Revierförster
Im Forstrevier Werderamt im Einsatz: «Die Bäume sind meine Mitarbeiter»

Seit 30 Jahren ist Daniel Kleger Revierförster im Werderamt. Wir haben ihn bei seiner Arbeit begleitet.

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Daniel Kleger, Revierförster im Forstrevier Werderamt

Daniel Kleger, Revierförster im Forstrevier Werderamt

Wenn sich Revierförster Daniel Kleger zu seinem Beruf äussert, spricht er in zweiter Linie von Bäumen. In erster Linie spricht er von Geld. Das mag der Grund sein, dass der 57-Jährige im Gespräch nicht richtig fassbar wird – Zahlen sind im Gegensatz zum Wald abstrakte Materie. Sie müssen aber wohl eine Rolle spielen: Kleger ist seit 30 Jahren im Forstrevier Werderamt tätig. Er weiss Bescheid.

Zerfall des Holzpreises

«Der Wald, ganz hart gerechnet, rentiert heute nicht mehr», sagt Kleger, nicht ohne einen Anflug von Nostalgie. 1986, als er im Werderamt anfing, seien sie vier Forstwarte und zwei Lehrlinge gewesen – «heute bewirtschaften ein Förster und ein Forstwart die doppelte Fläche Wald.» Oder anders ausgedrückt: 1986 habe ein Kubikmeter Holz auf dem Markt 180 bis 200 Franken erzielt, heute liege der Kubikmeterpreis noch bei 85 Franken. «Es hängt alles mit dem Geld zusammen. Das ist die Tragödie: Dass der Wald am Geld gemessen wird, das er abwirft.» Der Mann im olivgrünen Arbeitsgewand, der einen so patenten Eindruck erweckt, wirkt einen kurzen Moment lang ratlos.

Kleger, der in Amriswil aufgewachsen ist, zog 1986 aus dem Thurgau zu. Bis Mai vergangenen Jahres wohnte er in Schönenwerd, seither lebt er in Mahren bei Lostorf. Auch nach dreissig Jahren, die er im Kanton Solothurn verbracht hat, hört man ihm den Ostschweizer noch deutlich an. Fragt man ihn, was sich in diesen dreissig Jahren in seinem Beruf verändert hat, muss er nicht lange überlegen: Eben der Zerfall des Holzpreises. «Immer hiess es, vom Kanton, vom Bund: ‹Der Wald kriegt seinen Wert schon noch.› Das war immer die Hoffnung von uns Förstern. Fakt ist aber: Ich arbeite seit 1976, und der Wald hatte nie mehr Wert als dann», sagt Kleger. Und ergänzt: «Der Wald macht immer noch alles gleich. Aber nicht zu den gleichen finanziellen Bedingungen.»

Diese Bedingungen sind an den Weltmarkt gekoppelt, an die Schweiz als Hochlohnland, an das Schweizer Waldgesetz, «eines der härtesten», sagt er. Heute decke der Wald nicht mehr das in ihn investierte Geld. Alle lieben den Wald, aber am schönen Waldbild verdiene er nicht. «Eigentlich sollte ich ökologisch denken, aber das rentiert ökonomisch nicht», resümiert er. «Dieser Spagat ist zum Teil frustrierend, dem bin ich machtlos ausgeliefert.»

Und doch würde er den Job sofort wieder machen. Als Förster bildet er Lehrlinge aus, führt Personal, macht das Büro, arbeitet draussen im Wald. Sei er eben Allrounder, das liege ihm. Faszinierend findet er, dass der Wald eine langfristige Materie ist. «Das Endprodukt seiner Mühen sieht der Förster nie – Resultate sind erst nach 80 bis 150 Jahren sichtbar.» Er plane in der Hoffnung, auch in hundert Jahren nicht falsch gelegen zu sein.

Zusammenschluss wird abgeklärt

Das Forstrevier Werderamt reicht von Wöschnau bis Starrkirch und umfasst den Wald der Bürgergemeinden Schönenwerd, Gretzenbach, Däniken, Dulliken und Starrkirch-Wil sowie 250 Hektaren Privatwald.

Es umfasst insgesamt rund 1000 Hektaren Wald. Angesichts der finanziellen Situation ist Daniel Klegers Vision ein Zusammenschluss der Forstreviere Werderamt und Gösgeramt. Das Projekt werde abgeklärt.

Herausforderungen

Sein einschneidendstes Erlebnis? 1999, Sturm Lothar. «Der Forstwart kam zurück und weinte», erinnert sich Kleger. 25 000 Kubikmeter Holz lagen in seinem Revier am Boden. Zwar seien die Folgen ökologisch «gar nid so cheibe schlächt» gewesen, der Wald habe sich verjüngt. «Aber europaweit kam in kurzer Zeit viel Holz auf den Markt, der Holzpreis fiel völlig zusammen.» Seither habe er sich nicht mehr erholt. Kleger spricht von Geld, erneut.

Die Klimaveränderung, nimmt er sie wahr? «Eher ja.» Vermehrt trockene Jahre seien Stress für den Wald. «Aber die Natur ist leidensfähiger, als wir meinen», ist er überzeugt. 1976, als er noch in der Stifti war, hiess es, die Weisstannen würden verschwinden, 1983 war vom Waldsterben die Rede. Beides ist nicht eingetroffen.

In jüngster Zeit ist allerdings das Eschensterben ein Thema. «Ja, auch in meinem Gebiet sind fast 100 Prozent der Eschen von einem Pilz befallen», bestätigt Kleger. Dieser lasse die Triebe absterben, in den letzten vier Jahren habe man das stark gesehen. «Wenn keine resistente Eschenart gefunden wird, geht die Esche in Europa über kurz oder lang ein.» Auch was die Neophyten angeht, sieht er keine Chance. Er mache in seinem Revier nichts mehr, das sei aussichtslos. Wenn man sie nicht schweiz-, ja europaweit bekämpfe, sei ihnen nicht beizukommen.

Er habe in den letzten 30 Jahren einen Grossteil seiner Ideen umsetzen können, sagt Kleger. Habe man früher noch beinahe jede Jungpflanze gepflanzt, setze er heute auf eine Natur, die sich zu einem grossen Teil selbst verjüngt. «Für mich gehört der Wald zu meinem Leben, die Bäume sind meine Mitarbeiter», meint er abschliessend. Obschon ein grosser Teil seiner Arbeit im Büro stattfindet, sei er so oft wie möglich draussen – schon als Kind habe er jede freie Minute im Wald verbracht.

Und nach vielen nüchternen Zahlen und Fakten ist man fast erstaunt, als er noch nachschiebt: «Für mich ist eine Pflanze ein vollwertiges Lebewesen. Der Wald ist ein Gast auf dieser Welt wie wir auch.»