Vor 70 Jahren gingen sie in Schönenwerd zusammen in die Schule. Jetzt organisieren Verena Widmer-Hersperger und Irene Müller-Güdel ein Jazzkonzert im Schönenwerder Casino – mit ihrem Klassenkameraden Carl Alex Bally, der am 24. Dezember 80 wird. Alex, der heute auf der Atlantikinsel Madeira lebt, hat es als Drummer zu einer Grösse in der internationalen Jazzszene gebracht.

Die beiden alten Damen tun alles, damit das einmalige Konzert des Auswanderers an seinem alten Heimatort zum Erfolg wird. Und ihre Begeisterung steckt an: Das Jazzkonzert-Projekt hat eine Welle an Unterstützung ausgelöst, wo immer sie um Hilfe fragten. Viele Klassenkameraden des Jahrgangs 1937, die noch leben und erreichbar sind, leisten einen kleinen oder grossen Beitrag an die Kosten.

Grosse Unterstützungswelle

Wenn Verena Widmer und Irene Müller erzählen, fühlt man sich wie in einer Konzertagentur: Saal reservieren, Piano und Schlagzeug organisieren, an Unterkunft und Verpflegung denken, Plakate drucken und jetzt vor allem: Werbung machen, telefonieren, mailen, um Sponsoring betteln. 

Letzteres mit grossem Erfolg: Die Gemeinde stellt den Casinosaal gratis zur Verfügung. Die Bürgergemeinde gab einen Beitrag, ebenso eine regionale Bank. Ein alt Gemeindepräsident griff privat in die Tasche. Ein Schönenwerder liefert sein eigenes Schlagzeug, die Miete des Klaviers kann mit der Hans-Huber-Stiftung geteilt werden. Ein Grafiker und ein Drucker, beide aus dem Dorf, gestalteten und druckten professionelle Plakate und Flyer. Ein ortsansässiger Getränkemarkt übernimmt die ganze Arbeit des Vorverkaufs.

Jetzt muss am 29. September nur noch das Publikum kommen. Sollte dabei noch ein Reingewinn übrig bleiben, wird das Geld an die Schönenwerder Kindertagesstätte Mosaik gehen, versprechen die Veranstalterinnen.

Ein Witz an Silvester

Wie kam es überhaupt zur Idee für das Konzert? «Alex Bally zählt zu den ganz grossen Schlagzeugern der Schweizer Jazzgeschichte, mit grossen internationalen Erfolgen», schreibt das Festival «jazzin» 2016, das vom 22. bis 25. September in St. Gallen stattfindet. Aus Anlass von Ballys 80. Geburtstag hat es den Drummer zu zwei Konzerten mit einer Jazzformation eingeladen. «In einem Telefongespräch mit ihm an Silvester sagte ich scherzhaft, wir könnten nicht mit dem Rollator nach St. Gallen gehen, er solle doch in Schönenwerd spielen», erinnert sich Verena Widmer. «Für mich war das nur ein Witz. Aber im Frühling rief er wieder an und fragte, wie das nun stehe mit seinem Konzert im Casino.»

Damit war der Funke gezündet. Als die Klassenkameradin Irene Müller-Güdel ihre Mithilfe zusagte, wuchs der Mut. Sie brachte ein Motto von Mark Twain ein: «Trenne dich nicht von deinen Illusionen. Wenn sie verschwunden sind, wirst du weiter existieren, aber aufgehört haben zu leben.»

Klassenkameraden machten Mut

Gemeinsam fanden sie, es wäre doch schön, das Konzert von Alex Bally zusammen mit ihren ehemaligen Klassenkameraden zu organisieren. Irene Müller rief alle an, bat um Unterstützung und erhielt fast keine Absagen. «Unsere Klassenkameraden geben uns die Kraft, das zu wagen», sagt Irene Müller.

Verena Widmer nennt auch einen Grund, warum ihre Primarschulklasse über Jahrzehnte bis heute einen besonderen Zusammenhalt habe: «Weil in den Schulhäusern damals Internierte und Soldaten untergebracht waren, verbrachten wir zwei Schuljahre in der Propstei auf dem Bühl, isoliert von anderen Schülern.»

Die 2. Primarschulklasse auf dem Bühl, 1947: Alex Bally als 5. von links in der vordersten Reihe; hinten Verena Hersperger und Irene Güdel als 5. und 7. von links.

Die 2. Primarschulklasse auf dem Bühl, 1947: Alex Bally als 5. von links in der vordersten Reihe; hinten Verena Hersperger und Irene Güdel als 5. und 7. von links.

Als Musiker in allen Welten

Alex Bally hat nur die Primarschule in Schönenwerd besucht, für die Oberstufe wurde er an ein Internat geschickt. Er stammt aus dem Zweig der Familie Bally, dem die Bandfabrik gehörte, und war von seinem Vater dazu ausersehen, dort ebenfalls einmal einzusteigen. Die Familie – Alex hat noch zwei Schwestern – wohnte in einer Villa zwischen Villenstrasse und C.-F.-Bally-Strasse. Das Gebäude steht nicht mehr, vom einstigen grossen Garten zeugt noch ein Mammutbaum.

«Der Name Bally war für einen Schüler in den 1940er Jahren einerseits ein Vorteil, andererseits auch eine Hypothek», meint Verena Widmer. Einer der Primarlehrer habe Alex furchtbar geplagt, und auch sein Vater habe harte Erziehungsmethoden angewandt. Tatsache ist, dass Alex Bally sich den Erwartungen seines Vaters entzog und eine Musikerkarriere einschlug.

Die Initialzündung dazu gab Hazy Osterwald, den Alex Bally als Kind bei Ferien in Arosa kennenlernte und der sein erster Mentor wurde. Als Drummer fiel er am Jazz Festival Zürich auf, bildete sich später am Konservatorium weiter, spielte mit berühmten Bands. Die Jazzkarriere brachte ihn nach Paris, New York, Toronto. Zurück in Europa, lebte er nach 1970 in Zürich und in Deutschland, spielte bei vielen Live-Konzerten am Schweizer Radio. Mit seiner Gruppe Jazz Community trat er auch am Jazz Festival Montreux auf, gab Unterricht und tourte durch Europa.

Seit fünf Jahren lebt Alex Bally als freier Musiker mit seiner Frau Christine in deren Heimat Madeira. Dort leitet er Jazzworkshops, unterrichtet zeitweise am Konservatorium und spielt mit befreundeten Musikern in einem Jazzclub.