Ballyana

Ein Jahrhundert modisch durchschritten: Die Entwicklung der Bally-Herrenschuhe

Ballyana-Pressechef Martin Matter (links) und Historiker André Schluchter (rechts) im Gespräch bei einer Vitrine.

Die Sonderausstellung "Bally Monsieur" rückt den Herrenschuh in den Fokus

Ballyana-Pressechef Martin Matter (links) und Historiker André Schluchter (rechts) im Gespräch bei einer Vitrine.

Der Historiker André Schluchter stellte in einem Vortrag in der Ballyana in Schönenwerd die Entwicklung der Bally-Herrenschuhe dar.

«Bally bietet mehr», hiess ein oft verwendeter Firmenslogan aus den Zeiten, als in Schönenwerd noch Schuhe produziert wurden. Dass Bally ein Synonym für Merkmale wie Qualität, Mode und Habitus bildete, zeigte André Schluchter in seinem gut einstündigen Vortrag. Sein Thema im Rahmen der aktuellen Sonderausstellung «Bally Monsieur» stiess auf offene Ohren: Gegen 50 Personen, darunter zahlreiche pensionierte «Ballyaner», hatten sich am vergangenen Dienstagabend im kühlen Lagerraum hinter der Dauerausstellung versammelt. Anhand von zahlreichen Plakaten, Fotos und Ausschnitten aus der Firmen-Zeitung zeigte der Historiker aus Olten, wie sich die Mode der Bally-Herrenschuhe im Laufe des 20. Jahrhunderts veränderte.

Schluchter stellte zunächst den «Ballyaner», den Arbeiter und Angestellten der Bally-Fabrik, in den Mittelpunkt seiner Untersuchung. «Ballyaner sollten sich in guter körperlicher und geistiger Verfassung befinden», erklärte Schluchter. Gute Verköstigung und Erholungsflächen waren der Firma wichtig, gefördert wurde auch der eigene Gemüseanbau. Ziel vieler Ballyaner sei der Erwerb eines «Ballyhauses» mit eigenem Garten gewesen. Denn damals gehörten Arbeit und Privates eng zusammen: «Der gute Ballyaner war mit einer Ballyanerin verheiratet», so Schluchter. Für seine Recherchen studierte er insbesondere die Bally-Hauszeitung, die einen Eindruck der jeweiligen Epoche vermittelt.

Gerade in den 1930er-Jahren wurde der Besuch von Fussballspielen sehr populär. Die Hauszeitung sah diese Freizeitbeschäftigung ungern und plädierte stattdessen, die Zeit mit der Familie zu verbringen. Die männlichen Leser wurden um «ritterliches Verhalten gegenüber der Frau» ermahnt. Auch sollte der Gatte seine Angetraute am Sonntag von der täglichen Arbeit entlasten. «Der Mann soll doch aufstehen und für einmal das Zmorge bereitmachen», fasste Schluchter die Botschaft unter Gelächter zusammen.

Sozialprestige wie einst bei der Swissair

Eine Arbeitsstelle bei Bally habe ein hohes Sozialprestige gehabt, «vergleichbar wie einst bei der Swissair», sagte Schluchter. Seitens der Firma gab es auch ­Anforderungen, die über das rein fachliche Können hinausgingen. «Ein Ballyaner musste den tadellosen Charakter eines Gentleman besitzen», führte Schluchter aus. Leistungsbereitschaft und Bescheidenheit waren selbstverständlich. Wer in eine Chefposition gelangen wollte, musste Führungsqualität mitbringen, was mit dem Offiziersrang einherging. Auslandserfahrung, Willenskraft und Verhandlungsgeschick halfen für eine Bally-Karriere. Die Angestellten zeigten oft eine lebenslange Treue zur Firma. «40-jährige, 50-jährige Dienstjubiläen waren keine Seltenheit», stellte Schluchter anhand der Hauszeitungen fest, wo die Beschenkten abgebildet wurden.

Der «distinguierte Herr im dunklen Anzug»

Im zweiten Teil des Vortrages ging Schluchter auf die männliche Kundschaft ein, an die sich Bally wandte. Während in der Bally-Werbung für Damenschuhe die Erotik des weiblichen Beines und Fusses speziell in Szene gesetzt wurde, trat dieser Aspekt bei den Herren ganz in den Hintergrund, wie Schluchter anhand von historischen Plakaten aufzeigte.

Zielgruppe war, als sich Bally im oberen Preissegment positioniert hatte, «der distinguierte Herr im dunklen Anzug und den passenden Schuhen». In den Kollektionen der Nachkriegszeit wurde das Design entsprechend den kulturellen Gepflogenheiten eines Landes angepasst: Das Modell «Paris» beispielsweise zeichnete sich durch aparte, grazile Linien aus, das Modell «New York» dagegen war ein Golf-Schuh, der Tempo signalisieren sollte.

In den Nachkriegsjahren beginnt sich der «Casual-Stil» zu etabliere und nach 1968 verschwanden Eleganz und Noblesse fast gänzlich. Vor allem der Loafer setzte neue Akzente. «Jugendlichkeit setzte sich durch», kommentierte Schluchter den Stilwechsel. 1979 erschien das erste männliche Model auf der Frontseite der Hauszeitung. Allerdings blieb der klassische schwarze Halbschuh weiterhin weit verbreitet. Ein eindrückliches Bild zeigte Max Daetwyler, den «Mann mit der weissen Fahne», der 1964 den Roten Platz in Moskau in einem Paar geschenkter Bally-Schuhe überquerte. Weltgeschichte made in Schönenwerd.

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