Winznau
Hans Brunner: Ein Leben für die Lokalgeschichte

Der Winznauer hat die historischen Quellen seines Dorfes erforscht und dokumentiert.

Lorenz Degen
Drucken
Teilen
An seinem Schreibtisch hat Hans Brunner die meisten seiner Bücher geschrieben. Bild: Remo Fröhlicher

An seinem Schreibtisch hat Hans Brunner die meisten seiner Bücher geschrieben. Bild: Remo Fröhlicher

Sein Haus ist nicht schwer zu finden. «Nach der Kirche links abbiegen», sagt er am Telefon, als wir unseren Besuch ankündigen. Eine Betonmauer kommt zum Vorschein, an der zwei blaue Schilder angebracht sind: «Fuchsacker» und «Hans Brunner-Weg». An dessen Ende steht Brunners Zuhause, man fährt ihm gewissermassen vor die Haustüre. Der 84-Jährige entschuldigt sich für seine derzeit eingeschränkte Bewegungsfähigkeit. Ein Spitalaufenthalt diesen Sommer hat seine Spuren hinterlassen. Täglich absolviert er nun ein Gehtraining mit dem Rollator: «Ich bin dabei, wieder mobil zu werden.»

Dass Hans Brunner eine bibliophile Ader besitzt, wird sofort deutlich, wenn man die Stube betritt. Das lange Büchergestell an der Wand ist nur eines von vielen, die sich im ganzen Haus verteilt befinden. Auf dem Schaft in der Mitte stehen die Werke von Gerhard Meier (1917– 2008). «Über ihn habe ich einmal eine Ausstellung gemacht», erinnert sich Brunner, indem er auf das Buch «Spaziergang durch Olten» tippt. Olten hat sich verändert, seit Peter André Bloch vor zweiundzwanzig Jahren mit Gerhard Meier durch die Strassen gezogen ist, dessen Lieblingsstätten nach, die das Buch eindrücklich festhält. Der Dampfhammer oder das Zoohaus Arakanga sind verschwunden. Brunner hat diesen Wandel selber miterlebt. Als «Jammers», wie Walter seinen fiktiven Schauplatz nennt, hat er Olten aber nie empfunden. Vielleicht, weil Brunner, der zwar sein berufliches Leben hauptsächlich in der Stadt verbrachte, seine Wurzeln immer in der Nachbargemeinde behielt. Gerhard Meiers Liebe zu «Amrain», wie dieser seinen Heimatort Niederbipp literarisch tarnte, findet sich in Brunners Beziehung zu Winznau.

«Man muss den Dienstweg einhalten: erst Provinzler, dann Weltbürger.» Der Satz von Gerhard Meier trifft auf Hans Brunner genauso zu. Mit Winznau ist er tief verbunden. «Hier bin ich geboren, hier habe ich geheiratet und hier werde ich, wenn es so sein darf, auch sterben», sagt er ruhig, fast feierlich. Dabei ist Brunner, der leise und bedächtig spricht, bescheiden und ruhig daherkommt, kein engstirniger Lokalpatriot. «Ich habe früher vieles im Dorf kritisiert.» Sein persönlicher Horizont macht nicht an Gemeindegrenzen halt.

Alte Münzen führen zur Begeisterung für die Geschichte

1936 hat Hans Brunners Leben in Winznau begonnen, als jüngstes von sieben Kindern. Anton Guldimann, Kunsthistoriker und sein Lehrer in der sechsten Klasse, verursachte bei ihm ein Erweckungserlebnis, das sein weiteres Leben bestimmen sollte. In die Schulstunden brachte er historische Münzen mit, auf die Brunner ein Blatt Seidenpapier legte und mit Bleistift durchschraffierte. «Von da an liess mich die Geschichte nie mehr los.» In Solothurn absolvierte Brunner das Primarlehrerseminar und unterrichtete zunächst ein Jahr in Lostorf, danach in Olten. Er sah sich nach einem Eigenheim um, doch mit 700 Franken Monatslohn war das in Olten unmöglich. In Winznau fand er ein Stück Land, das er jedoch selber erschliessen musste. Lebhaft ist ihm die Bauzeit seines Hauses vor Augen, wo er von einem Bauunternehmer gratis Aarekies für die Strasse bekam und ihm im Gegenzug die Humusschicht überliess. Damals bestand für Lehrer noch eine Wohnsitzpflicht. Brunner bekam eine Ausnahmegenehmigung aus Solothurn, dass er in Winznau wohnen und in Olten unterrichten konnte.

Mit seinem Freund Edi Fischer kam Brunner 1964 zum ersten Mal ins Staatsarchiv, ein Ort, der von da an sehr wichtig für ihn wurde. Er hatte gelesen, dass die erste urkundliche Erwähnung von Winznau von 1266 datiert und dachte, dass dieses Jubiläum gefeiert werden sollte. Die beiden versuchten, alte Urkunden zu transkribieren. «Da war kaum Platz, es gab nur vier Stühle», erinnert er sich an diesen Besuch. Die 700-Jahr-Feier von Winznau wurde ein riesiges Ereignis. «Sogar die Schweizerische Depeschenagentur gab eine Meldung heraus, dass Winznau ein grosses Fest feiere.» Eine erste historische Abhandlung von ihm erschien im Heft «Volk und Heimat», dessen Redaktor Roth ihm seine zwei Bögen gleich mit der Bemerkung abnahm: «Das ist gutes Material!» Von da an wurde Brunner publizistisch tätig. 1963 heiratete er, vier Töchter kamen zur Welt.

Zeitgleich bahnte sich beim Historischen Museum ein Wechsel an. Die Museumskommission war überaltert, die Mitglieder um die 70 Jahre alt und teilweise noch älter. Eine Leiterstelle wurde ausgeschrieben, aber niemand meldete sich. Kurt Hasler, ein Lehrerkollege, meinte, Hans Brunner wäre der Richtige für diesen Posten. «Ich sagte ihm, dass ich keine entsprechende Vorbildung besässe, nie auf einer Universität gewesen und auch mit dem Lesen der Handschriften nicht vertraut sei.» Stadtammann Derendinger, der über diese Frage eine Vorentscheidung zu treffen hatte, habe dies nicht beeindruckt: «Wir bringen ihn vor die Kommission», lautete sein Verdikt. Hans Brunner wurde gewählt und bekam den Auftrag, das Museum von Grund auf zu erneuern. Fünf Turnstunden wurden ihm für die Stelle als «Konservator» erlassen. Sein Wunsch, einen ganzen Tag freizubekommen, um nicht wie Vorgänger neben dem Unterrichten noch am Samstag und Sonntag im Museum zu sitzen, wurde nicht entsprochen. «Damals glaubte man, eine Klasse brauche immer den gleichen Lehrer», meint Brunner kopfschüttelnd.

Primarlehrer und Museumsleiter im Nebenamt

Der Berg an anstehender Arbeit war immens und Brunner völlig ratlos: «Ich sollte ein Konzept für etwas erstellen, das ich gar nicht kannte.» Zunächst verschaffte er sich eine Übersicht über die bisherige Sammlung und entrümpelte «vergampferte» Kästen im Hübeli-Schulhaus. «Zwischendurch musste ich nach draussen gehen, um frische Luft zu schnappen.» Als Nächstes musste er dafür sorgen, dass die Feuerwehr und die Mütterberatung ihren Platz im Museumsgebäude räumten. «Eine sehr unangenehme Aufgabe», erinnert sich Brunner. Allerhand Spezialisten traten auf den Plan und wollten vor allem ihre Sammlungsgebiete präsentiert sehen. So habe Maria Felchlin (1899– 1987) nur Matzendorfer Teller und Tassen ausstellen wollen, Adolf Merz (1898–1991) empfahl das Sammeln von Fotografien, Waffen- und Uniformenfreunde versuchten, die ganze Ausstellungsfläche mit Säbeln und Soldatenröcken zu belegen. «Es gab viele lustige, komplizierte und unzufriedene Leute», erinnert sich Brunner an die unterschiedlichen Begegnungen. In den Frühlingsferien 1972 erarbeitete er mit Hugo Schneider einen Plan über das weitere Vorgehen. «Wir brauchten 1,5 Millionen für den Umbau. Mehr durfte es nicht kosten, weil es sonst eine Volksabstimmung gebraucht hätte. Wir hatten Angst, dass wir diese verlieren würden.»

Ausstellung zu 100 Jahre Vitznau- Rigi-Bahn als erster Höhepunkt

Das Vorhaben glückte. Im dritten Stock wurde die Ur- und Frühgeschichte eingerichtet, im zweiten Stock die Stadtgeschichte und im ersten Stock die Einzelsammlungen. Dass er, ganz Lehrer, auch einen Klassenraum für Zinngiessen und Feuerschlagen einrichtete, habe zunächst grosse Widerstände ausgelöst, berichtet Brunner. Ein erster Höhepunkt war die grosse Ausstellung zum 100-Jahr-Jubiläum der Vitznau-Rigi-Bahn im Jahr 1971, die im zehnten Stock des Stadthauses gezeigt wurde und schweizweite Beachtung fand. Vom Reprodienst Zumstein wurden Fotos in grossen Rollen geliefert. In Trimbach schnitten Brunner und seine Mitarbeiter diese zu und kleisterten sie auf die Stelltafeln. Da die zwei mal drei Meter grossen Stelltafeln nicht in den Lift passten, konstruierte Hausmeister Edi Klein einen Kran, um die Tafeln entlang der Stadthaus-Fassade hochzuziehen. «Wir mussten immer warten, bis es windstill war, dann zogen wir eine Tafel nach der anderen hoch.» Wohl war ihm bei den schwebenden, schweren Lasten nicht immer: «Ich habe etliche Male wegschauen müssen.» In mühevoller Kleinarbeit hat Brunner Trouvaillen zu Niklaus Riggenbach(1817–1899) zusammengetragen und auch dessen letzte direkte Nachfahrin, die Enkelin Marianne, noch kennen gelernt: «Eine strenge Frau», erinnert er sich.

Ortgeschichte von Winznau auf 387 Seiten

Die Arbeit im Museum füllte Brunners Agenda neben der Schule vollständig aus. Ferien gönnte er sich kaum, auch in den schulfreien Zeiten wirkte er tagein, tagaus in den Räumen an der Konradstrasse. Mit enormer Schaffenskraft realisierte er pro Jahr vier bis fünf Ausstellungen, eine davon gestaltete er selbst. Mit 61 Jahren beendete er den Schuldienst, um die letzten vier Jahre bis zur Pensionierung nur noch für das Museum tätig zu sein. 2001 übergab Brunner die Museumsleitung an Peter Kaiser. Seit Anfang der 1980er-Jahre bekam Brunner zunehmend Aufträge für die Lokalgeschichtsschreibung. Die Musikgesellschaft, die Kirchgemeinde, Viehzuchtgenossenschaften, Vereine und Verbände: Alle wollten ihre Geschichte erforscht sehen. «Das bedeutete, Protokolle in die Hand zu nehmen, die zum Teil so katastrophal geschrieben waren, dass ich sie gar nicht lesen konnte.»

Wie Gerhard Meier hat auch Brunner sein Dorf festgehalten, allerdings nicht in Romanform, sondern als historische Quellenarbeit. Kurt Uehlinger, damaliger Gemeindepräsident, hat ihn 1987 für eine Ortsgeschichte zum Jubiläumsjahr 1991 angefragt. Zwei Feste standen an: 725 Jahre Winznau und 700 Jahre Eidgenossenschaft. Brunner machte sich an die Arbeit. In den Skiferien stand er um fünf Uhr auf und arbeitete bis sieben Uhr. Dann ging er mit der Familie auf die Piste. Abends sass er von sieben bis neun Uhr wieder am Schreibtisch. Etwa eineinhalb Kilogramm wiegt sein Opus Magnum mit dem schlichten Titel «Winznau». Erschienen ist die «Geschichte eines Dorfes», wie der Autor den Band bescheiden nennt, vor 28 Jahren. Um die Ortsgeschichte zwischen zwei Buchdeckel zu bringen, hat er Karteikarten angelegt. Eine Schreibtischschublade ist davon gefüllt. Brunner blättert durch die fein säuberlich angeschriebenen Reiter. «Wenn ich nicht mehr da bin, fliegt das alles in den Kehricht. So arbeitet heute niemand mehr.»

Zum Dank für die grosse Arbeit kam der Gemeinderat auf die Idee, den Fuchsacker-Weg nach ihm zu benennen. «Kommt nicht infrage», war Brunners Antwort. Was für einen Menschen mit grossem Ego wohl das absolute Glücksgefühl bedeuten würde, war für ihn, das Gegenteil eines Narzissten, unangenehm. Als sich das Vorhaben nicht aufhalten liess, hat Brunner darauf bestanden, dass der alte Name daneben bestehen bleibt, auch bei der Postzustellung. Die Anekdote, er habe sich dagegen gewehrt, weil er nicht alle seine Stempel umändern wollte, töne zwar gut, stimme allerdings nicht, meint Brunner lachend. An der Enthüllung der Wegtafel wollte er nicht dabei sein. «Aber es hiess, ich müsse da bleiben.» Drei Wochen später ernannte ihn die Bürgergemeinde Winznau zu ihrem Ehrenbürger. Hans Brunner blickt aus dem Stubenfenster zur Aare hinab ins Niederamt und sinniert. «Hägendorf zum Beispiel ist auch schön mit dem Blick auf Eiger, Mönch und Jungfrau. Aber Heimat ist da, wo man sich daheim fühlt.» Und für Hans Brunner gibt es dafür nur einen Ort: Winznau.

Aktuelle Nachrichten