Niederamt
Hausärztemangel in den Gemeinden: Massnahmen sind gefordert

Angesichts des drohenden Hausärztemangels greifen Gemeinden im Niederamt zu verschiedenen Massnahmen. Gruppen- und Gemeinschaftspraxen ist eine von den alternativen Betriebsmodellen.

Lena Bueche
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Rund die Hälfte der im Kanton Solothurn tätigen Hausärzte wird in den nächsten Jahren das Pensionsalter erreichen. (Symbolbild)

Rund die Hälfte der im Kanton Solothurn tätigen Hausärzte wird in den nächsten Jahren das Pensionsalter erreichen. (Symbolbild)

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Wer jetzt einen Hausarztbesuch plant, muss sich gedulden: Sommerzeit ist Ferienzeit, und viele Praxen im Niederamt sind gegenwärtig geschlossen. Aber auch ausserhalb der Ferien wird es immer schwieriger, einen Termin bei einem Hausarzt zu bekommen. In den Niederämter Gemeinden sind noch 21 Hausärzte tätig (siehe Tabelle). Bezogen auf die Bevölkerungszahl kommen so auf einen Hausarzt 2037 Einwohner. Damit ist die Ärztedichte im Niederamt deutlich geringer als in anderen Kantonsteilen.

Quellen: Kantonales Amt für Finanzen; Gemeinden

*Bevölkerungszahlen per 31.12.2017

** Stand Juli 2018

Gesamthaft betrachtet kommen im Kanton Solothurn gemäss der Statistik des Ärzteverbands FMH nämlich 1270 Einwohner auf einen Hausarzt. Die Situation dürfte sich zuspitzen, nähern sich doch viele Hausärzte dem Pensionsalter: Gemäss den Angaben der Gesellschaft der Ärztinnen und Ärzte des Kanton Solothurn sind fast die Hälfte aller Hausärzte im Kanton über 60 Jahre alt.

Gruppenpraxen gross im Trend

Die anstehende Pensionierungswelle ist nicht das eigentliche Problem. Die grosse Herausforderung besteht viel mehr darin, Nachfolger zu finden. Nebst der Tatsache, dass zu wenig Hausärzte ausgebildet werden, spielt dabei auch ein grundsätzlicher Wandel im Berufsbild eine Rolle. So können sich immer weniger angehende Hausärzte vorstellen, wie ihre Vorgänger im Alleingang eine Praxis zu führen. Viel lieber möchten sie in einem Team arbeiten – und das idealerweise in einem Teilzeitpensum.

Medizinische Grundversorgung

Hausärzte zählen zu den sogenannten ärztlichen Grundversorgern. Zu diesen gehören Ärzte mit einem Facharzttitel in Allgemeinmedizin, Innerer Medizin, Allgemeiner Innerer Medizin, Kinder- und Jugendmedizin sowie praktische Ärzte, die im ambulanten Sektor tätig sind.

Alternative Betriebsmodelle wie Gruppen- und Gemeinschaftspraxen erfreuen sich deshalb wachsender Beliebtheit. Aber auch die Eröffnung einer Gruppenpraxis geschieht nicht ohne unternehmerisches Risiko. Die Standortfrage will gut beantwortet sein. Viele Niederämter Gemeinden haben dies erkannt und versuchen, aktiv Massnahmen zu ergreifen, um die Ansiedlung von Hausärzten zu begünstigen und so die medizinische Grundversorgung im eigenen Dorf langfristig zu sichern. Dabei kommen verschiedene Strategien zum Zug.

Drei Beispiele

Däniken

Als sich vor einigen Jahren abzeichnete, dass der im Dorf niedergelassene Hausarzt in Pension gehen würde, wandte sich die Gemeinde an die Solothurner Spitäler AG (soH). Gemeinsam wurde ein Konzept für eine Gruppenpraxis erarbeitet. Wie Gemeindepräsident Matthias Suter ausführt, war ursprünglich auch eine finanzielle Beteiligung der Gemeinde erwogen worden. Die Gemeinde habe damals angeboten, sich mit einem Darlehen in der Höhe von 500'000 Franken an den Investitionskosten zu beteiligen.

Schlussendlich seien aber alle Investitionen vollumfänglich durch die soH getätigt worden, wie Suter festhält. Die im Jahr 2012 eröffnete Gruppenpraxis wird von der soH betrieben, die auch die alleinige Eigentümerin ist. Der Betrieb ist zwischenzeitlich selbsttragend, wie Mediensprecher Gian Trionfini erklärt. In der Praxis Herrenmatt sind heute zwei Hausärzte und eine Gynäkologin tätig.

Dulliken

Auch dieser Gemeinde drohte das Schicksal, künftig ohne Arzt auskommen zu müssen, standen doch gleich beide im Dorf tätigen Hausärzte vor der Pensionierung. Lange war die Nachfolge ungewiss, bis sich mit dem Projekt der Genossenschaft Betreutes Wohnen im Alter eine Lösung abzeichnete. Das Projekt sah nämlich – nebst dem Bau von Alterswohnungen – die Bereitstellung von Räumlichkeiten für ein Ärztezentrum vor. Die Gemeinde Dulliken unterstützt das Projekt mit einem Hypothekardarlehen in der Höhe von 3 Millionen Franken.

Zudem hat die Gemeinde ein auf die Gründung von Arztpraxen spezialisiertes Unternehmen damit beauftragt, den Aufbau des neuen Ärztezentrums in die Hand zu nehmen. Dafür wendet die Gemeinde 183'000 Franken auf. Im Jahr 2017 wurde die Ärztezentrum Brügglipark AG gegründet. Sie beschäftigt seit Anfang 2018 bereits einen Hausarzt, ein weiterer soll dazukommen. Bis die Räumlichkeiten im Brügglipark fertiggestellt sind – was Anfang 2019 der Fall sein dürfte –, werden die Patienten vorübergehend in einem Provisorium betreut.

Erlinsbach

Hier entschied sich die Gemeinde dafür, die Räumlichkeiten für eine Gruppenpraxis gleich selbst bereitzustellen. Eine vor zwei Jahren für 690'000 Franken erworbene Liegenschaft am Dorfplatz soll zu diesem Zweck umgebaut werden. Die zukünftigen Mieterinnen stehen bereits fest: Es sind die beiden Ärztinnen, die im vergangenen Jahr von ihrem Vorgänger die Hausarztpraxis in Erlinsbach AG übernommen haben. Wann der Umzug nach Erlinsbach SO erfolgen wird, ist vorläufig noch offen. Für den Umbau der Liegenschaft, die nebst der Gruppenpraxis noch mehrere Wohnungen umfassen wird, wurden Kredite in der Höhe von insgesamt 3,5 Millionen Franken gesprochen.

Arztpraxis steigert Attraktivität

Angesichts der hohen Summen, die einige Gemeinden bereit sind, in die Ansiedlung von Hausärzten zu investieren, stellt sich die Frage, inwiefern die Förderung der medizinischen Grundversorgung überhaupt zu den Aufgaben einer Gemeinde gehört. Die Antworten auf diese Frage fallen je nach Gemeinde unterschiedlich aus, aber fast allen gemeinsam ist die Feststellung, dass ein hausärztliches Angebot im eigenen Dorf ein wichtiger Standortfaktor darstellt. So könne die medizinische Grundversorgung durchaus als Attraktivitätssteigerung einer Gemeinde angesehen werden, meint Beat Gradwohl, Gemeindeverwalter von Starrkirch-Wil.

Auch der Gemeindepräsident von Winznau, Daniel Gubler, sieht in der medizinischen Grundversorgung einen gewichtigen Standortvorteil. «Entsprechend legt der Gemeinderat Wert darauf, dass für Organisationen des Gesundheitswesens gute Rahmenbedingungen geschaffen werden», erklärt Gubler. Dies könne zum Beispiel durch raumplanerische Massnahmen erreicht werden, indem an geeigneten Standorten ein minimaler Gewerbeanteil gefordert werde. Auch andere Vertreter sind der Ansicht, dass die Gemeinde zunehmend eine Rolle als Vermittlerin und Projektbegleiterin spiele.

Andreas Gervasoni, Verwaltungsleiter von Dulliken, spricht in diesem Zusammenhang von einer Scharnierfunktion, die der Gemeinde zukomme. In einer Zeit, in der der Hausarzt als eigenständiger Unternehmer immer rarer werde, könne die Gemeinde «ein schlussendlich privatwirtschaftliches Konzept in die Gänge bringen» helfen, so Gervasoni. Die medizinische Grundversorgung stelle ein Grundbedürfnis dar. Deshalb sei es naheliegend, dass der Gemeinderat dazu bereit sei, einen gewissen Aufwand zu betreiben, um dieses Bedürfnis abzudecken.

Viele Gemeinden ohne Hausarzt

Die Option, die Ansiedlung von Gruppenpraxen aktiv zu fördern, ergibt sich nur für grössere Gemeinden. Kleinere Gemeinden können nicht einmal damit rechnen, dass sich zumindest ein einzelner Hausarzt im Dorf niederlässt. So gibt es weder in Wisen, Eppenberg-Wöschnau oder Hauenstein-Ifenthal einen praktizierenden Hausarzt. Auch die Gemeinde Rohr mit ihren 97 Einwohnern hat seit jeher keinen Arzt im Dorf.

Gemeindepräsident André Wyss hält dazu fest: «Eine medizinische Grundversorgung im Dorf wäre zwar an sich erstrebenswert, bei unserer Gemeindegrösse jedoch kaum umsetzbar. Für uns als Kleinstgemeinde ist ein Hausarzt direkt vor Ort kein Thema und unrealistisch.» Auch wenn man die Entwicklung des Hausarztangebotes mit einer gewissen Sorge beobachte – eine aktive Einflussnahme auf die Situation sei für eine Gemeinde wie Rohr nicht möglich.

Man sei auf die umliegenden Gemeinden angewiesen, so Wyss. Ähnliches ist von der Gemeinde Hauenstein-Ifenthal zu vernehmen: Man sei froh, das Angebot in Trimbach und Olten nutzen zu können. Und auch Wisen verweist darauf, dass die Gemeinde für die medizinische Grundversorgung immer schon auf das regionale Angebot habe zurückgreifen müssen.

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