Kanton Solothurn
«Es ist ein riesiges Dilemma»: Die Pflegeheime müssen täglich zwischen Schutz und Freiheit abwägen

Im Alters- und Pflegeheim in Dulliken erkrankten Anfang November Bewohnende und Pflegekräfte an Covid-19. Nun ist der Ausbruch vorbei, die Rückkehr in die Normalität aber noch weit entfernt: Jeden Tag muss zwischen Sicherheit und Freiheit abgewogen werden.

Rebekka Balzarini
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Das Turnen findet wieder statt, aber mit mehr Abstand.

Das Turnen findet wieder statt, aber mit mehr Abstand.

Bruno Kissling

Ein Covid-19-Ausbruch in einem Alters- und Pflegeheim ist etwas vom Schlimmsten, was den Institutionen aktuell passieren kann. In den Heimen leben besonders viele Risikopatienten, schwere Krankheitsverläufe sind häufig. So auch im Alters- und Pflegeheim Brüggli in Dulliken: Bei einem Ausbruch im November sind insgesamt sieben Personen verstorben. Kerzen im Park gedenken der Toten:

Bruno Kissling

Das Alters- und Pflegeheim Brüggli war eines der ersten im Kanton, das einen grösseren Covid-19-Ausbruch verzeichnete. 21 Bewohnerinnen und Bewohner wurden positiv getestet, und auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter waren betroffen. Insgesamt mussten 24 Personen des Pflegeteams, des Küchenpersonals und des Hausdienstes für 10 Tage in Isolation.

In der Zeit des Ausbruchs galten im Alters- und Pflegeheim strenge Schutzmassnahmen: Die Bewohnerinnen und Bewohner mussten unter anderem auf ihren Zimmern bleiben, auch die Mahlzeiten wurden dort eingenommen. Besuche von Angehörigen und Freunden waren verboten. Auch die Pflegekräfte durften ihre jeweilige Station nicht verlassen, um eine Ausbreitung des Virus zu verhindern.

In der Zeit des Ausbruchs galten strenge Schutzmassnahmen.

In der Zeit des Ausbruchs galten strenge Schutzmassnahmen.

Bruno Kissling

Mittlerweile sind im Brüggli keine positiven Fälle mehr bekannt, die Schutzmassnahmen wurden in den letzten Tagen etwas gelockert. So sind Besuche unter Auflagen wieder möglich, im Gebäude gilt aber eine Maskenpflicht und Sicherheitsabstände müssen wenn immer möglich eingehalten werden. Die Bewohnerinnen und Bewohner sollen das Areal ausserdem nur im Notfall verlassen, etwa dann, wenn sie zum Arzt müssen.

Neuer Ausbruch soll verhindert werden

Trotz dieser Massnahmen ist die Vorsicht ständige Begleiterin. Das erzählen der Institutionsleiter Pascal Storck, die Pflegedienstleiterin Sandra Cagnazzo und die Pflegefachfrau Beatrice Meier in einem Gespräch im Brüggli in Dulliken. Das Treffen findet in einem Nebenraum statt, die Masken ziehen sie nur für Fotos kurz vom Gesicht. Einen neuen Ausbruch wollen alle unbedingt verhindern, absolute Sicherheit gibt es aber nicht.

«Es ist ein riesiges, ethisches Dilemma», fasst Cagnazzo die Situation zusammen, in der sich die Alters- und Pflegeheime im Kanton befinden. Ständig müssen sie zwischen Schutz und Freiheit abwägen, und das schon seit Wochen. So bleibt etwa das Besucherregime streng, auch in der Zeit vor Weihnachten. «In der Adventszeit empfinde ich das als Familienmensch als besonders schwer», erzählt die Pflegedienstleiterin. «Ich weiss, dass es für einige Menschen hier vielleicht die letzte Adventszeit ist, die sie erleben. Und trotzdem können wir es ihnen nicht ermöglichen, diese Zeit normal im Kreis ihrer Angehörigen zu verbringen.»

Völlig von der Aussenwelt isolieren wie im Frühling wolle man das Brüggli aber nicht. Zu sehr würden die Bewohnerinnen und Bewohner darunter leiden, wenn sie ihre Liebsten gar nicht mehr treffen dürften.

Kanton plant vorerst keine Verschärfungen

Ein vollständiges Besuchsverbot könnte der Kanton erlassen. Geplant ist dies laut David Kummer, dem Kommunikationsverantwortlichen des Fachstabs Pandemie, vorerst aber nicht, obwohl laut dem wöchentlichen Situationsbericht des Kantons bisher 62 Bewohnerinnen und Bewohner von Alters- und Pflegeheimen an Covid-19 gestorben sind. Besonders viele Todesfälle gab es in den vergangenen drei Wochen.

«Heimbewohnerinnen und Heimbewohner leiden unter den Einschränkungen durch die Schutzmassnahmen, insbesondere aber auch unter den Beschränkungen der Kontakte zu ihren Angehörigen», schreibt Kummer. «Besuche in den Heimen sind deshalb wie
bisher unter Beachtung von strengen Auflagen weiterhin erlaubt.»

Die Lage werde aber laufend überprüft, um allfällige Anpassungen an den Schutzmassnahmen zum richtigen Zeitpunkt vornehmen zu können. Die Heime werden laut Kummer ausserdem dazu angehalten, individuelle Schutzmassnahmen zu treffen, die für die jeweilige Situation angemessen seien.

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