Die Kroaten-Mission Solothurn ist am kommenden Sonntag zu Gast in der römisch-katholischen Kirche in Dulliken. Nach einer kurzen deutsch-kroatischen Messe sind die Kirchenbesucher zur Premiere eines Filmes eingeladen: «Es handelt sich um eine Mischung aus Musical und Dokumentarfilm. Der Film dreht sich um Kardinal Stepinac», sagt Simun Sito Coric, Missionar und Leiter der Kroaten-Mission Solothurn. Stepinac war ein kroatischer Kardinal, dessen Rolle unter dem faschistischen Ustascha-Regime in Kroatien umstritten ist (siehe Box).

Stepinac ist für Coric «eine religiöse Autorität». «Er war für Kroatien sehr wichtig», betont der Pater. Der neue Film zeige die damaligen Ereignisse, stelle das Leben des Kardinals vor und erzähle von der Geschichte des Landes Kroatien. Er wurde von einer kroatischen Produktionsfirma in Zagreb gedreht. Finanziert wurde der Film laut Coric durch Sponsorenbeiträge, die unter anderem von der Kroaten-Mission und der römisch-katholischen Synode des Kantons Solothurn stammen.

Warten auf Heiligsprechung

Dass Kritiker Stepinac eine Beteiligung an der Ermordung tausender Menschen vorwerfen, weiss Coric. «Die Kommunisten haben nach dem Sturz des Ustascha-Regimes das Bild von Stepinac geprägt. Sie haben ihn absichtlich schlecht dargestellt», sagt Coric. Dieses Bild des Kardinals hafte weiterhin in den Köpfen vieler Leute. Coric lädt deshalb alle Zweifelnden zur Filmvorführung am kommenden Sonntag ein. Man könne viel lernen, meint der Geistliche. Die kroatische Gemeinde warte weiterhin auf die Heiligsprechung ihres Helden: «Der Papst wird Stepinac wahrscheinlich nächstes Jahr heiligsprechen», ist Coric überzeugt.

Die Rolle von Kardinal Stepinac während des faschistischen Regimes lasse sich nicht so leicht einordnen, sagt Nada Boškovska. Sie ist Professorin am Historischen Seminar der Universität Zürich. «Er war ein kroatischer Nationalist, der das Vorhaben eines unabhängigen kroatischen Staats sehr befürwortete», sagt Boškovska.

1941 ermöglichten die Diktatoren Hitler und Mussolini der faschistischen Ustascha-Bewegung, an die Macht zu kommen. Für das Ziel eines reinen Kroatiens wurden gemäss Angaben des Holocaust Memorial Museum zwischen 1941 und 1945 mehr als 300 000 Serben, 30 000 Juden sowie 25 000 Roma ermordet. Das Regime zwang ausserdem hunderttausende orthodoxe Serben, zum Katholizismus überzutreten.

Einige katholische Geistliche beteiligten sich damals an den Massakern des Regimes. Boškovska: «Stepinac war keiner davon, er war kein Kriegsverbrecher. Allerdings hat er sich als höchster Geistlicher dem Regime auch nicht öffentlich und entschlossen entgegengestellt.» Nach der Machtübernahme der Kommunisten wurde Stepinac stellvertretend für Vergehen der katholischen Kirche, die das Regime gestützt hatte, verurteilt. «Ein Stück weit ist eine Neubewertung von Stepinac deshalb gerechtfertigt», so Boškovska. Die «unselige Seligsprechung» des Kardinals im Jahre 1998 habe bei seinen Anhängern Hoffnungen geweckt.

Es gehe aber nicht, die politisch motivierte Verurteilung durch eine Heiligsprechung kompensieren zu wollen. «Das würde mich vom jetzigen Papst sehr überraschen», so die Historikerin. Vielmehr würden so die grausamen Taten und das System des Ustascha-Regimes verharmlost.

Lobbying in der Kirche

Dass am Sonntag in Dulliken ein neuer Film über den kroatischen Kardinal gezeigt wird, beurteilt Boškovska als «politisches und religiöses Lobbying»: Die kroatische Kirche versuche im In- und Ausland am Bild von Stepinac zu schrauben und Stimmung für eine Heiligsprechung zu machen. «Die Schweizer Kirchen sollten dafür keine Plattform bieten. Stepinac war kein Kriegsverbrecher, aber auch kein Heiliger.»