Entwicklungshilfe

«Es kommt nur noch selten zu Stromausfällen»: Als Berufsbildner in Myanmar

«Vor vier Jahren musste für diese Strecke zirka eine halbe Stunde gerechnet werden. Heute dauert dieselbe Fahrt unter der Woche mindestens zwei Stunden.» Der Verkehr hat in Myanmar extrem zugenommen.

«Vor vier Jahren musste für diese Strecke zirka eine halbe Stunde gerechnet werden. Heute dauert dieselbe Fahrt unter der Woche mindestens zwei Stunden.» Der Verkehr hat in Myanmar extrem zugenommen.

2004 wurde das Projekt «Elektriker in Myanmar» gestartet, dieses Jahr hatte Walter Christen aus Gunzgen den letzten praktischen Einsatz: Er berichtet, wie sich der politische und soziale Wandel in allen Lebenslagen im Land bemerkbar macht.

Im Jahr 2004 hatten wir, Thomas Bräutigam und ich, als Vorbereitung das technische Umfeld analysiert, um unsere Ausbildung den örtlichen Gegebenheiten anzupassen. Inzwischen hat sich gesellschaftlich, politisch und auch technisch einiges verändert. Da ich seit 2012 nicht mehr in Yangon war und im Bewusstsein, dass dies mein letzter Einsatz sein wird, hatte ich mir zum Ziel gesetzt, den Kreis zu schliessen.

Also noch einmal die technischen Gegebenheiten in Bezug auf Material, Technologie, Änderungen und Arbeitsmethodik zu analysieren. Aufgrund von Baustellenbesichtigungen und Besuchen bei Lieferanten sollte zusammen mit den örtlichen Lehrpersonen der Unterrichtsstoff im praktischen Bereich angepasst werden.

Über Jahre hinweg wurde einfach derselbe Stoff vermittelt, welchen wir 2005 bis 2008 erarbeitet hatten. Das Bewusstsein, als Kursleiter stets auf dem neuesten technischen Stand zu sein, muss erst noch erarbeitet werden. Zudem hatte ich die Absicht, das Thema Solaranlagen einzuführen und bei den Lehrabschlussprüfungen Anpassungen vorzunehmen.

Eine Stadt im Umbruch

Schon bei der Ankunft im Yangon wird klar: Die neue Politik bewegt. Am Flughafen sieht man die Auswirkungen: Er ist doppelt so gross wie vor fünf Jahren und es wird weiter gebaut. Überhaupt scheint das Land in Goldgräberstimmung zu sein. Dank ausländischer Investoren gibt es sehr viele grosse Baustellen. Einige in schier unvorstellbaren Dimensionen. Es gibt inzwischen Einkaufszentren im Stil von Tivoli und Baumärkte fast wie bei uns; es werden komfortable Hotelkomplexe gebaut, bei denen man sich fragen muss, ob diese alle belegt und rentabel betrieben werden können. Bei alledem sieht man noch immer, dass die Qualität der ausgeführten Arbeiten mit dem Tempo der Bautätigkeit nicht mithalten kann. Eine gute Ausbildung der Handwerker tut not.

Die vom Center for Vocational Training (CVT) geschulten Schreiner, Schlosser und Elektriker sind sehr gefragt. Positiv zu vermerken ist, dass es in der Stadt nur noch sehr selten zu Stromausfällen kommt. 2004 bis 2010 waren täglich mehrmalige Stromunterbrüche von einer halben Stunde absolut normal. Beim diesjährigen Aufenthalt gab es während 3 Wochen gerade mal zwei Unterbrüche.

Die Investitionen in neue Kraftwerksanlagen zeigen Wirkung. Auch die Fahrt in die Stadt ist ein ganz neues Erlebnis. Noch vor vier Jahren musste für diese Strecke zirka eine halbe Stunde gerechnet werden. Heute dauert dieselbe Fahrt unter der Woche mindestens zwei Stunden: Der Verkehr hat massiv zugenommen. Nach der veränderten politischen Situation und der damit einhergehenden Marktöffnung wurden in den letzten Jahren sehr viele neue Autos importiert.

Smartphones auf dem Vormarsch

Eine weitere Auffälligkeit ist die Telekommunikation. Vor sechs Jahren kostete eine SIM-Karte noch einige 100 US-Dollar. Nur die wirklich reichen Leute konnten sich diese leisten. Das Geschäft war auch hier in der Hand von ein paar wenigen Privilegierten, die extreme Summen verdienten. Heute kostet dieselbe Karte umgerechnet 1.30 Franken und die Ortsgespräche einige Rappen. Die öffentlichen Telefonapparate von früher sind verschwunden. Dafür trägt heute fast jeder ein Smartphone mit sich. Das Handy ist ein Statussymbol.

Das Bankensystem hat sich ebenfalls massiv gewandelt. Vor einigen Jahren gab es zwar eine Handvoll offizielle, von der Regierung geführte Banken. Faktisch waren diese aber inaktiv, weil von der Bevölkerung nicht genutzt. Für Touristen gab es eine Extra-Währung, welche zu massiv überhöhten Preisen gewechselt wurde. Das Vertrauen in diese Institution fehlte völlig. Das war auch nicht erstaunlich, hatte doch die Regierung vor einigen Jahren grosse Vermögenswerte auf den Banken eingezogen oder durch Währungsreformen wertlos gemacht. Heute sind sehr viele Banken geöffnet und es gibt, zumindest in Yangon, sehr viele Bancomaten. Gleich am Flughafen kann man heute zu einem fairen Kurs Geld wechseln.

Genauso verhält es sich mit der Entwicklung der Konsumentenpreise. Grundnahrungsmittel sind stabil und günstig. Hingegen sind importierte Früchte, Kaffee und Kleider teilweise doppelt so teuer wie früher. Auch in Restaurants der Mittelklasse sind die Preise teurer geworden. Das Einkommen der einfachen Handwerker ist jedoch noch immer sehr klein. Es reicht gerade zum Leben: zirka sechs US-Dollar pro Tag. Auch hier wie anderswo bewegt sich die Lohnentwicklung von oben nach unten. Der Schwächste von heute profitiert als Letzter von der Entwicklung.

Eine Ära geht zu Ende

2004 wurde das Projekt mit einem Zeithorizont von 10 Jahren gestartet, daraus sind 12 Jahre geworden. Es ist aus unserer Sicht sehr schwierig, die Situation und Kultur zu verstehen. Als Schweizer «Experte» steht man über aller Kritik. Das Vertrauen und die Ehrerbietung sind fast grenzenlos. Eine für mich ungewöhnliche Situation. Ich hatte nie den Eindruck, über irgendwem zu stehen. Daher habe ich immer versucht, den jungen Leuten mit genauso viel Respekt für ihren Lernwillen und Eifer zu begegnen. Natürlich habe ich viel Zeit und Energie investiert.

Dafür habe ich von meinen burmesischen Lehrern und Schülern auch sehr viel zurückbekommen. Die Freundlichkeit, die Gastfreundschaft, die Freude daran, etwas Neues aufzubauen, mit Menschen, die alles dafür geben, etwas lernen zu dürfen, hat mich mehr als entschädigt.

Ein Höhepunkt war bestimmt die erste Abschlussprüfung 2008 und die darauf folgende Feier mit Zertifikatsübergabe. Auf der anderen Seite gab es immer wieder frustrierende Momente, etwa, wenn etwas nicht wie vorgesehen klappte. Das lag meistens an der anderen Mentalität oder an meiner Ungeduld. Ich möchte keinen Moment missen. Für mich ist diese Art der Entwicklungshilfe die einzig wahre.

Einzug der LED-Lampen

Insbesondere ist bei diesen Besuchen aufgefallen, dass in der Grundinstallation öfter als früher unsichtbar installiert wird. Vor zehn Jahren war an den Wänden noch alles im sichtbaren Bereich. Es werden neu auch Metallrohre verwendet. Diese stellen eine spezielle Herausforderung dar: Die Werkzeuge, welche zum Biegen benötigt werden, sind auf dem lokalen Markt noch nicht erhältlich und müssen importiert werden. Im Sektor Beleuchtungstechnik hat sich der Markt total verändert. Waren bis vor sechs Jahren noch alles Glühlampen und Fluoreszenzleuchten, sind heute LED allgegenwärtig.

Von besonderem Interesse war für mich der Rundgang durch den Neubau einer Bank. Wie werden in Myanmar die Computernetzwerke aufgebaut? Hier sind die Installateure noch weit entfernt von den bei uns üblichen Normen und Techniken. Die Installationen werden sehr einfach gehalten und insbesondere werden die Qualitätsanforderungen messtechnisch gar nicht überprüft. Die Messgeräte sind nicht bekannt und nicht vorhanden.

Dies wird sich nach unserer Überzeugung in den nächsten Jahren bestimmt ändern. Es sind sehr viele und sehr grosse Neubauten in Arbeit. Diese werden fast ausschliesslich durch Gesellschaften und Firmen aus dem Ausland finanziert. Das hat zwangsläufig zur Folge, dass diese Investoren Qualitätsstandards nach internationalen Normen einfordern werden.

Im Zusammenhang mit den Netzwerkinstallationen musste ich trotz grossen Anstrengungen einige Abstriche in Kauf nehmen. Material der besten Qualität nach internationalen Normen ist momentan nicht erhältlich. Im theoretischen Teil haben wir die gängigen Standards erläutert. Die Lernenden sind nun in der Lage, die Struktur der Verkabelung zu verstehen und die Netzwerke mit den zur Verfügung stehenden Kabeln und Steckverbindern richtig aufzubauen. Die Normen werden geschult, somit sind die angehenden Elektriker fähig, auch moderne Anlagen aufzubauen.

Solaranlagen als neues Geschäftsfeld

Ein neues Thema in der Installationstechnik sind Solaranlagen. Sobald man die grossen Städte verlässt und einige Minuten weiter fährt, ist die Infrastruktur sehr mager. Zwar arbeitet man mit Hochdruck an einer flächendeckenden Versorgung für Telefonie, aber Strom und fliessend Wasser sind noch immer nicht vorhanden. Eine lokale Versorgung mit Solaranlagen ist angebracht und beliebt.

Wir haben uns auf die Berechnung und Installation von Inselanlagen festgelegt. Wir haben also ein Solarpanel, einen Solar-Akku, einen Laderegler und einen Konverter beschafft. Nach dem Materialeinkauf in lokalen Geschäften haben wir die Lehrpersonen entsprechend instruiert, die Anlage aufgebaut und verschiedene Messungen durchgeführt. Die Schreiner haben uns noch einen schönen fahrbaren Rahmen dazu gebaut, fertig!

Nach dieser «Basisausbildung» ist der Elektriker in der Lage, eine einfache Anlage selber zu bauen. Ein neues Geschäftsfeld eröffnet sich.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1