Bezirk Gösgen
Geplanter Atomausstieg macht das Niederamt für Spekulanten interessant

Die Wohnungspreise im Bezirk Gösgen sind innert Jahresfrist deutlich gestiegen — der Grund dafür ist nicht eindeutig.

Christoph Zehnder
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Bruno Kissling

Der Bezirk Gösgen liegt weder an einem See, noch ist es eine Steueroase. Und dennoch sind die Wohnungspreise innerhalb eines Jahres stärker gestiegen als an der Zürcher Goldküste.

Das zeigt ein Immobilienreport des Vergleichsdienstes Comparis und der ETH Zürich. Demnach kletterte der durchschnittliche Wohnungspreis pro Quadratmeter (Medianpreis) im Bezirk Gösgen um 21 Prozent. In Franken ausgedrückt: Kostete der Quadratmeter vor einem Jahr noch 4000 Franken, sind es jetzt durchschnittlich 4750 Franken. Schweizweit verzeichnet nur Schaffhausen mit 25 Prozent einen noch höheren Anstieg.

Zugegeben, das Niederamt bietet eine hohe Lebensqualität. Verkehrstechnisch ist die Region gut erschlossen, der Weg nach Aarau oder Olten ist kurz und auch die grossen Zentren sind erreichbar. Eingebettet zwischen Jurahöhen und Aareraum erweist sich die Gegend auch als vielseitiges Naherholungsgebiet. Alles in allem ein attraktiver Wohnraum, selbst wenn die «Weltwoche» kürzlich ihren Lesern in ihrem Gemeinderanking etwas anderes weismachen wollte.

In Olten sinken die Preise

Für die überproportionale Preiserhöhung für Wohnraum gibt es dennoch keinen ersichtlichen Grund. Erst recht stutzig macht ein Blick auf die Nachbarschaft: Um Aarau blieben die Preise stabil. Im Bezirk Olten sind die Preise im Vergleich zum Vorjahr sogar um 9 Prozent gesunken.

Damit befindet er sich landesweit in den Top Ten der Bezirke mit der deutlichsten Preisabnahme — und entwickelt sich so ziemlich in die entgegengesetzte Richtung von Gösgen.

Angesprochen auf den Anstieg im Raum Gösgen reagieren lokale Immobilienfirmen mit Schulterzucken. Eine aussergewöhnliche Entwicklung wurde nicht festgestellt. Die Verfasser des Reports sind mit den hiesigen Gegebenheiten zu wenig vertraut, als dass man die Preisinflation exakt begründen könnte.

«Die Entwicklung in Gösgen ist effektiv erstaunlich und nicht intuitiv nachvollziehbar», sagt Michael Kohlas, Immobilienexperte bei Comparis. «Mit Blick auf die Entwicklung der umliegenden Bezirke sieht es jedoch danach aus, als hätten die unmittelbar angrenzenden städtischen Bezirke Olten und Aarau etwas an Anziehungskraft verloren, während die ländlichen Gebiete generell etwas zulegen konnten.»

Ziel von Spekulanten?

Nun ist das Niederamt nicht irgendeine Region in der Schweiz, sondern Standort eines Kernkraftwerks. Wie wirkt sich das auf die lokalen Immobilienpreise aus? «Die unmittelbare Nähe zum Atomkraftwerk würde eigentlich den Schluss nahelegen, dass die Medianpreise stabil bleiben oder tendenziell gar eher sinken», sagt Michael Kohlas

Es sei nicht auszuschliessen, dass der beschlossene Atomausstieg im Rahmen der Energiestrategie 2050 eine gewisse Signalwirkung habe. Auf lange Sicht könne der Bezirk Gösgen so durchaus an Attraktivität gewinnen. Bis dahin dürften aber noch etliche Jahre verstreichen.

Dennoch lohnt es sich, bereits jetzt darüber nachzudenken. «Es ist durchaus möglich, dass Gösgen mit dem Atomausstieg insbesondere für Investoren und Spekulanten interessant wird», sagt Kohlas. Die Attraktivität sei aber auch von der Stadtentwicklung in Aarau und Olten abhängig, so der Experte.

Das Angebot an Arbeitsplätzen und die Steuerlast wirke sich auf das Umland aus. «Sollten diese Bezirke langfristig mit grossen Preisanstiegen konfrontiert sein, dürfte auch die peripheren Wohnlagen wie Gösgen stärker nachgefragt werden.»

Viele Leerwohnungen

Die steigenden Preise für Gösger Wohnungen widersprechen auch in anderer Hinsicht dem Trend: In der Schweiz stehen mehr Wohnungen leer als je zuvor, wie Erhebung kürzlich zeigte. Angeführt wird die Leerwohnungs-Hitparade übrigens vom Kanton Solothurn mit 2,89 Prozent.

Im Bezirk Gösgen sind es noch etwas mehr, im Bezirk Olten mit 4,45 Prozent sogar deutlich mehr. Dass Mieten und Preise dennoch nicht sinken, liege daran, dass diese der Leerwohnungsziffer immer hinterherhinken würden, erklärt Immobilienexperte Kohlas: «Der Markt benötigt eine gewisse Zeit, um sich an die neuen Gegebenheiten anzupassen.»

Anpassung wäre denn auch der plausibelste Grund, weshalb in der Region die Wohnungen trotz wachsendem Angebot teurer werden. Ein Blick auf den selben Report vom Vorjahr zeigt nämlich: 2016 gehörte Gösgen zu den zehn Bezirken in der Schweiz mit dem tiefsten Medienpreis pro Quadratmeter — notabene als einziger Bezirk im dicht besiedelten Mittelland. Dann wäre der Preisanstieg nichts anderes als eine schlichte Marktkorrektur.