Dulliken

Ein haariges Problem? – der Familienbetrieb Hair Plus AG weiss um Rat

Cordula Berger (M.) und die beiden Mitarbeiterinnen Carmen Probst (l.) und Rosanna Pagnotta (r.) kennen sich mit Haarteilen und Perücken aller Art aus.

Cordula Berger (M.) und die beiden Mitarbeiterinnen Carmen Probst (l.) und Rosanna Pagnotta (r.) kennen sich mit Haarteilen und Perücken aller Art aus.

Der auf Zweithaare spezialisierte Familienbetrieb Hair Plus AG in Dulliken wird in der zweiten Generation geführt. Angefangen hat alles im Oktober 1963.

Im Dulliker Industrie- und Gewerbequartier Bodenacker soll sich das angeblich grösste Haarhaus der Schweiz befinden. Wer nun dahinter ein unpersönliches Grossunternehmen oder die Niederlassung einer internationalen Handelskette erwartet, täuscht sich. Die Hair Plus AG ist ein reiner Familienbetrieb und seit je in Dulliken verwurzelt.

Angefangen hat alles mit einem kleinen Coiffeurgeschäft, das Balthasar Müller im Oktober 1963 an der Niederämterstrasse eröffnete. Um das Angebot zu erweitern, nahm er schon früh Toupets und Perücken ins Sortiment auf. Aber er beliess es nicht dabei: Müller fand Gefallen daran, Haarteile individuell anzupassen und begann, diese Disziplin wettkampfmässig auszuüben.

An zahlreichen Wettbewerben und auch an Schweizer- und Europameisterschaften habe er teilgenommen, erzählt der Firmengründer rückblickend. «Dank der Titel, die ich dabei gewann, konnte ich mir einen Namen machen. Das Geschäft in Dulliken lief dadurch immer besser.» Der Betrieb wurde stetig ausgebaut, der Coiffeursalon an die Jurastrasse gezügelt. Das klassische Coiffeurgeschäft rückte zunehmend in den Hintergrund.

Seit etwa 15 Jahren dreht sich in der Hair Plus AG alles nur noch ums Zweithaar: Von Perücken über Toupets bis zu Haarteilen und Extensions ist hier alles erhältlich, was dem Kopf zu mehr Haar verhilft. 2010 erfolgte der Umzug an den heutigen Standort an der Hardstrasse 77.

Zweite Generation am Ruder

Über die ganzen Jahre hinweg konnte Müller immer auf die Unterstützung seiner Frau Josefine zählen. Auch Tochter Cordula Berger, gelernte Herren- und Damencoiffeuse, arbeitete stets im elterlichen Betrieb mit. Unterdessen ist sie Geschäftsführerin des Familienunternehmens. Die Eltern sind aber immer noch im Tagesgeschäft tätig, sagt Berger. «Ich bin froh, auf ihren Erfahrungsschatz zurückgreifen zu können.» Unterstützt wird sie zudem von den beiden Angestellten Carmen Probst und Rosanna Pagnotta.

Bergers Vater hat miterlebt, wie sich die Zweithaarprodukte in den letzten 50 Jahren weiterentwickelt haben. «Zu Beginn waren die Haarteile noch richtige Teppiche – dicht und steif», erinnert er sich zurück. Unterdessen sind Perücken und Toupets so leicht verarbeitet, dass sie kaum mehr als solche erkennbar sind. Die synthetischen Fasern, aus denen die Kunsthaare gemacht sind, fühlen sich wie echtes Haar an.

Es gibt Monturen, bei denen die Haare einzeln von Hand in ein hauchzartes Gewebe eingeknüpft werden, sodass die Kopfhaut durchscheint – Scheitel und Haaransatz sehen dadurch natürlich aus. Auch bei der Farbpalette hat sich einiges getan: «Früher gab es vier Varianten: einheitliches Braun, Blond, Rot und Schwarz», so Berger. Heute sind bereits einzelne Haarsträhnen aus drei bis vier Farbtönen zusammengesetzt. Zudem gibt es Perücken mit Mèche und dunklen Haaransätzen. Die Bandbreite umfasst auch graue Töne und – dem aktuellen Trend folgend – blaue.

Perücken vor allem bei Haarausfall

Nicht nur Material und Verarbeitung haben sich in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt. Auch der Einsatz der Haarteile hat einen Wandel erfahren. «Um 1970 gab es einen richtigen Perücken-Boom – jede Frau musste eine haben», erzählt Berger.

Heute sind Perücken nur noch selten reine Mode-Accessoires: «Nahezu alle unsere Kunden kommen aus medizinischen Gründen zu uns.» Am häufigsten seien es Krebspatientinnen, denen die Haare nach der Chemotherapie ausgefallen seien. Oder Patienten, die von Alopecia areata – dem sogenannt kreisrunden Haarausfall – betroffen sind. Operationsnarben oder Verbrennungen am Kopf können ebenfalls zu haarlosen Stellen führen. Viele Männer sind von erblich bedingter Glatzenbildung betroffen. Und schliesslich gibt es Frauen, die nach den Wechseljahren hormonbedingt unter dünnem Haarwuchs leiden.

Wer also im Zweithaargeschäft tätig ist, wird ständig mit Krankheitsgeschichten konfrontiert. Berger musste den Umgang damit erst lernen: «Man darf sich die einzelnen Schicksale während der Arbeit nicht zu nahe gehen lassen, sonst wird es schwierig, professionell zu bleiben.» Aber nach Feierabend würden sie die Geschichten oft beschäftigen. «In diesen Momenten schätze ich den Rückhalt, den mir meine Familie gibt.»

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