Adventsserie
Flucht aus dem grauen Alltag in die Oase von Gretzenbach

Der farbenfrohe buddhistische Tempel in Gretzenbach zieht Besucher aus ganz Europa an.

Tijana Nikolic
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Der buddhistische Tempel in Gretzenbach
10 Bilder
Aussenansicht der Tempelanlage
Die Tempelanlage von aussen
Die Tempelanlage von aussen
Der Haupttempel
Der Haupttempel
Postkarten mit dem Sujet des Buddhistischen Tempels Gretzenbach und mit dem Portrait der thailändischen Königin
Gläubige bei einer Audienz beim Mönch im Gebetsraum
Mönch Phrakru Kittidhammawitet bei der Segnung eines neuen Autos einer Besucherin aus Zürich
Das Erinnerungsfoto nach der Fahrzeugsegnung

Der buddhistische Tempel in Gretzenbach

Bruno Kissling

Fast schon wie eine wunderschöne, farbenprächtige Blume mitten auf einer Entsorgungsdeponie steht der buddhistische Tempel, Wat Srinagarindravararam, mitten im grauen, tristen Industriegebiet Gretzenbachs. Die hohen, weissen Mauern drum herum wirken etwas abschottend. Der Eingang ist in Thailändisch und Englisch beschriftet. Umso mehr überrascht es, dass sich beim Läuten am Eingang durch die Gegensprechanlage eine Stimme mit österreichischem Akzent meldet und hereinbittet, da das Tor gar nicht verschlossen sei.

Beliebter Gast bei thailändischen Einweihungspartys

Beim Betreten des über 7000 Quadratmeter grossen Geländes fällt einem unweigerlich die Kinnlade herunter und die Augen können sich gar nicht sattsehen. Jedes Gebäude ist prunkvoll, einmal quer durch die ganze Farbpalette durch, verziert. Inmitten dieses Szenarios befindet sich ein handelsübliches Schwimmbecken, in dem viele kleine Schiffchen aus exotischen Blumen, Früchten oder Gemüse schwimmen. «Das sind Geschenke an den Wassergott», erklärt die Besucherin aus Österreich. Anfang Dezember wurde nämlich das Lichterfest im Tempel gefeiert. «Rund 300 Personen waren an dem Tag hier in Gretzenbach und haben das Lichterfest begangen», erklärt die junge Frau weiter. Auch sie sei extra wegen des Festes aus Österreich angereist.

Einige Meter neben dem Becken befinden sich zwei Frauen neben einem Auto. Aus einem Gebäude erscheint ein kleiner Thailänder und begrüsst die Frauen herzlich. Jedoch ohne Berührungen, denn das Berühren von Frauen ist den buddhistischen Mönchen strengstens untersagt. Es ist der oberste Mönch dieses Tempels, Phrakru Kittidhammawitet. Zuerst geht er um das Auto herum, setzt sich hinein und spricht leise etwas vor sich hin. Nach etwa fünf Minuten bespritzt er das Auto mit geweihtem Wasser und befestigt ein Bild von Buddha am Rückspiegel. «Fast täglich kommen Buddhisten aus der ganzen Schweiz zu uns in den Tempel, um verschiedenste Sachen segnen zu lassen», verrät Kittidhammawitet. Er sei auch viel zu neuen Häusern und Wohnungen unterwegs um Segnungen durchzuführen, um so böse Mächte von den neuen Besitztümern fernzuhalten.

Mit dem verschmitzten Lächeln eines kleinen Jungen scheint der Mönch viel jünger, als er ist. Er ist 50 Jahre alt und bereits 30 Jahre in seinem «Amt». Davon 20 Jahre in diesem Tempel in Gretzenbach, der auf Wunsch der thailändischen Königsfamilie gebaut wurde. Ikh Phrasrinagarindra, die bereits verstorbene Mutter des heutigen Königs, wohnte zu Lebzeiten in Lausanne und fühlte sich der Schweiz und den Schweizerinnen und Schweizern immer sehr verbunden. Der Tempel wurde nach ihr benannt. Baulich ist die dritte Etappe im Sommer 2003 endgültig abgeschlossen worden. Das innerhalb der Tempelmauern im thailändischen Stil fertiggestellte religiöse Hauptgebäude (Ubosoth) wurde am 28. Juni 2003 von der königlichen Hoheit Prinzessin Galayani Vadhana eingeweiht.

Ziel ist es, nach den 311 Regeln des Mönchtums zu leben

Die Augen von Kittidhammawitet strahlen eine unglaubliche Wärme aus. In ihnen zeichnet sich Ruhe und Gelassenheit ab. Für einen kurzen Augenblick möchte man mit ihm in einem gar naiven Glauben an eine sichere und friedvolle Welt abtauchen. «Unser Tagesablauf ist immer etwa gleich; wir stehen früh auf, beten und meditieren. Nach einem gemeinsamen Frühstück übernimmt jeder seine Aufgabe», sagt Kittidhammawitet. Er sei für die Gästebetreuung verantwortlich. Andere würden Büroarbeiten machen oder putzen. Nur bei den verschiedenen Zeremonien wie einer Hochzeits- oder Feiertagszeremonie würden sie sich immer abwechseln. «In der Schweiz sind höchstens sechs Mönche pro Tempel erlaubt», so Kittidhammawitet. Zwei davon seien noch nicht lange hier und müssten in die Schule gehen, um Deutsch zu lernen. «Mönch kann jeder werden, der keine ansteckenden Krankheiten hat, nicht körperlich oder geistig behindert ist und 100-prozentig ein Mann ist», lacht Kittidhammawitet. Aber es gilt als Ziel, sich an die 311 vorgegebenen Gebote zu halten, die das «Mönchsein» beinhaltet. «Jeder von uns Mönchen darf nie getötet oder gestohlen haben, muss bescheiden sowie sein Leben lang ohne Frau und Familie sein», meint er und versichert nichts davon jemals getan zu haben. Bis jetzt halte er sich problemlos an 227 Gebote und arbeite täglich an den weiteren.

Früher habe es auch weibliche Mönche gegeben. In der Zwischenzeit sei das nicht mehr so in Thailand. In anderen buddhistischen Kulturen wie beispielsweise Sri Lanka sei das jedoch normal. «Es gibt nämlich zwei Arten von Buddhismus, die beide unterschiedliche Glaubenssätze haben. Man kann es mit dem Unterschied zwischen den Reformierten und Katholiken vergleichen», meint Kittidhammawitet. «Dieser Tempel richtet sich vor allem nach den Glaubenssätzen der thailändischen Bevölkerung.»

Die Besucher zahlen Gaben anstatt Kirchensteuern

«Unter der Woche haben wir täglich rund zehn Besucher. Am Wochenende sind es schon mal über 100», erzählt er weiter. Beim thailändischen Neujahrsfest Mitte April seien sogar rund 1000 Personen gekommen. «Unter den Besuchern sind nicht nur Buddhisten aus der Schweiz, sondern auch aus Deutschland, Österreich, Italien oder Frankreich. Aber natürlich auch viele Interessierte aus einer anderen Religion», versichert Kittidhammawitet. Finanziert wird der Tempel durch grosszügige Spenden. «An grossen Festtagen bringen Gläubige sogar kleine Bäumchen mit vielen daran befestigten Geldscheinen als Gabe mit», lacht er. Man könne im Tempel jedoch auch gratis übernachten oder essen, indem man bei den verschiedenen Arbeiten hilft.

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