Für einmal Gemeindegestalter statt Gemeindeverwalter

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Würde oder Bürde? Der Gemeinde Kienberg gehört ein altes Bauernhaus mitten im Dorf. Zwischenzeitlich bewohnten bis zu neun Asylbewerber die Liegenschaft. Das bescherte der Gemeinde willkommene Mieteinnahmen. Seit März 2017 steht das Haus jedoch leer. Es verkümmert zusehends, an eine Vermietung ist nicht mehr zu denken.

Das Bauernhaus mitsamt früherem Ökonomieteil verfügt über ein grosszügiges Volumen und über reichlich Grünfläche. Was man daraus nicht alles machen könnte. Die kühnsten Vorstellungen zerplatzen aber mit Blick auf unsere klammen Gemeinde­finanzen wie eine Seifenblase. Wir müssen froh sein, wenn wir all unsere dringend notwendigen Infrastrukturprojekte stemmen können. Bürde!

So schnell geben wir uns aber nicht geschlagen. Wenn sich die Gemeinde die Weiterentwicklung dieser Liegenschaft nicht leisten kann, müssen wir halt Geldgeber suchen – gemäss diesem Motto strebt der Gemeinderat nun einen genossenschaftlichen Wohnungsbau an. Dafür hat er eigens eine Arbeitsgruppe eingesetzt. Den genossenschaftlichen Wohnungsbau kennt man vor allem aus den Städten. Erfolgsbeispiele gibt es aber auch auf dem Land, so etwa «Wohnen am Dorfbrunnen» in Lüsslingen-Nennigkofen.

Um keine falschen Hoffnungen zu wecken: Wir stehen noch ganz am Anfang dieses ambitionierten Projekts. Wir haben zwar noch keine Trägerschaft, aber dafür schon sehr klare Vorstellungen: Wir möchten einerseits Wohnraum schaffen für junge Kienbergerinnen und Kienberger, um sie im Dorf halten zu können. Sie beziehen ihre erste eigene Wohnung fast ausnahmslos ausserhalb unseres Dorfes, weil bei uns kaum entsprechende Wohnangebote zur Verfügung stehen. Und anderseits möchten wir Seniorinnen und Senioren eine Wohnmöglichkeit bieten, wenn es ihnen mit eigenem Haus und Garten zu viel wird. Unsere Idee: Die Senioren können in eine kleinere Wohnung in unserer Liegenschaft und junge Familien in deren Häuser einziehen. So funktioniert «verdichtetes Bauen» im Bauerndorf.

Mittlerweile haben sich drei Architekturbüros mit der Weiterentwicklung des Bauernhauses an der Hübelistrasse 26 auseinandergesetzt. Ein Siegerprojekt liegt vor – unser Vorhaben wird langsam greifbar. Im Kopf entstehen erste Bilder, wie der zentrale Flecken in unserem Dorf wiederbelebt wird. Als Nächstes müssen wir den Enthusiasmus der Arbeitsgruppe in die Dorfbevölkerung übertragen. Ein genossenschaftliches Projekt kann nur funktionieren, wenn es von den Einwohnerinnen und Einwohnern sowie weiteren Visionären mitgetragen wird.

Wir haben uns mit diesem Projekt Grosses vorgenommen. Der Ausgang ist ungewiss. Aber eines ist sicher: Das Projekt schafft Raum für mutige Ideen. Eine wohltuende Abwechslung. Denn in unserem Alltag in der Kommunalpolitik sind wir fast ausschliesslich mit Verwalten beschäftigt. Verwalten und Gestalten stehen in einem krassen Missverhältnis. Der Begriff «Gemeindeverwaltung» hat für mich seit meinem Amtsantritt eine ganz neue Bedeutung gewonnen. Dank dem alten Bauernhaus werden wir nun aber zu Gestaltern. Würde!