Es ist noch kühl draussen, als sich die Naturbegeisterten mit ihren Hunden bei der Kapelle in Stüsslingen treffen. Sie begeben sich bald auf einen dreistündigen Spaziergang mit ihren Vierbeinern in die Natur und wollen alles rund ums Thema «Singvögel» lernen, was Biologe Christian Wittker ihnen zu berichten hat.

Die Idee stammt von Sibylle Aschwanden, Inhaberin der Hundeschule Focus-Canis in Winznau, und ihrem Mann Bruno Aschwanden. «Nach der Abschaffung der obligatorischen Hundekurse mussten wir uns etwas neues überlegen», erklärt Aschwanden. Da sie selber Biologie studiert hat, bereiteten Exkursionen in der Natur ihr schon immer Freude. «Nur mit den Hunden war das manchmal schwierig», so Aschwanden.  Da man sich oft in Naturschutzgebiete begeben habe, oder die anderen Teilnehmer teils Angst vor Hunden hatten, musste sie ihre geliebten Vierbeiner Nougat und Chai meist zu Hause lassen. Aus ihrer Liebe zur Natur und zu Hunden entstand so die Idee, von Fachleuten begleitete Naturspaziergänge für Mensch und Hund anzubieten. Unter dem Namen «hunderwägs» führt die Inhaberin der Hundeschule nun monatliche Naturexkursionen durch.


Pro Natura mit an Bord

Unterstützt wird sie dabei von Pro Natura: «Wir hatten die Grundidee, Naturexkursionen mit Hundehaltern durchzuführen, auch schon, aber uns hat noch ein Partner aus der Hundeszene gefehlt. Als Frau Aschwanden dann auf der Suche nach Leitern für die Exkursionen war, waren wir sofort begeistert», erklärt Andreas Boldt von Pro Natura die Zusammenarbeit. Ihm sei es einerseits besonders wichtig, den Hundehaltern einen spannenden Tag in der Natur zu ermöglichen, während diese dabei über verschiedene Themen etwas lernen können. Andererseits lege er Wert auf die Sensibilisierung der Hundehalter und drauf, dass diese lernen können, wie sie mit möglichen Konflikten zwischen Hund und Natur umgehen können. Andreas Boldt ist bei den meisten Naturexkursionen selber mit dabei.

Die erste dieser Exkursionen findet mit neun Teilnehmern und ebenso vielen Hunden zum Thema «Singvögel» statt: Vom Zwergpinscher bis zum Nova Scotia Duck Tolling Retriever ist in Form, Grösse und Farbe fast alles vertreten. Noch etwas aufgeregt und laut vor sich hin bellend begeben sich die Hunde mit ihren Hundehaltern auf den Weg von der Kapelle zum ersten Posten. Spiele und Aufgaben für die Hunde baut Sibylle Aschwanden während des gesamten Spaziergangs regelmässig ein, damit auch die Vierbeiner gefordert werden und auf ihre Kosten kommen. Während die Hunde am ersten Posten gekonnt nach ihren Leckerlis in der Friedhofsmauer suchen, kann Christian Wittker bereits zum ersten Mal den Feldstecher zur Hand nehmen: Im Baum neben der Mauer sitzt das erste Vogelpärchen, das sich von der Anwesenheit der pelzigen Eindringlinge gestört fühlt und dies auch lautstark vermeldet. Nach einer kurzen Erklärung zur Vogelart geht es weiter Richtung Dorfbach.

Mehrere verschiedene Vogelarten – Rotkehlchen, Hausspatzen, Buchfinken und weitere – konnten die Spazierenden bereits beobachten und kennenlernen, als die Gruppe beim nächsten Posten ankommt. Biologe Wittker erklärt den Anwesenden die Eigenarten eines jeden Pfiffs, bevor die Hunde auf dem Vorplatz eines Hofs ihre Tricks vorführen dürfen. Während Zwergpinscher Dracula eine Pirouette auf den Hinterbeinen hinlegt, Border Collie Mix Chai ein «Häsli» vorführt und der Parson Russel Terrier zeigt, wie man rückwärts läuft, plätschert im Hintergrund ruhig der Dorfbach.


Projekt soll weitergehen

Langsam werden die Luft wärmer, die Hunde leiser und das Vogelgezwitscher aktiver. Nach einem Slalomlauf und einer weiteren Suchaktion sind die Tiere spürbar ruhiger – der Besuch eines Rotmilans kann den Vierbeinern nur noch ein müdes Bellen entlocken – und die Hundehalter froh, im Wald angekommen zu sein, wo die Bäume nicht nur Schatten, sondern auch das Zuhause Dutzender Vogelarten bedeuten. Hier zwitschert eine Goldammer, dort pfeift ein Specht und mittendrin erklärt der Biologe mit seinem Vogelbuch und Feldstecher die Gefahren, die entstehen können, wenn Hund und Vogel aufeinandertreffen. Dass viele der erwähnten Arten bodenbrütende Vögel sind, war den meisten Hundehaltern zuvor nicht bewusst. Der Leinenzwang im Waldnähe ergibt aber mit diesem Wissen für alle Sinn. Auf die Konflikte sensibilisiert und mit viel neuem Wissen machen sich die Naturfreunde auf den Weg zurück zur Kapelle. Während über den Köpfen der Besucher ein Mäusebussard im blauen Himmel kreist, erzählt Sibylle Aschwanden von der Zukunft des Projekts. «Wir würden das Projekt gerne ausweiten und in verschiedenen Regionen der Schweiz anbieten.» Auch Boldt sieht dies so: «Die Spaziergänge mit Sibylle Aschwanden sind sozusagen unser Pilotprojekt. Ist dieses erfolgreich, würden wir es nächstes Jahr gerne erweitern, sowohl thematisch als auch regional.»