Dulliken

«Ich sehe überall Farben» – Claudia zieht Inspiration aus der Umgebung

Claudia Piller lebt seit 2016 in Dulliken: «Wenn ich durch meine Gaben finanzielle Unabhängigkeit und Stabilität erreicht habe, bin ich am Ziel.

Claudia Piller ist Musikerin, Malerin, Modedesignerin und Mama. Und sie will Sonne in die Schweiz bringen.

Claudia Masika nennt sie sich. Ein Kindermädchen gab ihr den Namen «Masika», was so viel bedeutet wie «die Sonnen-Bringerin». Sieht man Claudia Piller, wie sie mit bürgerlichem Namen heisst, lachen und wild gestikulieren, hört man ihre Stimme, wenn sie singt, oder fühlt man die Stoffe der farbenfrohen Kleidungsstücke, die sie designt, weiss man, warum sie so genannt wird.

Googelt man aber den Namen «Masika», wird eine andere Bedeutung angegeben: «Die im Regen geborene» heisst es auf mehreren Websites. Claudia Piller, die mit ihrer Musik gerade durch die Schweiz tourt, mag das nicht, sie will wie die Sonne sein. Das hat sie zu ihrem Lebensziel erklärt.

Hindernisse überwinden

Claudia, vom ersten Kennenlernmoment an ist man per Du, wurde in Kenia geboren. Gerne erzählt sie von ihrer Kindheit. Als Claudia mit etwa acht Jahren zu singen begann, sagte ihre Grossmutter: «Endlich haben wir jemanden in der Familie, der auch singen kann.» Ihre Mutter, sie war Model, nahm die kleine Claudia bei den Modeschauen mit hinter die Bühne. «Ich achtete aber immer nur auf die Schneider, wie schnell sie ein Kleid umnähten oder mit den Stecknadeln hantierten.»

2008 kam Claudia mit ihrem Bruder in die Schweiz. Warum, darüber will die heute 31-Jährige nicht sprechen. «Zu schmerzhaft» sei es für sie. Dank ihres Vaters hatte sie zwar den Schweizer Pass, war aber nicht darauf vorbereitet, was sie hier erwarten würde. Mit Jobs in einer Wäscherei oder als Putzfrau verdiente sie ein wenig Geld.

Ein Jahr später zogen auch ihr Mann und ihre Tochter in die Schweiz. Integration und Arbeitssuche klappten nicht so, wie sich Claudia das vorgestellt hatte. Immer wieder wurde sie vor Hindernisse gestellt: Da gab es eine Sprachbarriere, dort hatte sie zu wenig Arbeitserfahrung, und hier fühlte sie sich als schwarze Frau diskriminiert.

Claudia wollte aber nicht aufgeben, sie erinnerte sich selbst daran, dass sie «die Sonnen-Bringerin» ist. «Ich will nicht in der Vergangenheit leben, sondern ich will ich selbst sein.» Sie startete ein Kunstprojekt, auch um ein Stück kenianische Sonne in die Schweiz zu bringen. Aus alten Plastiksäcken, die sie bei ihren Nachbarn einsammelte, formte sie die Skulptur «Ai- sha». Als erste schwarze Frau durfte sie ihre Werke an einer Ausstellung in der Gemeinde zeigen, erzählt Claudia stolz.

Mode, Malen und Musik

Heute versucht sich Claudia, die seit zwei Jahren mit ihrer 13-jährigen Tochter in Dulliken lebt, mit allen drei Leidenschaften über Wasser zu halten. «Wenn ich durch meine Gaben finanzielle Unabhängigkeit und Stabilität erreicht habe, bin ich am Ziel.» Die Maisonette-Wohnung des Mutter-Tochter-Gespanns ist Modeladen, Kunstgalerie, Nähatelier und Teenager-Lebensraum zugleich. Wer aber Chaos oder Durcheinander erwartet, wird enttäuscht. Vielmehr scheinen die verschiedenen Leidenschaften nicht nur in Claudias Kopf und Herz, sondern auch in ihrem Zuhause in einer friedlichen Symbiose zu existieren.

Die Inspiration für ihre Werke zieht Claudia aus ihrer Umgebung: «Ich sehe überall Farben», sagt sie und zeigt um sich. In der Schweiz seien diese zwar etwas versteckt. Aber: «Die Farbe steckt in den Menschen», so Claudia.

Zurzeit dominiert allerdings die Musik das Leben der gebürtigen Kenianerin. Seit Anfang Jahr ist die Sängerin mit ihrer Band auf Tour: In Luzern, Solothurn oder Brugg traten sie bereits auf. Am Wochenende waren sie zu Gast am Sziget Festival in der ungarischen Hauptstadt Budapest. Danach folgen weitere Konzerte in Österreich und der Schweiz.

Anfang Juli veröffentlichten sie das Acoustic-Album «Subira», im Dezember folgt das Live-Album «Uhuru». «Wir geben gerade richtig Gas», sagt Claudia. Dabei begann ihre Musikkarriere zuerst verhalten: «Ich machte Musik, um Geld zu sammeln für mein Hilfsprojekt ‹Hope for Girls›. Dass es jetzt so gut läuft, kann ich kaum glauben. Das ist surreal.»

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