Gretzenbach

Freiheit für das «Gemeindemätteli»

Blick von oben auf die dreieckige, freigehaltene Parzelle inmitten von Wohnhäusern an der Hegackerstrasse in Gretzenbach (Drohnenaufnahme).

Blick von oben auf die dreieckige, freigehaltene Parzelle inmitten von Wohnhäusern an der Hegackerstrasse in Gretzenbach (Drohnenaufnahme).

Der Souverän schiebt der Überbauung einer freien Parzelle auf dem Dössihubel den Riegel.

«Nein!», sagte die klare Mehrheit zum Verkauf einer Landparzelle an der Hegackerstrasse. Und meinte damit vor allem Nein zu einer Überbauung dieser grünen Oase mit Linde, Ruhebank und Wiese inmitten des Einfamilienhausquartiers auf dem Dössihubel.

Für den Gretzenbacher Gemeinderat war es kaum das wichtigste unter den 14 Traktanden dieser reich befrachteten Gemeindeversammlung – für einen grossen Teil der 60 anwesenden Stimmberechtigten aber schon. Hier waren die Wortmeldungen von Emotionen getragen, hier wurde für Herzensanliegen gekämpft.

Doch der Reihe nach. Das dreieckige Grundstück, auf allen Seiten eingerahmt von begehbaren Wegen, war offenbar einem jungen bauwilligen Gretzenbacher ins Auge gestochen. Er klopfte bei der Gemeinde an, um welchen Preis die 544 m2 grosse Parzelle zu haben sei.

Dort wusste man zunächst gar nicht mehr, dass die Gemeinde das Dreieck überhaupt besass. Nach Rücksprache mit der Baukommission befand der Gemeinderat jedoch, dass nichts gegen einen Verkauf spreche, da sich das Land in der Bauzone befinde. Er einigte sich auf einen Verhandlungspreis von mindestens 350 Franken pro Quadratmeter und wollte sich von der Gemeindeversammlung ermächtigen lassen, das Grundstück zu verkaufen.

Die Anwohner waren schockiert. Seit Jahrzehnten ist ihnen das idyllische grüne Plätzchen mit Aussicht in den Jura vertraut. Im Quartier ging die Sage, bei der Erschliessung des Dössihubels sei für dieses Dreieck ein mündliches Bauverbot versprochen worden.

Der Gemeinderat sah sich zu historischen Recherchen veranlasst. Sie ergaben: Tatsächlich wurde die Parzelle bei der Schliessung des Dössihubels Mitte der 1970er Jahren als Freihaltezone definiert. Bei der Ortsplanungsrevision 2003 rutschte sie – ob mit Absicht oder unbemerkt – jedoch in die Bauzone. Und das ist der heute geltende Rechtszustand.

«Nicht Bauland horten»

An der Gemeindeversammlung wogten die Argumente hin und her. «Das Grundstück wird seit 40 Jahren vom Werkhof gehegt und gepflegt», sagte Otto Hermann. Es sei ein Aussichtspunkt mit Bank für die Bevölkerung und ein Spielplatz für die Kinder. «Gemäss den Anwohnern des Quartiers soll es eine grüne Oase bleiben!» Dafür gabs Applaus.

«Das war eine gute Idee, und es sieht gut aus», gab Gemeindepräsident Daniel Cartier zu. «Aber das widerspricht dem Konzept der heutigen Planung, die Bauzonen zu nutzen.» Solche grünen Inseln würden allenfalls in Quartieren mit fünfstöckigen Wohnblöcken geplant. Im Dössihubel aber brauche es das nicht.

Baupräsident Hansjörg Merz wurde noch deutlicher. «So ein weisser Fleck macht keinen Sinn», erläuterte er. Die Raumplanung verlange, die Bauzone gut zu nutzen, nach innen zu verdichten. Die Gemeinde könne kein Land ausserhalb der Bauzone mehr einzonen, darum müsse das vorhandene Bauland überbaut und nicht gehortet werden. «Die Gemeinde soll nicht mit schlechten Beispiel vorangehen», mahnte Merz die Versammlung.

«Diese 544 m2 lösen die Baulandknappheit in Gretzenbach sicher nicht!», entgegnete Peter Zumstein. Die ursprüngliche Planungsidee von Grünland, Ruhebank und Spielplatz sei vollständig umgesetzt worden. Alte Versprechen müssten eingehalten werden, sonst schwinde das Vertrauen. «Der Friede im Dorf war Otto Schenker sehr wichtig!»

Damit war das Zauberwort gefallen: Otto Schenker, Gemeindeammann von 1972 bis 1997, damals treibende Kraft der Entwicklung Gretzenbachs zur Wohngemeinde. «Schenkerotti», wie er allgemein genannt wird, heute 85-jährig und selber unweit des Corpus delicti am Dössihubel wohnhaft, wurde von beiden Seiten als Kronzeuge angerufen. Otto Schenker habe wohl an eine Art «Gemeindemätteli» gedacht.

Auf schleierhafte Art sei der «Käsbitzen» dann 2003 aus der Freihaltezone verschwunden, meinte Erich Ramel und sprach sich gegen eine Überbauung aus: «Ich würde es schade finden. Ich bin stolz auf Gretzenbach und Otto Schenker.»

Das war auch die Meinung der Mehrheit: Mit 38 Nein gegen 14 Ja wurde der Gemeinderatsantrag für den Verkauf abgeschmettert. Gemeindepräsident Cartier sicherte zu, dass der Gemeinderat dies als Grundsatzentscheid betrachte und das Grundstück die nächsten zehn Jahre sicher nicht verkaufen werde. «Bravo, das wird den Vater freuen!», rief Ottos Sohn Markus Schenker begeistert in den Saal.

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