Schönenwerd
Im Dorf geht die letzte Bäckerei zu – die Betreiber erzählen vom harten Alltag

Heute schliesst in Schönenwerd die Bäckerei Walter – nun gibt es keinen Bäcker mehr im Dorf.

Christian von Arx
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Bäckerei Walter in Schönenwerd geht zu
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So präsentierte sich die Bäckerei Walter an der Oltnerstrasse 35 in Schönenwerd
So kannten die Kundinnen und Kunden das Ladenlokal der Bäckerei Walter
Rührwerke in der Backstube der Bäckerei Walter
Blick in die Backstube der Bäckerei Walter
Jetzt ist das letzte Brot in der Backstube gebacken
Günter Walter mit der Teigauswallmaschine
Der Backofen geht voraussichtlich ins Ausland

Bäckerei Walter in Schönenwerd geht zu

Bruno Kissling

«Jetzt bin ich 65. Wenn wir jetzt nicht aufhören, stehen wir noch bis 70 da.» Die Antwort von Günter Walter ist nüchtern und realistisch. Und wie ist die Gefühlslage vor dem Abschied vom Geschäft? «Bis jetzt haben wir uns gefreut», meint Silvia Walter (59), «aber jetzt, wo sich die Kunden verabschieden, wird man langsam etwas wehmütig.»

Ganzes Jahr 7-Tage-Woche

Man versteht den Entscheid, wenn man sich die Arbeitszeiten der Bäckersleute schildern lässt. Unter der Woche schellte der Wecker bei Walters jeweils um 1.30 Uhr. Immerhin war der Arbeitsweg kurz, denn die Wohnung liegt über dem Geschäft. «Am Samstag konnte ich ausschlafen», schmunzelt Silvia Walter, «da ging ich erst um 4.30 Uhr an die Arbeit.»

Geschichten aus dem Bäckerstübli

Zum Charakter der Bäckerei an der Oltnerstrasse gehört das winzige Bäckerstübli, mit vier Tischen. Auch es hatte seine Stammkundschaft. «Morgens um 5.30 Uhr kamen die ersten, die zur Arbeit fuhren, ins Café und lasen die Zeitung», berichtet Silvia Walter. Diese regelmässigen Kunden waren dann fast so etwas wie Kollegen. «Wenn einer die Arbeitsstelle wechselte und wegzog, sagte er uns das immer. So wussten wir, warum er nicht mehr kam.» Diese persönliche Beziehung zu den Kunden haben die Walters geschätzt.

Um 9.30 Uhr war dann die Stunde der «Kafi-Frauen». Eine Gruppe von vier bis fünf Frauen, die regelmässig ins Bäckerstübli kamen. «Danach war man immer informiert», schmunzelt die Bäckersfrau. Den «Kafi-Frauen» war es wichtig, sich an ihren bevorzugten Tisch setzen zu können. War er an einem Tag schon besetzt, waren sie ziemlich beleidigt. Am Dienstagnachmittag war das Café der Bäckerei Walter oft Ziel einer Gruppe nach dem Tanzen im reformierten Kirchgemeindehaus, am Mittwoch kamen Turnerinnen. Ein kleiner Luxus im Alltag. (cva)

Erst recht nachdenklich stimmt die Jahresarbeitszeit. Seit 2006 hatte die Bäckerei Walter auch am Sonntagvormittag geöffnet, das hiess dann: 7-Tage-Woche. «Wir hatten nur an zwei Tagen im Jahr geschlossen: Weihnachten und Neujahr.» Erst in den letzten Jahren gönnten sich die Walters eine Erleichterung: Seither blieb das Geschäft auch am 26. Dezember und um 2. Januar zu. Also vier Tage geschlossen, 361 Tage offen. Ist das überhaupt auszuhalten? Günter Walter zuckt bloss mit den Schultern: «Das ist Gewohnheitssache.» Sie sei aber immer mit den Kindern eine Woche in die Skiferien gegangen, betont Silvia Walter, und ihr Mann habe Verwandte in Deutschland besucht. Aber gemeinsame Ferien lagen nicht drin.

Ein Jahr in Mexiko

Auf 33 Jahre im eigenen Geschäft kann das Ehepaar zurückblicken. Günter Walter lernte das Bäckerhandwerk noch in seiner Heimat Deutschland, seine Frau Silvia, aufgewachsen auf einem Bauernhof in Küttigen, ist gelernte Konditorin-Confiseuse. Kennen gelernt haben sie sich in Zermatt, als sie im gleichen Betrieb arbeiteten. Weitere Stellen waren in Davos, Andermatt oder Luzern. Dann kam ein Abenteuer: 1982/83 führten sie gemeinsam die Bäckerei in einem Hotel von Volkswagen in der Touristenstadt Cancún, an der mexikanischen Karibikküste. «Einen Tag pro Woche hatten wir frei, dann reisten wir nachts mit dem Bus an verschiedene Ziele im Land. Am Morgen waren wir hundemüde!», erinnert sich Günter Walter.

Nach dem Jahr in Mexiko wurde geheiratet. Mitte 1984 starteten sie als selbstständige Gewerbetreibende in Gretzenbach, in der Bäckerei an der Ettenburgstrasse 2 beim Restaurant Frohsinn. 1998 folgte der Wechsel nach Schönenwerd in die vormalige Bäckerei Dambach an der Schmiedengasse. Von dort gings 2006 weiter an den heutigen Standort an der Oltnerstrasse. Dort hatte die Oltner Bäckerei Wacker nach kurzer Zeit ihre Filiale wieder aufgegeben. Im Dorf war sie jahrzehntelang als Bäckerei Salvisberg bekannt.

Ende Monat wieder Ruchbrot

Hier gab es nun das Walter-Brot in vielen Sorten, Parisettes, Sandwiches, Wähen, Spitzbuben, Mohrenköpfe und viele Stückli, vor Ostern selbstgemachte Schoggihasen. «Die stärkste Zeit im Jahr brachten uns die Dreikönigskuchen», erinnert sich Silvia Walter, «mehr noch als die Grittibänzen zum Samichlaus.» Das meistverlangte Brot war das Ruchbrot, zuletzt zu Fr. 3.10 das Pfund. Am Brotverkauf konnte die Bäckersfrau im Laden fast das Datum ablesen: «Anfang Monat konnten wir mehr Spezialbrote verkaufen. Ende Monat, wenn das Geld knapper wurde, wurde dann wieder das günstigere Ruchbrot verlangt.»

In der Bäckerei Walter gab es ausserdem stets die «Salvisberg-Stängeli» zu kaufen, eine weitherum bekannte Spezialität der Vorgängerbäckerei. Bis vor ein paar Jahren wurden sie noch von Hugo Salvisberg hergestellt, zuletzt von Silvia Walter. Die Stängeli mit dunklem oder hellem Überzug, verpackt in silberne oder rote Folie, sind nun Geschichte, noch lebendig als Erinnerung ihrer Liebhaber.

Für Günter und Silvia Walter endet heute Mittwoch ein arbeitsreiches Berufsleben. Sie ziehen sich zurück nach Küttigen, wo sie das Elternhaus der Frau umbauen. Ihr Vater war Lokomotivführer und Nebenerwerbsbauer. Zum Betrieb gehören 17 Obstbäume: Äpfel, Kirschen, Zwetschgen. Da wird es schon noch zu tun geben: «No chli öppis fuuschte», meint die Bäckersfrau, im Garten vielleicht, noch etwas reisen. Wann werden sie aufstehen? Günter Walter kann sich das noch nicht vorstellen.

7 Bäckereien gab es in Schönenwerd in den 1950er Jahren, wie sich Hugo Salvisberg (76), Eigentümer des Gebäudes an der Oltnerstrasse und früher Inhaber der Bäckerei, an seine Schulzeit erinnert:

Bäckerei Baumann, später Fuchs (Höhefeldstrasse, beim Sportplatz)
Bäckerei Studer (Baumstrasse, beim Restaurant Sportplatz/Eule; Studer wechselte später an den Standort Quartierstrasse)
Bäckerei Ryf (3 Generationen), später Café sie+er und Bäckerei Rehra (Carl-Franz-Bally-Strasse)
Bäckerei Schenker, später Dambach, dann Walter und kurzzeitige Nachfolger (Schmiedengasse, beim Schulhaus 1888)
Bäckerei Plüss, später Holzer, zuletzt Widmer (Oltnerstrasse 19/Ecke Burgstrasse)
Bäckerei Salvisberg, Fritz Salvisberg seit 1939, später Hugo Salvisberg, dann Filiale der Bäckerei Wacker/Olten, zuletzt Bäckerei Walter (Oltnerstrasse 35/Ecke Bäckerstrasse)
Bäckerei Berger, später Studer (Quartierstrasse/Weidengasse).

Bäckerstrasse ohne Bäckerei

Eine Weiterführung der Bäckerei in der Familie war kein Thema: Tochter Veronika (26) ist Malerin, Sohn Guido (23) Landschaftsgärtner. Auch an eine Geschäftsübergabe war nicht zu denken. Wirtschaftlich setzten dem Betrieb die fehlenden Parkplätze und die Konkurrenz durch Tankstellenshops und Grossverteiler zu.

Das Haus hat eine lange Tradition als Bäckerei, wahrscheinlich gab es der angrenzenden Bäckerstrasse den Namen. Aber jetzt reisst die Tradition ab. Der alte, kleinstädtisch wirkende Kern von Schönenwerd entlang der Oltnerstrasse verliert einen weiteren Bestandteil, der seinen Charakter ausmachte. Es war die letzte von einst sieben Bäckereien im Bally-Dorf. Erhalten bleibt die Walter-Filiale im Oberdorf von Däniken: Sie wird seit Anfang Mai von der Metzgerei Schneider (Gretzenbach) geführt, mit Brot von der Bäckerei Squindo (Moosleerau/Niedergösgen).

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