Bruno Seewer aus Reutigen sitzt auf der stolzen «Mare fan Fryslân», einem 60 Meter langen wunderschönen Segelschiff, und lässt den Wind um die Nase streichen. Er geniesst Wind und Wellen mit all seinen Sinnen. Der Vizepräsident des Schweizerischen Blinden- und Sehbehinderten Verbandes (SBV), Sektion Berner Oberland, ist auf seine Sinne angewiesen, denn er ist blind.

«Marfan-Syndrom»

Er leidet an einer seltenen Krankheit mit dem Namen «Marfan-Syndrom». Dieses Leiden ist meistens familiär bedingt. Auch bei Bruno Seewer ist das so, und wenn der 59-Jährige aus seinem Leben erzählt, empfindet der Zuhörer eine grosse Bewunderung. Von viel Leid, aber auch Zuversicht ist die Rede. Von einer Mutter, die mit 37 Jahren starb, und einem Vater, der mit allen Kräften seine fünf Kinder über die Runden brachte.

Von einer Primarschulzeit im Dorf, in der der Lehrer Bruno wegen seiner starken Kurzsichtigkeit verkannte. Aber auch von Positivem, als er in der Blindenschule Zollikofen gefördert wurde. Trotz allen Schwierigkeiten erlernte der Jüngling den Beruf des Kaminfegers, den er zehn Jahre lang ausüben konnte. Als die Symptome der Krankheit immer schlimmer wurden und es nicht mehr ging, liess sich der Tapfere zum Sozialpädagogen umschulen. Vor über zehn Jahren ist das Schlimme nun passiert. Bruno Seewer wurde total blind.

Alles von vorne beginnen

Der erneute Verlust seiner Stelle und nicht mehr lesen und schreiben zu können, stürzten ihn in eine tiefe Depression. «Selbstmitleid nützt nichts», habe er sich schliesslich gesagt und sich wieder aufgerafft, erzählt er von dieser Zeit.

Die erlernte Blindenschrift, Mobilitätstrainings mit dem weissen Stock, der Umgang mit dem PC und anderen Hilfsmitteln führten ihn zurück ins Leben. Heute steht Bruno Seewer diversen Selbsthilfegruppen vor, referiert an Anlässen und ist im Blindenverband Berner Oberland für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig.

Gemeinsam auf Segeltörn

Aldo Botta, pensionierter Lehrer aus Stüsslingen, führt seit vielen Jahre mit seinen «Tenn-Toerns» Segeltörns auf traditionellen Segelschiffen durch. Als er von seinem Freund Peter Gerber aus Hünibach von Bruno Seewer erfuhr, habe ihn die Idee fasziniert, einen Törn für Blinde und Sehbehinderte in Gemeinschaft mit Sehenden zu organisieren, erklärt er. Gesagt, getan. Bruno Seewer «heuerte» auf der «Mare fân Fryslan» als «blinder Passagier» an und probierte diese Möglichkeiten eine Woche lang aus.

Mit dabei war Alfonso Sorrento, welcher Bruno betreute. «Wir sind total überwältigt», so der Tenor. Und Bruno meint: «Ein toller Erfolg mit Wiederholungspotenzial». Auch Aldo Botta ist begeistert. Nächstes Jahr organisiert er seinen fünfzigsten Törn und ist immer noch voll motiviert. «Solange mir die Ideen nicht ausgehen und es immer wieder Landratten gibt, die es aufs Wasser zieht, bin ich dabei», meint der Macher.