Auf Spurensuche
«Fortifikation Hauenstein entsprach nicht der Vorstellung von General Wille – Bauen war ihm ein Gräuel»

Brigadier a.D. Daniel Lätsch und Militärhistoriker Rudolf Jaun begaben sich auf Spurensuche entlang der Fortifikation Hauenstein.

Lorenz Degen
Merken
Drucken
Teilen
Fortifikation Hauenstein
4 Bilder
Ein zerfallenes Schweizerkreuz an einem Fries
Der 1. Zug der Sappeur-Kompanie II/6 hat sich verewigt.
Dieses Wappen lässt die Pontoniere mit Ruder und Stachel noch schwach erkennen.

Fortifikation Hauenstein

Lorenz Degen

Daniel Lätsch, 63, schreitet dem Wisenberg entgegen. Ein breiter Weg führt zum bekannten Aussichtsturm, von wo aus man an diesem spätsommerlichen Septembertag sicher eine herrliche Rundsicht geniessen könnte. Aber dafür interessiert sich der Brigadier ausser Dienst heute nicht. Stattdessen führt er die kleine Gruppe von Geschichtsinteressierten direkt ins Unterholz. Vor einer Vertiefung des Waldbodens bleibt er stehen. «Wir stehen hier an einem ehemaligen Schützengraben der Fortifikation Hauenstein.» Ein paar Schritte weiter kommt ein betonierter Unterstand zum Vorschein, etwas versetzt davon eine mit Wellblech ausgekleidete Kaverne. «Das Wellblech ist auch nach über hundert Jahren noch komplett rostfrei», stellt der ehemalige Kommandant der Generalstabsschule fest.

Vor der Leistung der damaligen Truppen zieht er den Hut: «Der Bau der Fortifikation Hauenstein war eine gewaltige Arbeit.» Bis 1918 leisteten 100 Bataillone auf den Jurahöhen Dienst. «Praktisch die ganze Armee war einmal während einer gewissen Zeit hier», so Lätsch. Der Dienst konnte lange dauern, sieben bis neun Monate am Stück. Für viele Soldaten bedeutete der Erste Weltkrieg existenzielle Not. «Es gab noch keine Erwerbsersatz-Ordnung, und der Sold reichte höchstens für ein Bier und Zigaretten.»

In Handarbeit ausgehoben

Dass die Fortifikation Hauenstein überhaupt realisiert wurde, habe nicht der Vorstellung von General Wille entsprochen: «Wille war für den mobilen Kampf im Gelände. Bauen war ihm ein Gräuel. Wer gräbt, verliert die Disziplin und die Ausbildung, war seine Devise», sagt Lätsch. Dennoch wurden bis 1918 über 40 Kilometer Gräben, notabene in Handarbeit, ausgehoben. Hat die Fortifikation Hauenstein militärisch etwas gebracht? «Man muss es mit den Augen von damals sehen», gibt der promovierte Historiker zu bedenken. Bei einem solchen Bauwerk gehe es auch um Abschreckung eines Gegners, um die Dissuasion. «Das Verhältnis von Aufwand und Nutzen ist nicht so schlecht.»

Gegen einen Feind musste sich die Fortifikation Hauenstein, die den Eisenbahnknotenpunkt Olten vor einem französischen oder deutschen Durchmarsch schützen sollte, nicht bewähren. Und doch wird sie ständig von einem Gegner attackiert: der Natur. Das Wurzelwerk von Bäumen bringt die Mauern in den Gräben zum Bersten, diese füllen sich bis zur Unkenntlichkeit mit Laub, Erdreich und Ästen auf. Auch die steinernen Erinnerungstafeln platzen ab. Lätsch sieht dies mit Bedauern, hält aber auch fest: «Man kann nicht alles erhalten. Ich wäre dafür, dass man einige Stellen exemplarisch in Stand setzt und auch beschriftet. Es ist unsere Geschichte.»