf die Lehrlingsausbildung. Von unseren rund 35 Mitarbeitenden sind immer mindestens vier Lehrlinge mit an Bord. Die Lehrzeit als Informatiker/in EFZ dauert vier Jahre, pro Lehrjahr haben wir einen Lehrling. Wir bieten aktuell zwei Richtungen an, entweder Systemtechniker oder Applikationsentwickler. Wir fördern auch die Berufsmatur, was jedoch für uns bedeuten kann, dass ein Lehrabgänger dann an die Fachhochschule geht und bald auf dem Radar der Grossunternehmungen auftaucht. Mit spannenden Projekten und flexiblen Arbeitsbedingungen können wir einen Teil dieser Mitarbeitenden bei uns halten.

Wie hat sich aus Ihrer Sicht das Schulwesen in der Schweiz verändert?

Die Schulen haben als Ganzes im Bereich der Digitalisierung einen massiven Schritt gemacht. Viele waren sehr gut auf die Digitalisierung vorbereitet, andere wollten diese erst später umsetzen. Jetzt mussten sich alle der Herausforderung der hybriden Lernszenarien stellen, und zwar innert sehr kurzer Zeit. Wenn man bedenkt, dass in vielen Schulen noch ausschliesslich mit Papier gearbeitet wurde, ist erstaunlich, was seit dem Frühling alles gegangen ist.

Was bedeutete dieser Wandel für die Firma Netree?

Seit der Gründung unserer Firma vor 20 Jahren (siehe Box unten) haben wir uns auf den Firmenkunden- und Education-Bereich spezialisiert. Neu war die Menge, die plötzlich gefragt war. Statt wie bisher zehn Geräte zu ersetzen, wurden auf einmal hundert bestellt. Daneben kam die Anpassung der Prozesse, wie sie im Lehrplan 21 festgeschrieben ist. Die Schüler haben Zugang zu Daten mit ihrem eigenen Gerät. Viele Schulen arbeiten bereits vertieft mit Cloud-Lösungen, einige sogar gänzlich ohne lokale Server-Infrastruktur. Da hat der Datenschutz früher vieles blockiert. Jetzt hat es niemanden mehr interessiert. Aufgrund der Dringlichkeit in der Coronakrise wurde dieses Thema nun vielerorts hinten angestellt. Die Eile hat sich da bemerkbar gemacht.

Wie sehen Sie die derzeitige und zukünftige Digitalisierung der Gesellschaft?

Die Digitalisierung geht sehr schnell voran, sie wird einen Teil der Gesellschaft überrollen. So zum Beispiel wird die Automatisierung von Buchungen dazu führen, dass in einer Firma eine Belegschaft von zehn Personen nicht mehr benötigt wird. Bei der Informatik ist es ähnlich: Wer nicht bereit ist, den Cloud-Weg zu gehen und sich an seinem Server festhält, wird fortgespült. Die ergebnisorientierte Ablieferung wird immer wichtiger werden als der Weg dorthin. Dadurch können die Arbeitszeiten freier werden, aber auch der Anspruch an die Mitarbeitenden wächst. Selbstständigkeit bei der Erledigung der Aufgaben wird massiv an Bedeutung gewinnen. Jede und jeder muss agil bleiben. Die technische Umstellung wird uns alle betreffen.

Wie sieht es in Ihrem Alltag aus: Benutzen Sie beispielsweise noch einen Bleistift?

Ja, ich schon (lacht). Aber meine jüngeren Mitarbeiter schreiben direkt auf ihr Tablet. Ich habe auch noch gern eine gedruckte Zeitung, die ich am Morgen beim Kaffee lesen kann. Vermutlich wird sie noch eine Weile überleben. Meine Kinder hingegen haben dazu überhaupt keinen Bezug mehr. Ihre Welt ist digital.

20 Jahre Netree

Die Firma Netree wurde im Jahr 2000 als Aktiengesellschaft gegründet. Sie ist im Besitz von drei Teilhabern/Partnern. Der Verwaltungsrat wird präsidiert von Daniel Bühlmann, Geschäftsführer ist Roland Häfliger. Am Sitz der Firma an der Industriestrasse 14 in Däniken arbeiten 24 Informatiker, 6 Mitarbeiter/innen in der Administration und 5 Informatik-Lernende. Netree ist ein Anbieter von gesamtheitlichen Cloud- und Infrastruktur-Lösungen. Zu den zahlreichen Kunden in der ganzen Deutschschweiz gehören über 200 Volks- und Kantonsschulen, Firmenkunden (KMU, Grosskunden) und Verwaltungen von Bund, Kantonen und Gemeinden. Im Bereich der Schulen ist Netree Marktführerin und hat speziell die Software MAVIQ, netCIM und netUNIMEX entwickelt. (ld)

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