Seit gut einem Monat sind die Türen zur Bäckerei Studer in Schönenwerd geschlossen. Doch die Heinzelmännchen waren über Tage und Wochen im Innendienst im Einsatz. Der Laden wurde geräumt, die anliegenden Zimmer und die Küche geleert und zu guter Letzt die Backstube mit all ihren Geräten. Und dieser zuletzt erwähnte Punkt hat eine besondere Geschichte.

Alles hat zirka im Dezember 2013 angefangen. Andreas Studer las in der Bäckerzeitung ein kleines Inserat: «Gesucht wird ein Backofen». Hier war nicht von einem normalen Haushaltsbackofen die Rede, sondern von einem vom Bäckermeister genutzten, grossen, in die Wand eingebauten Backofen. Bereits im Jahr 2013 wussten die Studers, dass ihre Ära an der Weidengasse/Quartierstrasse in Schönenwerd einmal zu Ende geht und dass dann dieses gesuchte Utensil unbenutzt in der Backstube bleiben würde. Also wurde diese Anzeige ausgeschnitten und an die Pinnwand gepostet.

Ungefähr ein Jahr hing dieser Zettel dort. Noch vor der Adventszeit fiel dem Ehepaar ein, dass vielleicht der Inserent noch keinen Ofen gefunden hat. Also ran ans Telefon und siehe da: «Nein, ich habe noch keinen gefunden! ... Wozu ich den brauche? Ich will ihn nach Kamerun exportieren!» Nach diesem Gespräch reiste der Inserent Jean-Marc Pache nach Schönenwerd und traf sich mit den Studers. Die Betroffenen wurden sich rasch einig: «Bis Ende Januar 2015 muss einfach alles weg sein».

Infrastrukturen fehlen

Jean-Marc Pache (59) wohnt in Seewen SO und ist angestellt bei der EBM Münchenstein in der PR-Abteilung. Bereits als junger Bub besuchte er mit seinem in Paris wohnenden Onkel Flohmärkte und hat sich in afrikanisch-exotisch wirkende Kunstwerke verliebt. Diese Verliebtheit hat bis heute nicht nachgelassen. Er betreibt eine Galerie mit afrikanischer Kunst «aad9 = africans arts Dorfstrasse 9». Auf einem dieser Pariser Flohmärkte ist er dem Kunsthändler Othon Yianganju Flaubert – nur Flaubert genannt – aus Kamerun begegnet. Durch ihn hat Pache dessen Heimat kennen gelernt.

In verschiedenen Gesprächen kamen die beiden darauf, dass es in Kamerun an diversen Infrastrukturen fehlt und diese ausgebaut werden könnten. Unter vielem anderen fehlte es auch an Bäckereien mit richtigen Backöfen und somit auch an Arbeitsplätzen. So entstand die Idee eines Inserats in der Bäckerzeitung. Nach langem Suchen und Warten bot sich die Backstube bei Andreas Studer an. Seit Ende Januar befinden sich die zerlegten Einzelteile, bestehend aus Backofen, Knetapparate, Mischgeräte, Walzen, Bleche und vielem mehr, in Seewen. Die erste Etappe ist beendet.

Ein noch langer Weg steht an

In den nächsten Wochen wird der Vierfach-Backofen, mit einer 10,4 Quadratmeter grossen Backfläche durch einen Fachmann in der Schweiz wieder zusammengestellt und mit den anderen Gerätschaften in einen Container geladen. Per LKW kommt der Transport nach Rotterdam. Dort wird das Ganze eingeschifft. Laut Jean-Marc Pache dauert die Seereise nach Duala ungefähr drei Wochen. «Eine weitere Möglichkeit wäre», so der Hauptverantwortliche «das komplette Gut auf einen alten Lastwagen zu laden und so einzuschiffen. Es ist noch nicht klar, ob Container oder LKW. Der Transport ab Zielhafen ist Sache der Empfänger». Die Verzollung in Duala könnte länger dauern, als die Seereise, eventuell auch Monate. Der Zielort Foumban liegt im westlichen Kamerun und etwa 500 Kilometer von der Hafenstadt Duala entfernt. Der Ort hat etwas mehr als 113 000 Einwohner und ist die traditionelle Hauptstadt des Königreiches Bamum, des südlichsten Sultanats Kameruns.

Stimmt es, dass Backofen & Co zuerst aufgestellt und die Backstube rundherum gebaut wird? Jean-Marc Pache antwortet lächelnd: «Nein, nicht ganz. Es ist einfach wichtig, dass wir einen Ort finden, der über einen starken Stromanschluss verfügt und auch ein grosses Tor, durch welches der Ofen ins Innere geschoben werden kann. Es müssen auch Nebenräume und Kühlräume vorhanden sein.» Dazu seien auch Investitionen seitens der Flauberts nötig. Vielleicht müsste die Familie ein Stück Land verkaufen, um zu Bargeld zu kommen.

Arbeitsplätze für ganze Familie

Nach der Auskunft von Flaubert gibt es genug Leute, die Brot backen können. Die sich auch mit Mehl, Hefe und den notwendigen Hygienevorschriften auskennen. «Die Familie Flaubert ist von dieser Geschichte bestimmt betroffen», beantwortet der Projektleiter die entsprechende Frage. «Die Bäckerei soll ja Arbeitsplätze für die ganze Familie schaffen. Diese besteht mit allen Verwandten, Kindern und Bekannten schnell aus über 100 Personen. Othon Yianganju Flaubert ist dann für die Bäckerei zuständig, er muss alles selbstständig managen und der Betrieb geht auch in seinen Besitz über.» Er sei das Oberhaupt der Familie und leitet die Geschicke der Sippe. Daher sei anzunehmen, dass Flaubert die Kompetenzen habe und über ein entsprechendes Netzwerk bei den Behörden verfüge. «Bei so einem Projekt ist es wichtig», so Pache, «dass man eine persönliche Bezugsperson hat, sonst läuft wohl gar nichts.»

Startschuss für weitere Backstuben?

In welchen Mengen und was denn gebacken werde? Die Idee sei vor allem verschiedene Brote herzustellen, später auch Weggli, Gipfeli, Pizzas, süsse Gebäcke. All diese Endprodukte seien aber eher für die Mittelschicht plus Restaurants, Hotels und Touristen gedacht. Jean-Marc Pache spinnt seine Gedanken weiter: «Wenn dieses Projekt erfolgreich wird, könnten vielleicht eine oder mehrere weitere Backstuben eröffnet werden. Vielleich kann dann auch etwas in Richtung Ausbildung in die Wege geleitet werden. Aber hier wäre der Schweizerische Bäckermeisterverband als Partner erwünscht.» Jean-Marc Pache hat noch dieses Jahr eine Reise nach Kamerun ins Auge gefasst, um die Umsetzung seines Projektes zu begutachten.

Wenn sich diese Visionen in Tatsachen umwandeln, ist das Ziel erreicht. Dann hat sich die Warterei auf eine komplette Backstube gelohnt, ebenso der ganze Aufwand und die Kosten. Damit gäbe die Backstube einer Quartierbäckerei in einem kleinen Ort in der mit vier Jahreszeiten gesegneten Schweiz einer Familienbäckerei im fremden tropischen Land namens Kamerun eine Zukunft.