Neues Buch
Gründer der Schuhfabrik Bally war wichtiger Akteur

Der Historiker Joseph Jung legt einen umfangreichen Geschichtsband über das Werden der modernen Schweiz vor. Darin spielt auch Carl Franz Bally eine Rolle.

Lorenz Degen
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Im neuen Buch von Joseph Jung kommt auch Bally vor.

Im neuen Buch von Joseph Jung kommt auch Bally vor.

zvg

Der Übergang vom 18. ins 19. Jahrhundert war für die Schweiz turbulent. Erst nach der Regeneration ab 1830, die in der Schaffung des Bundesstaates 1848 mündete, wurden Kräfte freigesetzt, die das Land innert weniger Jahrzehnte entscheidend umgestalten sollten. Professor Joseph Jung (65), der sich als Spezialist für Alfred Escher (1819-1882) einen Namen gemacht hat, untersucht in seinem neuen Band die Akteure und Themenfelder, die zur heutigen Schweiz führen.

Seinen Fokus legt der ehemalige Chefhistoriker der Credit Suisse und heutiger Inhaber einer Agentur für Geschichtsforschung nicht auf den Kabinettstisch. Er greift thematisch weit um sich und beschreibt in vier Kapiteln, wie damalige Schweiz von einem rückständigen und armen Land zu einer wirtschaftlichen Weltmacht aufstieg. Entgegen der Theorie des Historikers Eric Hobsbawn (1917-2012) vom «langen 19. Jahrhundert» ist Jung der Meinung, dass dies für die Schweizer Geschichte nicht gelte. Sie zerfalle gewissermassen in eine Zeit vor und nach 1848, die sich grundlegend unterscheiden: «Die Schweiz verlor in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in massgebenden Bereichen den Anschluss an die Entwicklung der modernen Staaten», so sein Fazit.

Historiker Joseph Jung

Historiker Joseph Jung

CH Media

Anschub zur Veränderung kam nebst der «politischen Architektur» durch die Bundesverfassung massgebend von aussen. Angeregt durch die bereits industriell geprägten Engländer wurden, wie es Jung ausdrückt die Berge «entdeckt». Das Bild der Schweiz als Volk der Hirten festigte sich, gleichzeitig sorgen die fremden Gäste für eine Modernisierung.

Ausführlich beschäftigt Jung die Auswanderung, indem er einerseits die unterschiedlichen Phasen und Motive der Schweizer Emigration darlegt und andererseits den weitverästelten Spuren verschiedener Auswanderer nachgeht. Einzelschicksale wie dasjenige des Thurgauers Ulrich Hoepli, der Ehrenbürger von Mailand wurde, oder die Fallstudie zu den Walliser Siedlungen in Argentinien würdigen die «fünfte Schweiz».

Industrie-Pioniere in Olten und Schönenwerd

Ausführlich schildert Jung die Anfänge der spät eingetretenen Eisenbahn-Entwicklung. Durch das Gutachten englischer Ingenieure wurde Olten zum Mittelpunkt der Schienenstränge. Im Tannwald entstand in der Hauptwerkstätte der Schweizerischen Centralbahn unter Niklaus Riggenbach (1817-1899) nicht nur ein Reparatur- und Ausbesserungszentrum, sondern auch eine Lokomotivfabrik. Unter Riggenbachs Leitung entstehen unter anderem die ersten Rigi-Zahnradloks.

Carl Franz Bally (1821-1899) legte 1851 in Schönenwerd den Grundstein für die Schuhproduktion. Bally dient Jung auch als Beispiel, um der der These der protestantischen Ethik von Max Weber entgegenzutreten, wonach der industrielle Pioniergeist von den Reformierten ergriffen worden sei. Nebst zahlreicher Beispiele von Hoteliers aus der Innerschweiz und dem Wallis verweist er auch auf den späteren Christkatholiken Bally als Beweis, dass eine klare Trennung zwischen progressiven und rückständigen Konfessionen nicht aufgehe: «Sie alle widerlegen die These vom durchwegs reformierten Profil der Pioniere.» Vertieft geht Jung auf die Industriealisierung ein, die das «Entwicklungsland» in ein «Laboratorium des Fortschritts» verwandelten.

Als grossem Kenner der Materie ist Jung ein wissenschaftliches Buch geglückt, das gleichzeitig ein breites Publikum anspricht. Wer verstehen möchte, wie, durch wen und warum das «Swiss Miracle» entstand, findet bei ihm ausführliche Antworten. Zweifellos hat Jung mit seinem Werk ein glänzendes Standardwerk über die jüngere Geschichte der Schweiz geschaffen. Eine Fortsetzung für das 20. Jahrhundert wäre gewünscht.

Hinweis
Joseph Jung: Das Laboratorium des Fortschritts. Die Schweiz im 19. Jahrhundert. NZZ Libro.