Schönenwerd

Eine Familie kämpft um ihr persisches Restaurant – «bis zum letzten Spiess»

Seit einem halben Jahr führt die Familie Shafiee ein persisches Restaurant im Dorfkern von Schönenwerd. Die vierköpfige Familie war 2010 aus dem Iran geflüchtet.

Voller Stolz steht Siamak Shafiee, Inhaber und Koch des Restaurants Shiraz, hinter der Theke in seinem Lokal an der Schmiedegasse 7 in Schönenwerd und begrüsst seine Gäste mit einem einladenden Lächeln. Das Restaurant ist nach seiner Heimatstadt im Iran benannt. Wird der Gast vom Sohn der Familie, Keyvan Shafiee, an einen Tisch geführt, hat er das Gefühl, eine andere Welt zu betreten. Türkis und Gold schimmert an den Wänden, der Duft von Safran und Zitrone schwebt vom Grill durch den Raum und im Hintergrund hört man leise persische Musik spielen.

An langen Spiessen brutzeln Tomaten, Geflügel-, Rind- und Lammfleisch auf dem Grill. Der Familienbetrieb ist seit April dieses Jahres offen und soll vor allem Schweizern die persische Küche näher bringen. Doch der Weg zum eigenen Restaurant war für die vierköpfige Flüchtlingsfamilie kein einfacher.

Politische Probleme und Gefängnis

«Alles begann, als ich im Iran ins Gefängnis musste», erzählt der Koch schwermütig. Drei Monate Einzelhaft, einen zweitägigen Hungerstreik und zwei Jahre in einem iranischen Gefängnis musste Shafiee über sich ergehen lassen. «Weil er eine Demonstration gefilmt hat», fügt sein Sohn kopfschüttelnd an. Auch er und seine Mutter Fourouzah Nassari mussten einen Monat in Haft verbringen. Nach diesen Ereignissen und weiteren politischen Problemen war sich die Familie einig: Sie mussten den Iran verlassen. Dies taten sie im Jahr 2010. Nach einem kurzen Aufenthalt in einem Basler Asylzentrum wurde die Familie nach Oberbuchsiten und anschliessend nach Schönenwerd verlegt.

Als er von seinen Mitschülern im Deutschkurs immer wieder Komplimente für seine persischen Spezialitäten erhielt und nach Rezepten gefragt wurde, entwickelte sich Shafiees Traum des eigenen Gastrobetriebs. Ausserdem sei ihm in der Migros aufgefallen, wie viele Kunden Fertigprodukte kaufen. «Das konnte ich kaum glauben. In der persischen Küche sind frische, qualitativ hochwertige Produkte wichtig. Das wollte ich den Menschen näherbringen, die immer nur Aufschnitt essen», lacht der Inhaber, der schon in Shiraz als Koch arbeitete.

Wichtig sei der Familie auch gewesen, ihren Lebensunterhalt selber zu verdienen, und nicht auf Sozialhilfe angewiesen zu sein. «Wir wollen auf eigenen Beinen stehen», so Keyvan Shafiee. Sein Vater fügt an: «Wir wollen uns integrieren und unabhängig leben. Unser eigenes Geld verdienen, Steuern zahlen, ein Auto fahren. Dafür arbeiten wir hart.» 

Auch sei der Familie aufgefallen, dass es in der Region kein persisches Restaurant gebe. Dies wollten sie ändern. Doch bis das Restaurant Shiraz eröffnet wurde, mussten noch einige Hürden überwunden werden. So sei beispielsweise der finanzielle Aspekt schwierig gewesen, erklärt der Sohn: «Einem Flüchtling will eben niemand einen Kredit geben.» Die in Shiraz gebliebene Grossmutter Keyvans habe darauf ihren Schmuck verkauft, um der Familie in der Schweiz zu helfen.

Auch der Bruder der Ehefrau habe die Shafiees unterstützt. Auf die Frage, ob es abgesehen von den Finanzen auch andere Probleme gab, lachen die beiden und blicken gleichzeitig zum Dampfabzug. Um eine gute Lüftung zu besorgen, habe die Familie ungefähr ein halbes Jahr gebraucht und etliche Reisen unternehmen müssen. Ohne Auto sei dies besonders aufwendig und zeitintensiv gewesen.

Was der Bauer nicht kennt...

Im April 2016 wurden die Shafiees für ihre Ausdauer belohnt, als sie die Tore des Restaurants öffnen konnten. Das Geschäft laufe seit der Eröffnung unterschiedlich: An manchen Tagen stehen die Menschen draussen Schlange, an anderen kommt kein einziger Gast. Einige Stammgäste kehren jedoch fast täglich im Restaurant ein. So beispielsweise eine alte Dame, die mit Shafiee gerne darüber witzelt, dass sie sich nach einem Abendessen bei ihm so wohl fühlt, dass sie kein Schlafmittel mehr brauche. Alles in allem, so äussern sich die beiden, haben sie noch zu wenig Gäste.

Viele Leute seien skeptisch, da sie persisches Essen nicht kennen. «Sie wissen nicht, was sie erwartet, und probieren es deshalb nicht», so der Koch. Beim Essen eines saftigen, in Safran und Zitrone marinierten Pouletspiess und dem typisch iranischen Reis wird klar: Wer es nicht probiert, verpasst etwas.

Shafiee habe viele verschiedene Lieferanten getestet, bis er die Zutaten gefunden habe, die dem authentischen, persischen Essen entsprachen. Gewisse Zutaten, wie das Gewürz für den Tee, sendet sein Vater ihm sogar aus Shiraz. Den Tee geniessen die Gäste am besten dann, wenn der Sohn Keyvan seine grosse Leidenschaft, das Singen, an der Theke des Restaurants übt. Dass viel Gefühl mitschwingt, wenn er die Zeilen eines 800-jährigen Gedichtes von Hafiz in klassischer Melodie singt, ist spürbar. Neben seiner Leidenschaft hilft Keyvan Shafiee am Wochenende und abends im Restaurant aus, unter der Woche studiert er an der ETH Physik. Doch zurzeit sucht er einen Job, um die Familie zu unterstützen.

Keyvan Shafiee singt ein Gedicht von Hafiz

Keyvan Shafiee singt ein Gedicht von Hafiz

Das Ende soll verhindert werden

Seit 2016 gilt im Kanton Solothurn die Vorschrift, dass man einen Wirtepatentkurs besuchen muss, um ein Restaurant zu führen. Dieser müsse innerhalb eines Jahres nach der Eröffnung erfolgen und koste 5000 Franken. Geld, das die Shafiees nicht haben. Um beim Sparen für den Kurs zu helfen, legt der Sohn sein Physikstudium vorübergehend auf Eis. «Falls es nicht klappt, möchte ich nicht zurückblicken und sehen, dass ich hätte helfen können. Ich möchte sagen können, dass ich immerhin alles probiert habe, was nur möglich war», sagt er.

Denn falls die 5000 Franken nicht rechtzeitig zusammenkommen, muss die Familie den Betrieb im April 2017 schliessen. Aber trotz allen Hindernissen bleiben sie positiv: «Ich kämpfe bis zum letzten Spiess», lacht Siamak Shafiee.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1