«Ich bin selber überrascht, welchen Anklang diese Ausstellung findet und wie viele Leute heute Abend hier zusammengekommen sind», freute sich Ruth Grossenbacher an der Vernissage zur Gedenkausstellung des Erlinsbacher Kunstmalers Arthur Wiss am letzten Freitag

Der Saal im Obergeschoss des Alten Schuelhüsli vermochte die Vernissagegäste kaum aufzunehmen. Zahlreiche Nachkommen des Künstlers, Leihgeber von Bildern und Interessierte an seinem Schaffen waren gekommen, um die Ausstellung zu Ehren des vor genau sechzig Jahren verstorbenen Arthur Wiss feierlich zu eröffnen.

Die Ausstellung ist ein Gemeinschaftswerk. Ruth Grossenbacher, ehemalige Nationalrätin aus Erlinsbach, hat gemeinsam mit Rolf Grossenbacher, Beat Wyss, Rosmarie Buser-Neef, Martin Buser und Maja Baumann die Wiss-Retrospektive gestaltet.

Die Idee, all die verstreuten Werke des Erlinsbacher Malers zu versammeln und im Dorf öffentlich zu präsentieren, war seit 1970 vorhanden, berichtete Rosmarie Buser-Neef, eine entfernt Verwandte von Arthur Wiss, an der Vernissage. 2014 wurde es konkret, das Ausstellungsteam knüpfte Kontakte zu den Besitzerinnen und Besitzern, die ihre Bilder zur Verfügung stellten.

Insgesamt kamen rund hundert Gemälde von dreissig Leihgebern zusammen, wie Ruth Grossenbacher bei der Begrüssung der Vernissagegäste erfreut feststellen konnte.

Der malende Magaziner

Der 1895 auf dem Bauernhof Breite in Niedererlinsbach geborene Arthur Wiss lernte zuerst Schriftlithograph und liess sich dann zum Bauern ausbilden, arbeitete aber seit seiner Heirat 1929 als Magaziner.

Daneben widmete er sich der Malerei, erzählte sein Enkel Beat Wyss an der Ausstellungseröffnung. Auf Spaziergängen fand er seine Sujets und kehrte später an den Ort zurück, um den betreffenden Landschaftsausschnitt zu malen.

Arthur Wiss nahm zwar gelegentlich an einer Weihnachtsausstellung teil, an einem Verkauf oder an einer eigenen Ausstellung seiner Bilder war er jedoch nicht interessiert. So sind denn praktisch keine seiner Ölbilder und Aquarelle signiert und mit einer Jahreszahl versehen.

Portraits, Landschaften, Stillleben

Da sich die Werke Wiss’ nicht datieren lassen, war eine chronologische Anordnung der Bilder nicht möglich. Deshalb lässt sich in ihnen auch keine stilistische Weiterentwicklung ablesen.

Das Ausstellungsteam entschied sich für eine thematische Hängung und gruppierte die Gemälde nach den hauptsächlichen Sujets, die Arthur Wiss auf die Leinwand oder das Papier bannte.

Er zeichnete seine Kinder oder portraitierte seine Verwandten und Nachbarn. In der Ausstellung ist er aber auch mit einer Gruppe von Selbstportraits präsent, bei denen ein selbstbewusster Maler frontal oder halb von der Seite dem Betrachter entgegenblickt.

Ein zweites häufiges Motiv sind die Blumenstillleben. Vor meist schwarzem Hintergrund malte Arthur Wiss einfache Gartenblumen oder Geranien. Bei seiner öffentlichen Führung am Samstag wies Peter Killer, ehemaliger Leiter des Kunstmuseums Olten, darauf hin, dass Wiss seine «natures mortes» immer unsymmetrisch gestaltete, das heisst, er platzierte die Vase oder den Blumentopf immer etwas neben der Mittelachse, was dem Blumenstillleben eine besondere Spannung gibt.

Den Grossteil der Ausstellung machen Landschaften, Häuserzeilen und Dorfansichten aus. Den Erlinsbacher Dorfplatz mit Schmitte, Zollhaus und Löwen, in «Hoschtetten» halb versteckte Dörfer und Weiler des Erzbachtals, Baumgruppen sowie Juralandschaften zu den verschiedenen Jahreszeiten, all dies malte Arthur Wiss in unzähligen Versionen.

Das viele Grün und das helle Licht verleiht den meist kleinformatigen Bildern eine eigenartige Leichtigkeit. Arthur Wiss malte keine spektakulären Ansichten, fasste es Peter Killer in einem Wort zusammen und bezeichnete ihn im besten Sinn als Maler des Gewöhnlichen.

Zwei Bilder verdienen eine besondere Erwähnung. Neben mehreren Versionen des Niedererlinsbacher Dorfplatzes bei Tag malte er diese Häusergruppe einmal bei Nacht. Die dunklen Gebäude sind knapp in Umrissen zu erkennen, eine schwache Strassenlampe beleuchtet ein kleines Stück Fassade am Löwen.

Das Auge wird jedoch angezogen von einem schmalen Fenster, aus dem ein roter Lichtschein dringt. Obwohl fast durchweg schwarz gehalten, vermittelt das Bild eine Poesie und Stimmung, der man sich nicht entziehen kann.

Realistisches Interieur

Ein zweites Bild hebt sich völlig von den anderen ab. Vermutlich stammt es aus einer frühen Schaffensperiode und ist nur wenig grösser als eine Postkarte. Es zeigt ein Interieur, die Wohnstube von Arthur Wiss’ Geburtshaus, die fast ganz von einem grünen Kachelofen eingenommen wird.

Das Gemälde ist absolut symmetrisch aufgebaut, wenig links der Mittelachse hängen ein Hut und Tschoppen am Ofensäulchen, leicht rechts der Mittelachse verläuft das Ofenrohr eines vor dem Kachelofen stehenden Kanonenofens. Die Zimmertüre links mit zwei Kleiderhaken wird gespiegelt durch die Ofenkunst rechts, unter der ein Paar Schuhe steht.

Nichts Spektakuläres also auch hier. Seinen Reiz gewinnt das Bild aber einmal dadurch, dass es mit klaren Strichen und einer frappanten Detailgenauigkeit so gemalt ist, dass es wie eine Farbfotografie aussieht.

Zudem erzählt es eine Episode aus der Geschichte des Heizens. Der die Stube dominierende Kachelofen gibt zwar eine wunderbar gemütliche Hitze ab, ist aber träge, und richtig wärmt er erst Stunden nach dem Einfeuern.

Da hilft der eiserne Kanonenofen, der schneller heizt und den Hausbewohnern das Aufstehen an einem frostigen Wintermorgen angenehmer macht. Das kleine Bild gibt also einen Einblick in die Zeit vor der Zentralheizung und ist deshalb auch volkskundlich interessant.