Gösgeramt
Es war einmal der Traum von der Niederamtbahn

Alles spricht vom Eppenbergtunnel – dabei gab es in der Region einst noch ganz andere Bahnprojekte.

Christoph Zehnder
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Eine Informationstafel am Kulturweg Winznau erinnert heute an das Vorhaben einer Eisenbahn durch das Gösgeramt.

Eine Informationstafel am Kulturweg Winznau erinnert heute an das Vorhaben einer Eisenbahn durch das Gösgeramt.

Bruno Kissling

Nach dem erfolgreichen Durchstich Anfang Februar war der Eppenbergtunnel wieder in aller Munde. Wenn Ende 2020 die ersten Züge durch die rund 3 Kilometer lange Röhre rollen, wird es die erste neue Eisenbahnstrecke im Niederamt seit langem sein. Die Bahnlandschaft im unteren Kantonsteil könnte heute aber auch ganz anders aussehen. Denn Ende des 19. Jahrhunderts, und ein zweites Mal nach dem Ersten Weltkrieg, gab es weit fortgeschrittene Pläne für eine Niederamtbahn, die von Olten nach Erlinsbach führen sollte.

Rösslipost und Postauto

Wenige Jahre nach dem Scheitern des ersten Anlaufs für eine Niederamtbahn, wurde zwischen Olten und Lostorf die Rösslipost eingerichtet. Der Postkutschenbetrieb wurde von der Bevölkerung kaum genutzt. 1891 waren es gerade mal 18 Passagiere. 1924 ersetzten Postautos die Kutschen. Über die Jahre wurde das Netz stetig erweitert und ist heute Bestandteil des Busbetriebs Olten Gösgen Gäu.

In der Region wurden die Vorteile des neuen Fortbewegungsmittels schnell erkannt. 1856 fuhr erstmals ein Zug zwischen Olten und Aarau, ein Jahr später von Olten nach Bern und nach dem Bau des Hauensteintunnels bald auch nach Basel. Die Verbindung nach Solothurn wurde 1876 aufgenommen (Fahrzeit: 65 Minuten).

Die Gemeinden im Gösgeramt sowie die Dörfer im Jura blieben bei dieser ganzen Entwicklung aussen vor. Dabei gab es triftige Gründe, diese Orte ebenfalls ans Schienennetz anzubinden, beispielsweise für die Arbeiter in den Schuhfabriken in Schönenwerd und Olten oder für die Kurgäste in Bad Lostorf und im Laurenzenbad.

Haltestelle im Nirgendwo

1871 bewarb sich ein interkantonales Komitee um eine Konzession für eine Gäubahn, als Teilstück einer durchgehenden Verbindung von Lausanne über Bern, Solothurn nach Olten, von wo aus die Bahn linksseitig der Aare über Aarau nach Waldshut folgen sollte. Von Olten aus sollte die Linie südlich von Winznau, Obergösgen, Niedergösgen und Erlinsbach einem möglichst geraden Verlauf folgen.

Ein lokales Komitee bemühte sich, 440'000 Franken für die Subvention einer Bahn durch das Gösgeramt aufzutreiben. Olten stellte 260'000 Franken in Aussicht, Trimbach 80'000, Winznau 30'000 unter der Bedingung eines besseren Standorts für die Haltestelle. Auch Aarau und Erlinsbach wollten sich beteiligen.

Die projektierte Niederamtbahn

Die projektierte Niederamtbahn

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Um den nördlichen Gemeinden entgegenzukommen, wurde schliesslich ein Tunnel von der Rankwog bis zum Winznauerbühl und von dort eine direkte Strecke nach Ober- und Niedergösgen vorgeschlagen. Winznau, Obergösgen, Lostorf und Stüsslingen sollten demnach eine gemeinsame Haltestelle oberhalb von Obergösgen benutzen.

Nicht im Interesse der Gemeinden

Diese Linienführung war natürlich nicht im Sinne der Gemeinden und es entstand der Verdacht, dass die Initianten die linksufrige Bahn nur bauen wollten, weil das andere Aareufer bereits durch Verbindung der Konkurrenz, der Schweizerischen Centralbahn (SCB) besetzt war. Es wäre eine Bahn durch, aber nicht für das Gösgeramt, finanziert von den Gemeinden. Als 1873 die SCB anstelle des interkantonalen Komitees die Konzession für eine Gäubahn bekam, erlosch auch das Interesse an einer Niederamtbahn vorerst.

Elektrizitätswerk weckt Interesse

Erst nach der Jahrhundertwende flammte es kurz wieder auf, als ein Zürcher Unternehmen für eine «schienenlose Bahn» zur Erschliessung der Gemeinden im Gösgeramt warb. Die Resonanz blieb jedoch aus. Doch mit dem Bau des Elektrizitätswerks Gösgen wurden die Pläne für eine neue Eisenbahn wieder konkreter. Erneut wurde ein Komitee eingesetzt, das beim Kraftwerkbau die Interessen einer Niederamtbahn vertreten sollte. Initiant war der damalige Oltner Stadtammann Hugo Dietschi.

1916 wurde beim Bundesrat ein Konzessionsbegehren eingereicht. Die Schmalspurbahn sollte von Olten über Neu-Trimbach, Rankwog, dem Kanal folgend nach Winznau, Obergösgen, Niedergösgen, Nieder- und Obererlinsbach führen. Von der Station Obergösgen in der Weihermatt sollte eine Abzweigung die Passagiere nach Lostorf und Stüsslingen bringen (siehe Karte). Die maximale Geschwindigkeit wurde mit 45 km/h angegeben und die Bahn sollte 8 Mal täglich verkehren.

Falscher Preis zur falschen Zeit

An den Baukosten von 6,4 Mio. Franken sollte sich der Kanton zu 40 Prozent beteiligen. Die Firma Bally hätte als Nutzniesser ebenfalls eine halbe Million beigesteuert. Der Rest sollte vom Bund, der Stadt Olten, den Gemeinden sowie von privaten Investoren kommen. Die Gemeinden konnten sich jedoch nicht über den Verteilschlüssel der Kosten einigen. Stüsslingen und Obererlinsbach lehnten eine Beteiligung gänzlich ab, da sie keine Anbindung bekämen. Andere wollten schlicht weniger zahlen. Die angespannte Wirtschaftslage zu jener Zeit war da wenig hilfreich. 1921 wurde das Projekt Niederamtbahn schliesslich auf unbestimmte Zeit auf Eis gelegt. Olten kaufte die Pläne und Berechnungen mit einer anteilmässigen Beteiligung des Bundes.

Als 1922 es an der Liquidationsversammlung darum ging, noch 2600 Franken Schulden für ein Gutachten aufzuteilen, gelang es den Gemeinden nicht einmal, den gesamten Betrag zu begleichen. Der Oltner Bauverwalter musste 45 Franken aus der eigenen Tasche vorschiessen. Die Rückzahlung erhielt er erst vier Jahre später durch die Automobilgesellschaft Olten-Lostorf-Stüsslingen.

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