Trimbach/Olten
Fundort von europäischer Bedeutung: Warum das Gebiet Dickenbännli ein spannendes Forschungsfeld ist

Im Gebiet Dickenbännli zwischen Olten und Trimbach wurden in der Jungsteinzeit massenhaft Bohrer- und Pfeilspitzen hergestellt.

Lorenz Degen
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Dickenbännli

Dickenbännli

Bruno Kissling

«Das Dickenbännli ist mystisch», meint Christoph Lötscher. Für den 54-jährigen Archäologen vom Fachbereich Ur- und Frühgeschichte der Kantonsarchäologie Solothurn ist das Grenzgebiet entlang dem Höhenzug zwischen Trimbach und Olten ein spannendes Forschungsfeld: «Man sieht hier viel auf kleinem Platz.» Er nimmt eine Plastiktüte aus der Tasche und schüttet kleine Steinstücke auf seine Handfläche. «Das sind die berühmten Dickenbännli-Spitzen.»

Die «Dickenbännli-Spitzen» sind etwa so gross wie ein Daumennagel und bestehen aus Feuerstein (Silex).

Die «Dickenbännli-Spitzen» sind etwa so gross wie ein Daumennagel und bestehen aus Feuerstein (Silex).

Bruno Kissling

Die dreieckigen, aus Feuerstein (Silex) gefertigten Werkzeuge sind etwa so gross wie ein Daumennagel und stammen aus der Jungsteinzeit. Ans Tageslicht kamen sie im 19. Jahrhundert massenhaft: «Wahrscheinlich sorgte die Erosion dafür, dass die Fundstücke zu Tausenden an die Oberfläche gelangten», vermutet Lötscher. Nicht alle landeten danach in einer staatlichen Sammlung: «Solche Stücke wurden auch gerne behalten oder verschenkt.»

Ein Teil der Dickenbännlispitzen muss daher als verschollen gelten. Im Depot der Kantonsarchäologie lagern einige tausend Stücke, die zum Teil auch aus der aufgelösten Sammlung von Eduard Bally-Prior aus Schönenwerd stammen.

Wo sich heute ein Buchenwald befindet, deutet nur noch wenig auf die einstigen Bewohner des «keltischen Refugiums», wie der Forscher Theodor Schweizer (1893-1956) den Zweck der Siedlung auf dem Dickenbännli interpretierte. Etwa 4200 vor Christus lebten hier Menschen. «Wie viele es waren, wissen wir nicht. Vielleicht etwa 100 bis 200 Personen», meint Lötscher, der an der Universität Bern Ur- und Frühgeschichte studierte und seit 13 Jahren bei der Kantonsarchäologie Solothurn tätig ist.

Schriftliche Quellen fehlen aus dieser Zeit völlig, weshalb nur die Spuren im Boden Rückschlüsse auf das damalige Leben erlauben. 1912, 1914 und 1917 fanden kleinere Grabungen statt, an derjenigen von 1914 war Theodor Schweizer als Angestellter beteiligt. In der Folge entdeckte er zahlreiche archäologische Fundstellen in der Region Olten. Ohne seinen auch vom heutigen Kantonsarchäologen Pierre Harb geschätzten Spürsinn wären viele Funde wohl niemals gemacht worden.

Schweizer fasste seine Erkenntnisse unter anderem im Aufsatz «Die Wehranlagen aus der Steinzeit von Olten und Umgebung» zusammen, der 1946 erschien. Das Dickenbännli umschreibt er darin so: «Auf zwei Seiten, im Norden und Osten, ist es durch Felsen und Steilhänge, die sich 40 bis 50 Meter tief hinunter ziehen, nur schwer zugänglich. Im Westen durch einen tiefen Graben, teilweise in den Felsen eingehauen und mit einem davorliegenden künstlichen Wall geschützt, wird der Platz an seiner Südfront durch einen natürlichen Steilhang abgeschlossen.»

Schweizer, der strategisch dachte, stellt dem Platz ein gutes Zeugnis aus: «Auch dieses Refugium konnte wirksam verteidigt werden und sicherte von Norden her den Eintritt unmittelbar in das Zentrum des Oltner Siedlungsgebietes.»

Der spätere Kantonsarchäologe von Basel-Stadt, Rolf d’Aujourd’hui, befasste sich näher mit den «Bohrern vom Typus Dickenbännlispitzen», die er in einem 1981 erschienenen Artikel in der Zeitschrift «Archäologie der Schweiz» präsentierte. Mit den Bohrern wurde Holz, Knochen, Schnecken- und Muschelschalen oder auch weicher Kalkstein bearbeitet.

D’Aujourd’hui hält es für möglich, dass auch Perlen durchbohrt wurden. Der Begriff Dickenbännlispitzen ist inzwischen in der Archäologie europaweit verankert, der Fundort gilt aufgrund der Menge an Material aus herausragend.

Trockenheit und Hitze bringen Buchenwald zum Verschwinden

Revierförster Georges Nussbaumer (56), der sich auch zur Begehung eingefunden hatte, sieht den Bewuchs auf dem Dickenbännli vor einer grossen Veränderung:

Die Buchen mögen die hohen Temperaturen nicht leiden.

Für den Fachmann ist klar, dass diese Art von Baumbestand keine Zukunft haben wird. «Der feuchte Herbst war gut, aber der hohe Stress bleibt.» Lärchen oder Eichen können sich besser im wärmeren Klima zurechtfinden und werden die bisherigen Buchen verdrängen, die sich in höhere Lagen zurückziehen.

Martin Bühler (52) schätzt das Dickenbännli: «Viele Trimbacherinnen und Trimbacher kommen gerne hierher, es ist ein beliebtes Naherholungsgebiet.» Der Gemeindepräsident von Trimbach würde sich freuen, wenn die Archäologie auf dem Dickenbännli ihre Zelte aufschlagen würde:

Eine Grabung fände ich interessant.

Die Gemeinde könnte dies jedoch nicht finanzieren. «Das Geld müsste beispielsweise über eine Stiftung besorgt werden.» In der heutigen Archäologie sind aber Forschungsgrabungen sehr selten geworden, weil dabei auch ein Fundplatz teilweise zerstört wird. Eine Oberflächen-Untersuchung mit einem Lidar-Scanner ist da viel schonender. Christoph Lötscher gibt sich aber keinen Illusionen hin, was die bestehenden Wissenslücken betrifft: «Vieles bleibt im Dunkeln.»

Hinweis

Das Dickenbännli erreicht man von Olten aus in einer guten Viertelstunde über die Wanderwege vom Grund oder dem Fluhweg aus, sowie von Trimbach über den steilen Aufstieg von der Bannstrasse aus.