Challhöchi/Ifenthal
Getarnt und geheim: Stumme Zeugen des Wehrwillens

In der ganzen Schweiz befinden sich tausende von Bunkern aus dem Zweiten Weltkrieg. Die meisten davon sind dem Zerfall preisgegeben. Der Verein Festungswerke Solothurner Jura betreut einige Anlagen und macht sie der Öffentlichkeit zugänglich.

Lorenz Degen
Merken
Drucken
Teilen
Bunker und Festungen im Niederamt
6 Bilder
Der Schiessraum mit Mg 51 und Pak 9cm.
Plaketten über dem Eingang.
Im Hintergrund liegt der Rüblikeller auf der Challhöchi und die Geländesperre, bestehend aus gebrauchten Eisenbahnschienen.
Ein Gang im Felsinnern führt zu den Räumen der Anlage.
Der Eingang zum Bunker «A3563 Trimbach Nord».

Bunker und Festungen im Niederamt

Bruno Kissling

Meinrad Studer und Christoph Rast sind keine Festungswächter, zumindest nicht im herkömmlichen Sinn. Beide haben vor ihrer Pensionierung andere Berufe ausgeübt, heute engagieren sie beim Verein Festungswerke Solothurner Jura (VFSJ) für den Erhalt von Bunkern und Geländesperren aus dem Zweiten Weltkrieg. Angesichts der Bedrohung durch die deutsche Wehrmacht baute die Schweizer Armee eiligst Verteidigungswerke. Geländesperren mit Bunkern, mit Maschinengewehren und Infanteriekanonen ausgerüstet, sollten einen gegnerischen Vorstoss aufhalten oder zumindest verzögern. Auch nachdem General Guisan beim Rütli-Rapport am 25. Juli 1940 die Réduit-Idee bekannt gegeben hatte, wurden die Übergänge im Jura ausgebaut.

Die Challhöchi auf der Kantonsgrenze zwischen Ifenthal und Eptingen wurde zu einer Sperrstelle von nationaler Bedeutung erklärt. Panzerverbände hätten, vom Rhein her kommend, das Diegtertal als Transitachse wählen können, um über das Chall ins schweizerische Mittelland zu gelangen. Um diesen Vorstoss zu unterbrechen, wurden beidseits der Challhöchi Bunker gebaut. Vier Reihen Eisenbahnschienen bilden ein Panzer- und Fahrzeughindernis quer ̈über dem Sattel. Der Chall-Bauer hatte sich bereist gefreut, als das eidgenössische Militärdepartement nach dem Ende des Kalten Krieges die Fläche einebnen wollte. Mühsam ist das Mähen zwischen den eng gesteckten Stahl-Stümpfen. Doch dann wurde die Challhöchi als erhaltenswertes Denkmal eingestuft und die Schienen blieben im Boden. Weiterhin kommt der Handmäher zum Einsatz. Eine «Toblerone»-Mauer, bestehend aus Betonklötzen, die der Form der berühmten Schokolade ähneln, riegelt die Engstelle der Strasse gegen Ifenthal ab.

An diesem heiteren Herbstnachmittag sind nur ein paar Spaziergänger und Wanderer unterwegs. Sie ahnen nicht, dass das Holzhäuschen oben am Waldrand ein Betonbunker ist und sie sich im ehemaligen Schussfeld von zwei Maschinengewehren befinden. Meinrad Studer geht voraus , schräg über das abgemähte Feld den steilen Hang hinauf. Einen Weg gibt es nicht. Erst wenige Schritte vor dem Waldrand wird deutlich, dass die braune Fassade mit den grünen Fensterläden nur aufgemalt ist.

Challhöhe West und Ost erhielten Übernamen von der Truppe

«Das ist der Rüblikeller»,erklärt der 68-jährige Hauensteiner und zeigt auf die drei Betonplaketten über dem Eingang. Ein Baslerstab in der Mitte, links davon steht «Rüeblikeller» mit der Jahreszahl 1943, rechts in Abkürzungen «Hilfsdienst-Bau-Detachement 2 Basel, 4. Zug». In den Akten heisst der Bau trocken «A3574 Challhöhe Ost». Im Hang auf der anderen Talseite liegt das sogenannte Gegenwerk, der zweite Bunker der Sperrstelle, «A3575 Challhöhe West», oder gemäss Plakette «Villa Corconsola». Diese imitiert nicht ein Haus, sondern einen Felsblock. «Die Namen kamen wahrscheinlich von der Truppe», vermutet Christoph Rast, der selber einst beim Hilfsdienst eingeteilt war. Der ehemalige Stadtbibliothekar von Olten kennt sich im Gelände bestens aus. Seit Jahren forscht der 69-Jährige Oltner zur Fortifikation Hauenstein. Das Festungswerk aus dem Ersten Weltkrieg ist der Natur und Witterung schutzlos ausgeliefert.

 Christoph Rast (links) und Meinrad Studer (rechts) bemühen sich als Mitglieder des Vereins Festungswerke Solothurner Jura um den Erhalt der Festungsbauwerke aus dem Zweiten Weltkrieg.

Christoph Rast (links) und Meinrad Studer (rechts) bemühen sich als Mitglieder des Vereins Festungswerke Solothurner Jura um den Erhalt der Festungsbauwerke aus dem Zweiten Weltkrieg.

Bruno Kissling

Dass sich Bunker nicht als solch zu erkennen geben, ist nicht ungewöhnlich. Der Fotograf Christian Schwager hat in seinem 2012 erschienen Buch «Falsche Chalets» solche getarnten Attrappen gesamtschweizerisch dokumentiert. «Spezielle Kulissenmaler wurden engagiert, um diese Täuschung zu erreichen», erklärt Studer, der seinen Militärdienst als Feldwebel bei den Panzertruppen absolvierte. Im Fall des Rüblikeller stand dort zunächst nur ein betonierter Schild für die Infanteriekanone, erst im Laufe des Krieges wurde ein Bunker daraus.

Studer ist sich bewusst, dass dieser Schutz nicht genügt hätte, um die Wehrmacht aufzuhalten. Er weist auf Karte der Panzergruppe von General Guderian an der Wand. Mitte Juni 1940 stand diese bei Pontarlier an der Schweizer Grenze. «Einem deutschen Angriff hätten die Anlagen auf dem Chall wohl nicht lange standgehalten», ist Studer überzeugt. Zu gross wären die gegnerischen Kräfte gewesen, als dass sich deren Wucht hätte brechen lassen. Eine Verzögerung des Einmarsches wäre allenfalls möglich gewesen, um anderen Truppen Zeit zu verschaffen, sich ins Réduit zurückzuziehen.

Waffen sind nicht mehr einsatzfähig

Heute haben diese Anlagen ausgedient. Die Armee bewegt sich im Raum und ist nicht mehr auf ortsfeste Bunker angewiesen, die mittels Raketen innert Kürze zerstört werden können. Die einstige Geheimhaltung ist aufgehoben, die Waffen sind Dekoration. Im spartanisch eingerichteten Schiessraum steht links ein Maschinengewehr, daneben eine Panzerabwehrkanone vom Kaliber 9 Zentimeter, die in den 1960er-Jahren die ursprüngliche Infanteriekanone ersetzte. Studer öffnet den Geschütz-Verschluss und sagt nur ein Wort: «Unbrauchbar.» Blickt man durch den Lauf, sieht man in der Mitte einen senkrecht eingelassenen Bolzen. Auch das Maschinengewehr ist bloss noch Ausstellungsobjekt. «Der Lauf wurde verschweisst. Lange mag man sich bei der Raumtemperatur von 12 Grad Celsius nicht aufhalten. «Man könnte hier drin höchstens Fondue zubereiten», scherzt Studer, der als Starkstrom-Elektriker arbeitete. Aber die Bunker sollen keine Partyräume werden, sondern ein wichtiges Kapitel Schweizergeschichte vermitteln. 140 Mitglieder zählt der Verein, etwa zehn Prozent davon sind Aktive. In unregelmässigen Abständen findet ein «Bunker-Tag» statt, an dem eine Besichtigung möglich ist. Voraussetzung ist Geländegängigkeit, da die Zugänge zu den Anlagen nicht über befestigte Wege verlaufen.

Auch Wehrbauten sind Denkmäler

15 ehemalige Militäranlagen wurden 2004 vom Kanton Solothurn aus Bundesbesitz erworben und unter kantonalen Denkmalschutz gestellt. Der VFSJ ist mit der Erhaltung beauftragt. Die Werke in Hauenstein-Ifenthal und Trimbach gehören zum Sektor Ost, der das Gebiet um Olten umfasst. Die Sektoren West und Mitte betreuen die Bauten im Bezirk Thal.Eine besondere Anlage ist dort der Bunker über dem Weissensteintunnel. In Kleinlützel besteht ein eigener Bunkerverein. Vier Kriterien waren ausschlaggebend, um von den hunderten von Anlagen eine Auswahl zu treffen. Die Objekte mussten einen «Eigenwert» besitzen, aufgrund ihres Standortes historisch bedeutsam sein, über einen hohen Situationswert als Denkmal verfügen oder eine Naturschutz-Aufgabe erfüllen. Die stummen Zeugen des Wehrwillens trotzen der Zeit.

Durchstoss nach Olten verhindern, Bahn und Strasse zerstören

Trimbach Motorräder legen sich in die Kurve, Autos rauschen vorbei. Oberhalb der Hauensteinstrasse, gegenüber des Restaurants Isebähnli, befindet sich ein Bunker. Die Strassenseite ist als Fels getarnt. Neben dem Steinbruch führt eine bemooste Treppe zu einer Metalltüre. Meinrad Studer ärgert sich über den Abfall, der auf dem Vorplatz liegt. «Aus unerfindlichen Gründen werden hier immer wieder Essensreste und Verpackungsmaterial deponiert.» Studer sammelt den Kehricht ein und schliesst auf.

Das Objekt «A3563 Trimbach Nord», wie der Bunker offiziell heisst, ist in den Felsen gebaut worden. Ein betonierter Gang führt unterirdisch zu einer Art Mannschaftsraum. Das Bettgestell für sechs Mann nimmt den grössten Teil des ohnehin engen Zimmers in Anspruch, an der Wand gegenüber hängt ein Telefonapparat mit Kurbel, daneben befindet sich ein Waschbecken. Und es brennt Licht. «Strom und fliessend Wasser waren überhaupt nicht selbstverständlich», erklärt Studer. In den meisten Anlagen gab es nur Petrollampen. Ein Kübel mit Torf war als WC vorgesehen.

Hinter einer Türe liegt der zweigeschossige Schiessraum. Zwei Maschinengewehre vom Typ 51 sind gegen die Strasse und die Läufelfingerli-Strecke gerichtet. 13 Mann Besatzung wären im Ernstfall diesem Bunker zugeteilt gewesen: Ein Kommandant befehligte eine Werkgruppe von vier Soldaten für Ventilation, Telefon und Bewachung sowie zwei Maschinengewehr-Gruppen mit Beobachtern, Schützen, Hilfsschützen und Munitionssoldaten. Sie hätten zusammen mit der Anlage gegenüber, «A3562 Trimbach Süd», den Durchstoss nach Olten verhindern sollen. Bahn und Strasse wären durch Sprengkammern unbrauchbar gemacht worden. Im Gang hängen Fotos, wie die Bahnsperre im Juni 2006 unter den Schienen herausgebrochen wird. Die Läufe der Maschinengewehre sind zugeschweisst. Beide Bunker wurden mit der Armee 95 nicht mehr benötigt. Die letzten Unterhaltsarbeiten wurden gemäss Kontrollklebern an der Türe im Jahre 1993 ausgeführt. Trimbach Süd kann heute nicht mehr betreten werden. «Wir nennen den Bunker nur die Tropfsteinhöhle», sagt Studer. Ständiger Wassereinbruch hat die Anlage unbrauchbar gemacht. Trimbach Nord ist dagegen in sehr gutem Zustand. Gebaut wurde die Anlage im März 1943 durch eine Sappeur-Rekrutenschule. Bereits im Mai war der Rohbau fertig, die Arbeitskompanie 210 führte dann die Arbeit bis Juni 1943 zu Ende. Eine Panzer-Befestigungskanone und ein Maschinengewehr vom Typ 11 wurden installiert, später kam statt der Kanone ein zweites Maschinengewehr hinzu. Im November 1944 folgte eine Felsimitation an der Aussenseite als Tarnung. Um 1965 wurden die beiden Maschinengewehre 11 auf den Typ 51 umgebaut.

Besonders an den beiden Anlagen ist ihre Ausrichtung. Sie konnten auch gegen Süden eingesetzt werden. Ein aus Olten anrückender Gegner hätte so bekämpft werden können. «Der Feind kommt heute aber unbewaffnet», meint Meinrad Studer und zeigt auf eine Öffnung beim Beobachtungsposten im Obergeschoss. «Da sind Siebenschläfer eingedrungen.» Die Nagetiere hatten es auf eine leere Holzkiste mit dem orangen Etikett «Kriegs-Reserve / Darf nur im Kriegs-Falle aufgebrochen werden» abgesehen. Studer wird die Kiste nächstens wieder instand stellen.