Buch
Historiker: «Olten war ein militärischer Schlüsselraum»

Das neue Buch des Militärhistorikers Rudolf Jaun (71) befasst sich mit der Schweizer Armee, die auch Raum Olten-Hauenstein präsent war.

Lorenz Degen
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Prof. Rudolf Jaun hat ein neues Buch geschrieben.

Prof. Rudolf Jaun hat ein neues Buch geschrieben.

Christian Altorfer/zvg

Herr Prof. Jaun, wie kamen Sie auf die Idee, ein Buch über die Geschichte der Schweizer Armee zu schreiben?

Rudolf Jaun: Ich bin im Reduit – Meiringen und Goldau – aufgewachsen, da gab es immer viel Militär. Zudem habe ich mit 19 Jahren die RS absolviert und dann gleich weitergemacht. Im Herbst 1971 kam das Buch «Die Konzeption der schweizerischen Landesverteidigung» von Alfred Ernst heraus. Ich staunte damals, dass die Schweizer Armee eine «Konzeption» hatte, uns aber in den Schulen nichts davon erzählt wurde. Als ich Dozent für Militärgeschichte an der Militärakademie ETH wurde, wollte und musste ich es endgültig wissen, wie es zu dieser «Konzeption» gekommen ist. Das Buch schrieb ich allerdings erst nach der Pensionierung, als ich Zeit dazu hatte.

Welche Aspekte der Schweizer Militärgeschichte finden Sie besonders bemerkenswert, und warum?

Der wichtigste Aspekt ist wohl, dass es bis vor Kurzem gelungen ist, mit einer Milizarmee, welche sich aus Staatsbürgern rekrutiert und von Staatsbürgern kommandiert wird, alle Militärrevolutionen / Entwicklungsperioden der waffentechnischen und organisatorischen Weiterentwicklung der Streitkräfte seit dem 19. Jahrhundert mitzumachen. Eingeschlossen die Luftverteidigung, die Motorisierung und Mechanisierung, die Übermittlung usw. Allerdings musste das Mithalten mit dem militärischen Mainstream immer wieder mit Beschaffungslücken und -verzögerungen erkauft werden, zum Beispiel bei den Panzern, der Panzerabwehr, den Kampfflugzeugen und der Raketenabwehr, und mit unzähligen Kampfbauten (Bunkern, Sperrstellen) kompensiert werden.

Gibt es einen «roten Faden» (oder mehrere), der sich durch die gesamte geschichtliche Entwicklung zieht?

Seit dem frühen 19. Jahrhundert gibt es zwei Richtungen, wie die Schweizer Armee sich entwickeln soll und wo sie sich orientieren soll. Soll sie sich an den führenden Armeen (Frankreich bis 1870, Deutschland 1871 bis 1945, USA bis heute) oder möglichst eigenständig eine «low-tech», auf Widerstand ausgerichtete Armee entwickeln. So dann sind die periodische Unterfinanzierung, die Bestandeskrisen und die Problematik der Unteroffiziers- und Offiziersrekrutierung und -ausbildung zu nennen.

Konnten Sie mit Ihrem Buch eine bisherige Ansicht über ein Ereignis oder eine
Epoche der Schweizer Geschichte widerlegen oder bestätigen?

Widerlegen konnte ich die These, die Schweizer Armee sei während dem Zweiten Weltkrieg ein «Nonvaleur» gewesen und das Reduit ein Konzept, um für Nazi-Deutschland zu arbeiten. Ebenso die These, dass die Schweizer Armee sei primär dafür geschaffen worden, um gegen Innen eingesetzt zu werden zur Unterdrückung sozialer und politischer Bewegungen.

Welche Fragen müssen offen bleiben, weil es keine Quellen gibt?

Zum Beispiel: Wer schafft es warum zum Höheren Stabsoffizier, Brigadier bis Korpskommandant, und wer nicht?

Ein Befestigungswerk ist heute noch sichtbar: Wie kam es zur Planung der Fortifikation Hauenstein?

Es stellte sich nach 1890 für die Schweiz die Frage, ob in einem nächsten Krieg Frankreich oder Deutschland allenfalls, wenn auch nur als Entlastungsaktion, über die Schweiz gehen würden. Deutschland signalisierte und bestätigte das mit einem Telegramm, dass dies nicht der Fall sein würde. Es musste also mit einer Aktion Frankreichs auf Deutschland über die Schweiz gerechnet werden. Damit erhielt die Planung von befestigten Stellungen am Jurarand vom Hauenstein bis Murten Aktualität, welche nach 1910 durch Ingenieur-Offiziere an die Hand genommen wurden.

Welche Rolle war der Fortifikation Hauenstein zugedacht? Gab es einen bestimmten Auftrag?

Nach Kriegsausbruch wurde der Bau der Fortifikation Hauenstein, welche primär aus offenen Infanterie- und Artilleriestellungen bestand, an die Hand genommen. Der zentrale Auftrag lautete: « Schaffung eines Brückenkopfes auf dem linken Aareufer bei Olten zur Sicherung der Operationsfreiheit der Armee in jener Gegend und zum Schutze des Platzes Olten gegen Beschiessung. Als Hauptstützpunkte sind einzurichten: der Wisenberg, die Bölchenfluh und der Kappelborn (...), Bewachung Olten-Südportal des Hauensteins, Oensingen-Olten-Wöschau.»

Wie beurteilen Sie aus heutiger Sicht den Sinn und Nutzen der Fortifikation Hauenstein?

Die Errichtung der Fortifikation Hauenstein war nach Kriegsausbruch im August 1914 sicher sinnvoll. Sehr schnell wurde jedoch klar, dass die getroffenen Annahmen nicht eintreffen würden und General Wille liess den Ausbau der Feldbefestigungen zurückfahren

Olten war nie ein Waffenplatz der Schweizer Armee. Welche Bedeutung hatte der Ort dennoch für das Militär?

Eine Landesbefestigung entlang der Aare wurde im 19. Jahrhundert immer wieder diskutiert, erwies sich aber primär auf finanziellen Gründen als illusionär. Als militärischer Schlüsselraum blieb aber Olten bis 1940 und dann während der Zeit der Abwehrverteidigung von 1966 bis 2003 von hohem Stellenwert. Noch in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre drehte sich die Übung «HERZOG» in den Stabs- und Kommandantenschulen um den Raum Olten und führten mich auf die Abdeckung des Sälischlösslis und eines Getreidesilos in der Nähe von Aarburg.

Am Gotthard gab es grosse Festungsbauten zum Schutz des Eisenbahntunnels. Warum fehlen diese völlig bei den beiden Jura-Durchstichen des Hauenstein-Scheiteltunnels und des Basistunnels? Gibt es Gründe hierfür?

Die Befestigung des Gotthards hatte als Hauptalpentransversale in doppelter Hinsicht eine weit höheren Stellenwert: einmal konnte das Südportal (1882) des Eisenbahntunnels in Airolo von Italien aus innert Stunden erreicht werden. Dann bildete der Gotthardraum als Zentrum und Drehscheibe der Zentralraumverteidigung 1940-44 und des späteren Gebirgsarmeekorps von 1961 bis 2003 eine Schlüsselfunktion.