Kappel

Hier bestimmen die Kühe den Melkzeitpunkt selbst

Ein neuer Stall am Dorfeingang von Kappel richtet sich ganz nach dem Wohlbefinden der Kühe.

Ein frischer Wind weht durch den neuen Kuhstall am Dorfeingang von Kappel. Ungewöhnlich; schliesslich erwartet man beim Gedanken an einen Stall viel eher dicke Luft und den Geruch von Kuhmist. Doch dieser Stall ist kein gewöhnlicher: Er wurde speziell konzipiert, um das höchstmögliche Wohlbefinden der Tiere zu ermöglichen. Von Weitem sieht das Gebäude deshalb mehr aus wie ein einfaches Dach als wie ein Stall.

Mit dieser offenen Bauweise und der West-Ost-Ausrichtung herrscht immer ein Luftzug. So sammelt sich weniger Ungeziefer, zum Beispiel Fliegen, an, das die Kühe belästigen könnte. Insgesamt ist es kühler. «Das ist wichtig», sagt Erich Widmer, «Kühe haben am liebsten Temperaturen im Bereich von zehn Grad unter bis zehn Grad über Null.»

Widmer war es, der den Stall in Kappel geplant hat. Durch seinen Hintergrund als gelernter Landwirt kennt er die Bedürfnisse und Eigenschaften der Tiere sehr gut und kann so einen Stall mit einer ganz anderen Betrachtungsweise bauen, als dies ein Architekt könnte. Er betont, dass das Wohlbefinden der Tiere sehr wichtig ist, denn stressfreie Kühe sind leistungsfähige Kühe. Ein Aspekt, der nicht zu vernachlässigen ist.

Aus den Statistiken der Schweizer Milchproduzenten ist klar ersichtlich, dass die Lage schwierig ist. Obwohl die vermarktete Milchmenge von 2,52 Millionen Tonnen im Jahr 1950 auf 3,44 Millionen Tonnen im Jahr 2010 angestiegen ist, können immer weniger Landwirte davon leben. Von 137'380 Milchproduzenten im Jahr 1950 war 2010 noch ein Bruchteil übrig, nämlich 26'097. Aktuell sei der Stand ungefähr bei 20'000, sagt Widmer.

Bau auf das Tierwohl ausgelegt

Er erklärt: «Kühe fressen am liebsten, wenn ihre Vorderhufe ein bisschen höher als die Hinterhufe platziert sind.» Stehen sie umgekehrt, drückt nämlich der Pansen, einer der vier Mägen der Kuh, auf Herz und Lunge. Das ist für das Tier unangenehm. Aus diesem Grund hat es sowohl vor dem Wasserspender als auch vor dem Futtertrog eine kleine Stufe.

Auch die Melkanlage ist auf die Bedürfnisse der Kühe ausgerichtet. Diese können wann immer sie wollen zur Melkanlage gehen. Um ihren Hals tragen sie einen sogenannten Transponder. Der registriert, wann die Kuh letztmals gemolken worden ist. Will nun die Kuh zum Melken, muss sie zuerst einen Sensor passieren, der entscheidet, ob es bereits wieder Zeit zum Melken ist.

Ist das der Fall, kann die Kuh zur Melkanlage weitergehen und erhält zum Schluss eine kleine Belohnung. Ist noch nicht genügend Zeit seit dem letzten Melkvorgang verstrichen, öffnet sich ein anderes Tor. Die Kuh geht wieder nach draussen. Die Wartezeit bis zum nächsten Melken variiert von Tier zu Tier. «Einige Kühe werden bis zu vier Mal am Tag gemolken», sagt Widmer. Der Durchschnitt beträgt jedoch 2,8 Mal pro Tag. Ein Teil der Milch wird für die Kälber verwendet, die in einem anderen Teil des Stalls untergebracht sind. Sie werden mit Vollmilch gemästet.

Stall bietet viele Vorteile

Trotz allem guten Willen gab es Vorbehalte dem Projekt gegenüber; sei es wegen möglicher Verkehrszunahme oder möglichem Gestank. Die beiden Bauherren, Fabian Wyss aus Gunzgen und Roger Lack aus Kappel, haben lange nach einem geeigneten Standort für den Stall ihrer Betriebsgemeinschaft gesucht. «Am Dorfeingang von Kappel haben wir einen idealen Standort gefunden», meint Erich Widmer. Auch sei die Gemeinde Kappel immer sehr kooperativ gewesen.

Nach neun Monaten Bauzeit konnten dann vor kurzem die ersten 65 Kühe einziehen. Die Anzahl soll mit der Zeit auf dimaximal 128 Tieren erhöht werden. Das Futter, Dürrfutter wie Heu und Emd, Grassilage und Getreidesilage können die Landwirte auf ihrem Land selber herstellen. Zusätzlich wird auch Biertreber verfüttert, ein Abfallprodukt aus der Bierherstellung. Bei der grossen Anzahl an Tieren ist es nicht möglich, diese auf die Weide zu lassen. Zudem ist es nicht förderlich, weil das Futter auf der Weide sehr unterschiedlich im Nährstoffgehalt ist, was einen Stressfaktor für den Pansen bedeutet.

Nötig wurde der Bau des Stalls, weil die beiden Vorgängerställe nicht mehr den gesetzlichen Vorgaben entsprochen haben. Die Investitionen für den Stall liegen deutlich unter dem üblichen Preis von 25 bis 30'000 Franken pro Platz. Zudem ermöglicht dieser Stall den Landwirten einen höheren Lebensstandard. Am Wochenende und bei allfälligen Ferien kann die Anlage nämlich auch durch den einen alleine betreut werden, während der andere frei hat.

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