Obergösgen
«Es war eine unheimlich strube Zeit»: Wie vor 30 Jahren der Dorfkern entstand

Vor genau 30 Jahren wurde in Obergösgen die Überbauung Dorfkern eingeweiht, mit Gemeindekanzlei, Post, Bank, Arztpraxis, Wohnungen. Aus dem ehemaligen Pfarrhaus entstand das Café Egge. Initiantin des Dorfkerns war die Bürgergemeinde.

Christian von Arx
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30 Jahre Dorfkern Obergösgen
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30 Jahre danach feierten am Samstag die damals Beteiligten ihr Werk zusammen mit Delegationen der heutigen Einwohner- und Bürgergemeinderäte.
Luftaufnahme von Obergösgen, 1923. Auf dem heutigen Dorfkern-Areal erkennbar (von links): Pfrundhaus («Hälmihaus»), Transformatorenstation, Spritzenhäuschen (alle abgebrochen) sowie das zum Café Egge umgebaute Pfarrhaus an der Strassenkreuzung.

30 Jahre Dorfkern Obergösgen

Bruno Kissling

«So eine Einladung nach 30 Jahren habe ich noch nie erlebt», sagte Gerhard Graber, der damals als Architekt des Dorfkerns wirkte. Der 78-jährige Paul Meier, Obergösger Bürgerammann von 1981 bis 1997, hatte alle zusammengetrommelt. Gute Geister, die damals für die Weichenstellungen und die Ausführung des Dorfkerns mitverantwortlich waren: Bürgerräte, Einwohner- und Kirchgemeinderäte, Mitinvestoren, Finanzpartner, Architekten, Bauführer. Dazu eine Delegation der heutigen Gemeindeführungen, mit Bürgerpräsident Rolf Spielmann und Einwohnergemeindepräsident Christoph Kunz.

Fast auf den Tag genau 30 Jahre nach der Einweihung des Dorfkerns am 14. November 1986 versammelten sie sich am Samstag zur «Geschichtsstunde» in Wort und Bild in der Bürgerstube. Darauf gings, auf Kosten von Sponsoren, zum Feiern ins Café Egge. Dort wirtet noch immer Dora Lanz, die nach dem Umbau des Pfarrhauses vor 30 Jahren als Pächterin angefangen hatte und wenig später zusammen mit Ernst Hunziker Eigentümerin wurde.

Natürlich, inzwischen sind alle 30 Jahre älter geworden, die meisten haben 60, 70 oder 80 und mehr Jahre auf dem Buckel. Aber an den Kampf um den Dorfkern erinnerten sie sich, als ob es gestern gewesen wäre. Und auch die innere Bewegung war spürbar, besonders beim 81-jährigen Franz Biedermann, Bürgerammann von 1973 bis 1981 und zuvor schon viele Jahre Mitglied im Bürgerrat. Er blickte nicht nur 30, sondern mehr als 50 Jahre zurück.

Grossprojekte Schlag auf Schlag

«Es begann 1963», erzählte Biedermann, «kurz vor Weihnachten verfügten die SBB die Enteignung von drei Landwirten für den Rangierbahnhof.» Auch die Bürgergemeinde musste für dieses nationale Infrastrukturprojekt viel Land abgeben, riesige Bestürzung sei die Folge gewesen. «Der Solothurner Regierungsrat half Obergösgen nicht, er war in die Pläne eingeweiht», hielt Biedermann fest.

Ein langer Kampf

1963: SBB leiten Enteignungen für Grossrangierbahnhof Niederamt ein, Bürgergemeinde muss einige Hektaren Wald und Kulturland abtreten.

1973/74 Bürgergemeinde kauft Land im Dorfkern (Pfrundhaus, Pfarrmatte).

1976/77 Ideenwettbewerb für die Gestaltung des Dorfkerns

1983 Urnenabstimmung der Einwohnergemeinde: knappes Ja zum Bau von Gemeindekanzlei und Zivilschutzanlage im künftigen Dorfkern

1984 Bürgergemeindeversammlung beschliesst Projekt Dorfkern 1 für 6 Mio. Franken.

1986, 14. November: feierliche Einweihung Dorfkern 1

1995 Einweihung Dorfkern 2 (mit Verkaufsladen).

«Dann kam die zweite Hiobsbotschaft», fuhr Biedermann fort, «die Atel wollte ein AKW bauen.» Er sei von Anfang an dagegen gewesen und habe in Olten demonstriert. «Im Niederamt herrschte Kriegsstimmung. Wir wurden sogar fichiert.» Und das war noch nicht alles. Als dritte Bedrängnis für die Obergösger Bauern kam ab 1970 der Bau der Transitgasleitung: «Ein rücksichtsloser Bau, es wurden Wasserleitungen zerstört», machte Biedermann seinem Ärger Luft.

Aber: Der Rangierbahnhof gab indirekt den Anstoss zum Obergösger Dorfkern. Denn nach der Enteignung hatte die Bürgergemeinde viel Geld. Was tun? «Unsere Idee war: Land kaufen, dann kann man bestimmen, was geht», erklärte Franz Biedermann. Die Bürgerräte spürten, was dem Dorf fehlte: Ein Arzt, ein Dorfladen, eine neue Post, Alterswohnungen, eine Bank sollten her. Sie waren überzeugt vom Bau eines Dorfzentrums und kauften das dafür benötigte Land.

«Grössenwahnsinn»

Doch die Bürgergemeinde brauchte Mitträgerschaften. Und dabei harzte es lange; offener und versteckter Widerstand machte sich bemerkbar. Gegen die Ansiedlung eines Arztes in Obergösgen setzte sich Winznau zur Wehr, und auch der Lostorfer Arzt war nicht erfreut. Weil sich die Sache in die Länge zog, sprang ein Kandidat nach Däniken ab. Schliesslich sagte Dr. Ronald Schrenk zu – er praktiziert noch heute im Dorfkern.

Die Post machte mit. Aber die Darlehenskasse, die spätere Raiffeisenbank, sprang ab – wie Paul Meier später erfuhr, liess eine Grossbank ihre Verbindungen bis in die Bürgergemeinde hinein spielen. Als neue Bank konnte die Ersparniskasse Olten (EKO) gewonnen werden.

Entscheidend war die Beteiligung der Einwohnergemeinde. Unerwartet distanzierte sich die Obergösger FdP vom Projekt: «25 Prozent Steuererhöhung, Grössenwahnsinn, Denkmalsetzung wurden ins Feld geführt», erinnerte sich Paul Meier. «Nichts davon ist eingetreten.» Doch in der Urnenabstimmung vom 26. September 1983 machten nur 17 Stimmen den Unterschied aus. Die Einwohnergemeinde baute im Dorfkern eine Gemeindekanzlei, eine Wohnung, Schutzplätze und eine Kommandostelle für den Zivilschutz.

Vor allem in den ersten 10 bis 15 Jahren sei der Dorfkern für Obergösgen ein Zentrum mit vielen wichtigen Funktionen geworden, sagte Paul Meier. Leider zogen später die EKO Bank (CS) und die Post aus, und beim Laden ergaben sich Wechsel. Trotzdem zog Meier eine positive Bilanz: «Uns ist ein schöner Dorfkern gelungen.» Oder, wie Franz Biedermann meinte: «Es war eine unheimlich strube Zeit in Obergösgen. Heute haben wir die Genugtuung, dass es etwas Rechtes gab.»