«Alles hat eigentlich damit angefangen, dass mit der Fachangestellten Gesundheit (FaGe) ein neuer Beruf geschaffen wurde, der seinen Platz im bisherigen Pflegesystem zuerst finden musste», erklärt Heidi Aeschlimann bei einer Tasse Kaffee in ihrem Büro. Sie ist die Leiterin Pflege im Alters- und Pflegeheim Haus im Park in Schönenwerd. «Die FaGes sind oft angeeckt, weil nicht klar war, welche Aufgaben sie alles ausführen und wie viel Verantwortung sie übernehmen dürfen.»

Hinzu kam der politische Entscheid, dass psychiatrische Kliniken keine Langzeitpatienten mehr aufnehmen dürfen. «Heute hat jeder alte Mensch sechs bis sieben verschiedene Diagnosen, über die wir Bescheid wissen und behandeln müssen», erläutert Aeschlimann. Die Anforderungen seien diesbezüglich stetig gewachsen. Und die Mitarbeitenden verloren laut der Pflegedienstleiterin nach und nach die Freude am Arbeiten, weil sie nicht mehr diese Tätigkeiten ausführen konnten, an welchen sie Freude hatten und zu welchen sie ausgebildet wurden. Ein weiterer Grund für das Projekt ist die Zukunft einer neuen Generation von Bewohnern und Mitarbeitenden. 

Vor vier Jahren beschloss die Heimleitung zusammen mit der Pflegedienstleitung, dass etwas verändert werden muss. Ein neues Pflegemodell wurde gesucht – und gefunden: Das Projekt nennt sich «Future» und wird in Schönenwerd seit Dezember 2013 als Pilotprojekt durchgeführt. «Wir haben die Hierarchie aufgebrochen und neue Verantwortlichkeiten geschaffen», erklärt Aeschlimann stolz.

Die Tagesverantwortung übernimmt mit dem neuen System die Pflegeassistentin. Dazu gehören administrative Arbeiten, Alltagsgestaltung und der Frühstückservice am Morgen. Die diplomierte Pflegefachfrau, welche eine höhere Ausbildung als die Assistentin und die FaGe hat, und vorher auch solche Arbeiten ausführen musste, arbeitet wieder näher beim Bewohner und betreut ihn. Zudem besteht für die Pflegefachfrauen die Möglichkeit, eine Art Patenschaft für einen Bewohner zu übernehmen. Dabei betreut sie den Bewohner bereits vor dessen Eintritt ins Pflegeheim. Sie arbeitet den Pflegeplan aus und übernimmt die Verantwortung dafür. «Das muss aber nicht jede Pflegefachfrau machen. Das ist freiwillig», wie Heidi Aeschlimann betont.

Fachangestellte Gesundheit FaGe Claudia Oberli zeigt dem FaGe-Lernenden Rico Schönenberger, wie ein Insulin-Pen korrekt aufgezogen wird.

Fachangestellte Gesundheit FaGe Claudia Oberli zeigt dem FaGe-Lernenden Rico Schönenberger, wie ein Insulin-Pen korrekt aufgezogen wird.

Zusammen mit einer Pflegeassistentin oder einer Lernenden betreut sie eine Sektion von drei Einheiten à vier bis sechs Bewohner. Die FaGe betreut die andere Sektion, hat aber immer doch die Pflegefachfrau zur Sicherheit im Hintergrund. «Ich merke eine gewisse Veränderung», meint die FaGe Claudia Oberli aus Schönenwerd. «Es ist ruhiger auf der Station, wir arbeiten näher beim Bewohner und müssen keinen Zmorgeservice mehr machen.» Der einzige Nachteil sei das viele Telefonieren. «Es kommt oft vor, dass während einer Pflegeeinheit das Telefon klingelt und zum Beispiel eine Pflegeassistentin bei einem anderen Bewohner Hilfe braucht», sagt Oberli. Als Sektionsverantwortliche müsse sie dann sofort springen. Teresa Iellamo ist Pflegeassistentin. «Es hat sich einiges geändert. Ich habe jetzt mehr Verantwortung und bin weniger in der Pflege. Dafür öfter in der Betreuung.»

«Wir wollen die verschiedenen Mitarbeiter entsprechend ihren Kompetenzen einsetzen. Dadurch sind sie motivierter und zufriedener», erklärt die Projektleiterin Susanne Peier. «Vorher sind die Fähigkeiten und Ressourcen einfach brach gelegen. Das hat sich mit diesem Projekt geändert.» Als Vorbilder fungierten zum Beispiel die Solothurner Spitäler soH oder das Paraplegikerzentrum in Nottwil LU.
Die Pilotphase hätte ursprünglich im Oktober 2014 abgeschlossen werden sollen. «Wir haben dann aber gemerkt, dass wir noch mehr Zeit brauchen, bis alle neuen Abläufe eingespielt sind», konstatiert Heidi Aeschlimann. Das Projekt läuft nun bis April 2015. Dann wird die definitive Auswertung der Pilotphase gemacht. Bereits jetzt kann schon gesagt werden, dass die Mitarbeitenden wieder vermehrt Freude an ihrer Tätigkeit haben. Dies bestätigen sowohl die Projektleiterin Susanne Peier als auch die Pflegedienstleiterin Heidi Aeschlimann, FaGe Claudia Oberli und auch Pflegeassistentin Teresa Iellamo.

Und wie sieht es mit den Bewohnern aus? «Grundsätzlich soll sich die Zufriedenheit der Mitarbeitenden positiv auf die Betreuung der Bewohner auswirken», sagt Aeschlimann. «Ansonsten sollten diese nichts bemerkt haben. Wichtig ist einfach, dass sie sich geborgen und gut aufgehoben fühlen.» Und tatsächlich: «Sie geben sich Mühe, Veränderungen habe ich keine festgestellt», sagt etwa Hans Fricker (87) aus Trimbach. Hermann Würger (93) aus Däniken ergänzt: «Ich bin zufrieden. Man muss sich aber schon wehren, wenn einem etwas nicht passt.» Die 90-jährige Verena Fricker aus Niedergösgen lobt vor allem das abwechslungsreiche Kursangebot im Haus im Park: «Wir können basteln, Speckstein schleifen, kochen, singen und vieles mehr. Das gefällt mir.»